Wir schaffen das – Strategische Überlegungen zum Weltflüchtlingstag

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KEINE PANIK – In großen, freundlichen Buchstaben säumen diese Worte das Titelblatt des Reiseführers Per Anhalter durch die Galaxis in der gleichnamigen Science-Fiction-Komödie von Douglas Adams.

Diesen Ratschlag sollten wir uns in diesen Tagen der rhetorischen Eskalation und Schwarzmalerei in der Politik mehr denn je zu Herzen nehmen – auch oder besonders heute, am Weltflüchtlingstag. Die UNO-Flüchtlingshilfe hat dazu aufgerufen, eine lautstarke Antwort gegen Vorurteile, Hass und Gewalt in der Öffentlichkeit und besonders im Netz zu formulieren. Um die Dringlichkeit des Anliegens zu unterstreichen und Unterstützung zu mobilisieren, wurden uns auch die neuesten Zahlen der jährlichen Flüchtlingsstatistik mitgeschickt.

Auch wenn diese Zahlen wichtig sind, um den Entwicklungstrend der globalen Flüchtlingssituation zu verfolgen und die wichtigsten Krisenregionen und humanitären Aufgaben zu identifizieren, halte ich sie beim jetzigem Stand der Debatte nicht für die wesentlichsten Zahlen, die die Öffentlichkeit kennen muss. Ich bin skeptisch, ob sie in der Lage sind, eine Trendwende der öffentlichen Diskussion und der konkreten Migrationspolitik in Deutschland und Europa herbeizuführen.

Dass die Anzahl der Flüchtlinge global hoch und ihre Lebenssituation häufig sehr dramatisch ist, dürfte den allermeisten Menschen mittlerweile durch die Dauerpräsenz der Thematik nur allzu bewusst sein. Es ist zweifelhaft, dass das Wiederholen dieser Tatsachen einen substantiellen Anteil von Menschen dazu bringt, ihre Ansichten zu verändern oder tatsächliche Unterstützung für Geflüchtete zu mobilisieren.

Vielmehr könnte es sein, dass das wichtigste und wirksamste Mittel, um Menschen zum Spenden, zu praktischer Hilfe und Engagement zu bewegen ist, sie zu begeistern. Dies erfordert einen auf Fakten basierenden, militanten Optimismus. Daher möchte ich Dich, lieber Leser, am heutigen Tage auf andere Zahlen stoßen, die nicht aus der Flüchtlingsstatistik stammen.

Bitte gehe auf folgende Seite und beantworte die 13 Fragen, betrachte die Auswertung und kehre anschließend zu diesem Artikel zurück:

http://forms.gapminder.org/s3/test-2018

Wenn Du in diesem Test – wie die allermeisten Menschen – ein miserables Ergebnis erzielt hast, brauchst Du Dich nicht zu schämen. Kein oder falsches Wissen zu haben ist keine Schande, wenn man bereit ist, seine Ansichten zu revidieren. In dem Test schlecht abzuschließen, bedeutet allerdings – und dies ist ein Grund zur Freude –, dass die Welt in einem sehr viel besseren Zustand ist, als Du geglaubt hast.

Wenn Du in diesem Test sehr gut abgeschlossen hast, dann liegt das vermutlich daran, dass Du bereits einen oder mehrere Vorträge des kürzlich verstorbenen, schwedischen Professors für Internationale Gesundheit, Hans Rosling, gesehen hast. In den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens trat er vielfach als brillanter Kommunikator einer auf Fakten basierenden Weltsicht auf und klärte seine Zuhörer über die dramatischen Veränderungen der Welt seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf. Seine Erkenntnisse und Ratschläge hat er kurz vor seinem Tod in einem sehr unterhaltsamen und lehrreichen Buch zusammengetragen: Factfulness.

Warum halte ich diese Zahlen an diesem Tag für wichtiger als jene der globalen Flüchtlingsstatistik? Weil sie Mut machen! Die zahlreichen positiven Trends in der Bekämpfung von Armut und der Förderung von Bildung und Gesundheit belegen nicht, dass die Welt in bester Ordnung ist und man sich zufrieden zurücklehnen kann. Im Gegenteil zeigen sie, dass es sich lohnt zu handeln. Sie zeigen, dass Fortschritt nicht nur möglich ist, sondern real existiert. Sie zeigen, dass unbewältigbar scheinende Probleme, wie beispielsweise Massenarmut, zu bewältigen sind und von zahlreichen Ländern bereits bewältigt wurden. Sie zeigen auch, wie unentbehrlich die Arbeit von Hilfsorganisationen wie dem UNHCR sind, um das Leben von Millionen von Menschen in Not zu verbessern.

Ich glaube mittlerweile fest an die Realität selbsterfüllender Prophezeiungen in der Politik. Wenn Meinungsmacher tausendfach wiederholen, die Stimmung in Deutschland kippe, dann kippt die Stimmung tatsächlich in den Köpfen vieler Menschen. Dies muss auch in die positive Richtung funktionieren. Dazu bedarf es mutiger und provokanter Menschen, die der Opferrhetorik der professionellen Nörgler, Schwarzmaler und Hetzer offensiv entgegentreten und Hoffnung statt Angst verbreiten. Menschen, die den Ausspruch „Wir schaffen das!“ mit Überzeugung verteidigen. Denn – und da besteht für mich nicht der geringste Zweifel – natürlich schaffen wir das. Nicht irgendwann in der Zukunft, sondern schon seit drei Jahren, jeden Tag, mit Millionen von engagierten Helfern und unglaublich zähen, lebensmutigen Geflüchteten, von denen jeder mehr Biss und Lebensmut beweist als alle larmoyanten Jammerlappen der rechtskonservativen Selbstbemitleider zusammen.

Foto by Adam Wolf, Flickr, licensed under (CC BY-SA 2.0)

Es ist höchste Zeit, dass sich im linken politischen Spektrum ein kampfeslustiges Selbstbewusstsein etabliert, dass sich nicht duckmäuserisch in vorauseilendem Gehorsam gegenüber einer vermuteten „öffentlichen Meinung“ rechten Positionen in der Migrationspolitik anbiedert. Stattdessen bedarf es eigener humanitärer und schlauer Konzepte für eine europäisch koordinierte Flüchtlingspolitik. Dazu gehört auch deutlich zu machen, dass der Druck, der für die sozial benachteiligten Schichten der Bevölkerung – etwa am Wohnungsmarkt oder an den Tafeln – entstanden ist, seinen wahren Grund in Jahrzehnten verfehlter Sozial- und Wirtschaftspolitik hat.

Migration – das muss endlich klar formuliert werden – ist keine Gefahr, sondern eine riesengroße Chance. Nicht nur für die Millionen Geflüchteten selbst, sondern auch für die Aufnahmeländer und die Weltwirtschaft insgesamt. Es wird Zeit, den Ton zu verändern. Es wird Zeit, den Glauben, man könne eine der drängendsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts durch Grenzkontrollen und Militarismus meistern, als das zu bezeichnen, was er ist – ein dummer, schlechter Witz.

Wir sollten den Weltflüchtlingstag zum einen zum Anlass nehmen, reichlich zu spenden, die Hilfsorganisationen und die millionenfachen Helfer zu würdigen oder selbst aktiv zu werden. Wir sollten außerdem überlegen, wie wir wieder mehr Zivilität und Humanität in der Politik etablieren und linken Parteien nicht trotz, sondern wegen kühner Vorschläge in der Migrationspolitik zu Wahlsiegen verhelfen.

KEINE PANIK. Wir schaffen das.

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