Magazin

Keine voreiligen Entscheidungen: Mutti’s Road

image_pdfimage_print

Wie in unserem Eingangspost angedroht, wollen wir in diesem Blog nicht nur Themen anschneiden und unsere Meinungen in die Welt posaunen, sondern auch gerne ausführlich darüber diskutieren – insbesondere mit Leuten, die alles ganz anders sehen. Zu diesem Zweck werden wir in unregelmäßigen Abständen Ein- und Widersprüche von Gastautoren als eigenständige Artikel veröffentlichen. Diese Woche ist unser Gastautor Simon Basler, FDP-Mitglied aus Weil am Rhein, der derzeit in Berlin seine Master-Arbeit in Corporate Management and Economics schreibt.

Der Luxus des Entscheidens

Julian plädiert in seinem Artikel „The Road Not Taken“ für schnellere Entscheidungen, gerade in der Politik, und kritisiert das angebliche „Rumlavieren“ der derzeitigen Bundesregierung. Er weist auf die Gefahren der Multioptionsstrategie hin, beschreibt die Entscheidungsdilemmata der Generation Y und ruft uns zum Schluss dazu auf, erwachsen zu werden.

„Keine voreiligen Entscheidungen: Mutti’s Road“ weiterlesen

The Road Not Taken

image_pdfimage_print

Two roads diverge in a wood

Manchmal gabelt sich das Leben – und dann muss man sich entscheiden. Ob das jetzt der Beruf ist, für den man fünf Jahre studiert hat, ob es doch nochmal an die Uni geht oder ob das jetzt der Partner fürs Leben ist. Wer möchte schon am Ende reumütig zurückblicken und sich denken – hätte ich mich damals doch anders entschieden.

Um die Limbostange des Lebens noch ein bisschen tiefer zu hängen, kommen solche Entscheidungen natürlich gleich im halben Dutzend. Die Reaktion ist wohlvertraut, ist sie doch mit dem Paradoxon vergleichbar, bei extrem vielen Aufgaben gar nichts mehr zu tun: Entscheidungsverweigerung.
Es hilft alles nichts – die Entscheidung muss gefällt werden.

And I, I took the road less travelled by

Vielleicht haben die Amerikaner den Poeten Robert Frost deshalb als Nationalikone auserwählt, weil er sie kollektiv von diesem Entscheidungsdilemma befreit. Vielleicht auch, weil er mit einer Klarheit und Eindringlichkeit uramerikanische Werte zu vermitteln vermag wie kein Anderer. In seinem Gedicht The Road not Taken aus dem Mountain Interval schreibt er:

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I –
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Man kann sich ihn gut vorstellen, wie er seufzend erzählt, dass er vor dieser Weggabelung stand und den riskanteren Weg wählte. Und genau diese eine Entscheidung, den weniger begangenen Weg zu wählen, hat den Unterschied gemacht. Er selbst, durch seine Entscheidung, machte den Unterschied.

Es ist eine Offenbarung, die besagt, dass du für dein eigenes Leben verantwortlich bist. Implizit begründet dieses Gedicht eine Entscheidungsschwere und Ergebniskompromisslosigkeit, die bis heute meist falsch gedeutet werden. Sie stehen im direkten Gegensatz zum Schicksal, jener vom  Katholizismus geprägten europäischen Auffassung von Entscheidungsfähigkeit. Das Gedicht dagegen ist ein Manifest des Individuums und eine Ode an den Pioniergeist. Darüber hinaus ist es eine Blaupause der Entscheidungsfindung.

And that has made all the difference

Aber Frost ist keinesfalls der Einzige mit einem Beitrag zur menschlichen Entscheidungsfindung. Weniger poetisch, aber genauso unterhaltsam ist Daniel Kahneman – Psychologe, Nobelpreisträger für Ökonomie und emeritierter Berkeley-Professor. In seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denkenfasst er die Ergebnisse seiner gemeinsam mit Amos Tversky durchgeführten Forschungen zusammen. Seinen Wirtschaftsnobelpreis erhielt er jedoch für die Modellierung menschlicher Entscheidungsfindung. Seine Errungenschaft ist eine Theorie, die über den sogenannten homo oeconomicus hinausgeht. Dieses Einhorn ordoliberaler Ammenmärchen geht davon aus, dass jeder immer rational handelt. Jeder. Immer. Die britische Wirtschaftszeitung The Economist bezeichnet den homo oeconomicus deshalb auch gerne als Mr. Spock der Entscheidungstheorie. 

Die einen wenden jetzt ein, dass sie überraschenderweise Menschen kennen, die manchmal nicht rational handeln, die Nerds unter uns weisen darauf hin, dass Mr. Spock nun mal kein Mensch sei. Eines dieser beiden Argumente muss Herrn Kahneman dazu veranlasst haben, sich auf die Suche nach einer neuen Erwartungstheorie zu machen. Was er fand, basierte auf dem alten Muster, wurde jedoch um eine lange Liste von so genannten kognitiven Verzerrungen ergänzt. Kahnemans Vorstellung, wie wir Entscheidungen treffen, ist also im Grunde vergleichbar mit der französischen Sprache – eigentlich logisch aufgebaut, aber mit so vielen Ausnahmen gespickt, dass die Regel zur Ausnahme wird. 

Diese Ausnahmen, also kognitive Verzerrungen, sind hochspannend. Sie zerfurchen unseren Entscheidungsprozess bis zur Unkenntlichkeit. Das passt jedoch überhaupt nicht ins Bild von Robert Frosts Gedicht – belügt sich der Protagonist selber, wenn er sagt, dass seine Handlungen den Unterschied gemacht haben? 

Ja, wenn es nach Kahneman geht. Und bereits mit einfachen Experimenten [http://www.youtube.com/watch?v=vJG698U2Mvo] lässt sich zeigen, wie erschreckend manipulierbar [http://www.youtube.com/watch?v=4-HxtKgKrL8] unsere Wahrnehmung ist. Unser Gehirn ist eine Sinngebungsmaschine: Damit es ins Bild (dem eigenen, der sozialen Erwünschtheit, der Erwartungshaltung) passt, verdrängt, verbiegt oder verändert unser Gehirn hemmungslos Tatsachen. Kahneman bringt das etwas nüchterner auf den Punkt:  

Die Sinngebungsmaschinerie von System I lässt uns die Welt geordneter, einfacher, vorhersagbarer und kohärenter sehen, als sie tatsächlich ist. Die Illusion, man habe die Vergangenheit verstanden, nährt die weitere Illusion, man könne die Zukunft vorhersagen und kontrollieren. Diese Illusionen sind beruhigend. Sie verringern die Angst, die wir zu spüren bekämen, wenn wir uns die Ungewissheiten des Daseins uneingeschränkt bewusst machen würden. (Kahneman, S. 254) 

Diese Illusionen der Entscheidungskompetenz und des Verstehens beeinflussen menschliches Handeln in allen Bereichen. Und das nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch. Über Jahre hinweg nutzte Nassim Taleb diese Erkenntnisse, um an der Börse die kognitiven Verzerrungen der Akteure gegeneinander auszuspielen. Er erkannte, dass extrem seltene Ereignisse, er nannte sie zu Ehren Karl Poppers „schwarze Schwäne“, häufiger auftreten mussten als bisher angenommen. Dies bewies er eben jener Zunft, die traditionell an das Einhorn des homo oeconomicus glaubte. Taleb forscht nicht nur weiterhin zu Risiken durch kognitive Verzerrung, sondern hat mit seinen Börsenaktivitäten über Jahre hinweg ein Vermögen erwirtschaftet.

Both needed wear

Auf einmal wirkt also der gute Robert Frost ein wenig naiv. Aber der Eindruck täuscht, denn es ist entscheidend, welchen Auszug des Gedichts man wählt. Vor der im zweiten Abschnitt erwähnten Passage schreibt er:
Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that the passing there
Had worn them really about the same,
Das ist unglaublich. Er beschreibt, wie er vorher zaudernd vor dieser Weggabelung steht und beide Straßen eigentlich gleich sind. Mehr noch, sie sind sogar gleich begangen. Ein paar Abschnitte weiter erzählt er dann heroisch, wie er den Unterschied machte, als er die weniger begangene Straße wählte. Er schafft es innerhalb eines Gedichtes, uns so sehr über den Tisch zu ziehen, dass wir die Reibung als Nestwärme wahrnehmen. Dieser alte Herr mit seiner klaren, sehr direkten Sprache, der Assoziation mit New Hampshire und der Affirmation traditioneller Werte hält uns vor Augen, wie sehr wir seinem kognitiven Bias unterlegen sind. Und das Schlimme ist – er klärt uns noch nicht mal auf.
In Amerika gilt Robert Frost weiterhin als Vertreter reiner, gutartiger amerikanischer Wertvorstellungen. Seine Werke sind Standardstoff jeder Highschool, wie es Goethes in Deutschland sind. Niemand gewann häufiger den Pulitzer Prize. Robert Frost ist einer von Amerikas raren „öffentlichen literarischen Personen, fast schon eine künstlerische Institution“. In der Literaturforschung ist die Einordnung des Dichters Robert Frost jedoch nicht einheitlich. In einer sehr empfehlenswerten Vorlesung widmet sich beispielsweise Kevin Murphy, Professor am Englischkolleg der Ithaca University, The Road not Taken.
Abschließend ist eine Anekdote zum 85. Geburtstags Robert Frosts zu erwähnen. Zu Frosts Ehren wurde der Literaturkritiker Lionel Trilling gebeten eine Rede zu halten. Er schockierte die Anwesenden mit dem Geständnis, dass er Frosts Gedichte erst kürzlich für ihre leicht zu übersehende Grimmigkeit zu schätzen gelernt hatte. Über Frost sagte er: „I regard Robert Frost as a terrifying poet“. Trilling musste sich aufgrund der allgemeinen Erbostheit für seine Aussagen entschuldigen. Frost jedoch nahm es ihm jedenfalls nicht übel: Not distressed at all. […] You made my birthday a surprise party”, schrieb er und fügte hinzu: „No sweeter music can come to my ears than the clash of arms over my dead body when I am down.” 

The road we should take

Wenn Frost aber diese Ambivalenz seines Gedichtes bewusst wählte, was will er uns dann vermitteln? Versucht er uns mit diesem Gedicht eine neue Maxime nahe zu legen, frei nach dem Motto: „Handle, als wenn es nur auf dich ankäme, aber wisse, dass dem nicht so ist“? Oder hat er uns einfach einen Streich gespielt?
Im richtigen Moment mal was wagen. Den Sinn für die Tragweite der Entscheidung schärfen. Man stellt sich den alten Frost vor, wie er im Schaukelstuhl sitzt, kurz die Pfeife aus dem Mundwinkel nimmt und dir zuraunt: „Junge (oder Mädchen), hier geht es um dein Leben, also nimm es gefälligst selbst in die Hand.“ Hätten meine Vorfahren mal Frost gelesen, sie wären vielleicht nicht über ein halbes Jahrtausend im selben Dorf geblieben. Hier ist die Maxime also durchaus angebracht.  
Wenn sich dein ganzer Lebensweg etwa zehn Mal gabelt, ist es schwer Einzelentscheidungen überzubewerten. Wenn aber schon der Kaffeekauf als Manifest der eigenen Charakterausprägung dienen soll, wird Roberts kleiner Streich zum handfesten Problem. Dann habe ich bei jeder Entscheidung das Gefühl, vor einer Weggabelung zu stehen. In dem Moment wird die Fülle von Optionen zur Belastung. Und Entscheidungen zur Paralyse, je mehr sie auf mich einprasseln.
Mit dieser Strategie des bloß-nichts-falsch-Machens sind wir denkbar schlecht aufgestellt. Unsere Welt ist nicht mehr das Dorf der linearen Wirkungszusammenhänge und begrenzten Optionen. Informationen, Möglichkeiten und Komplexität explodieren um uns herum wie Seerosen im Hochsommer. Jede Option einzeln zu bewerten, abzuwägen und erst dann zu entscheiden würde uns maßlos überfordern. Unser Entscheidungsvermögen ist leider mehr ein Gartentümpel als das Mittelmeer.
Was nachhaltig hilft, ist ein angestaubter Bekannter – das Prinzip. Einmal festgelegt, ist es wie der Lieblingsfußballverein, den wechselt man nicht. Manche nennen das auch einfach Haltung. Jetzt sollen ja gerade wir diese Haltung verloren haben. Wie nasse Säcke hängen wir als Generation Y zwischen den Optionen fest und wissen nicht, welches Praktikum, welche Stadt, welches Lebensmodell. Aber ganz ehrlich – wer mit 25 schon weiß, wie sein Leben verläuft, hat wahrscheinlich eine Bankausbildung gemacht. Und die Menschen mit wirklichen Multioptionalitätsproblematiken sitzen woanders.

Lassen wir diese Robert-Frost-Überschriften und kommen wir zum Eingemachten

Die Herren Black & Scholes haben es eindrucksvoll gezeigt: Optionen kosten Geld. Und zwar mehr, umso volatiler das Umfeld ist, je länger Optionen gehalten werden und je mehr man davon hat. Die Kosten lassen sich sogar ziemlich gut berechnen. Und für die Berechnungsformel des spezifischen Optionspreises gab es dann ebenfalls einen Nobelpreis. 
Optionen gibt es nicht nur an der Börse, sondern auch in der Politik, in der Wirtschaft und im Privaten. Letzteres kennen wir aus den Ferien nach dem Studium/Abi, die wir nicht mit unseren Freunden verbracht haben, sondern auf der Suche nach dem möglichst perfekten Arbeitgeber. Oder wenn der Schwarm keinen Bock mehr hatte, weil man sich einfach nicht entscheiden konnte. Oder wenn wir charakterlich so vage bleiben, dass Partygespräche zum Konsumvergleich verkommen. Wir wollen uns nicht festlegen oder unsere Optionen erweitern, und dafür zahlen wir selber den Preis.
Das ist in der Politik anders. Hier ist der Politiker nur Agent für seine Wähler und idealerweise auch für die Menschen, die von seiner Politik betroffen sind. Die Konsequenzen seiner Handlung bekommt er nur indirekt zu spüren. Die Kosten für Optionen trägt also jemand anders. Das ist kritisch, denn es liefert einen Anreiz, sich Optionen zu bedienen und die Kosten an die Allgemeinheit auszulagern.  
Politische Optionen so lange wie möglich zu halten scheint jedoch gerade die Krankheit der jetzigen deutschen Bundesregierung zu sein. Verzögern, aussitzen, ablenken und umschwenken sind ihre Symptome. Die Behandlung der eigenen Minister, die Eurokrise und die Energiewende sind ihre Krankenakten.
Wir werden gerade Zeugen einer Tragödie in Syrien. Hier geht es um viel mehr als nur um Geld, aber die Dringlichkeit schneller politischer Einflussnahme ist hier ebenfalls gegeben. Nicht umsonst werden kriegerische Konflikte mit Brandherden verglichen, die es schnell zu löschen gilt. Nervt die übliche Wahrung aller politischen Optionen der deutschen Bundesregierung bis zuletzt in anderen Angelegenheiten, ist sie hier kaum zu ertragen. Diese Option ist teuer erkauft.
Eine andere politische Option der Bundesregierung bezahlen wir nicht in Geld oder außenpolitischem Ansehen, sondern mit Risiko. Auf die Enthüllungen massiver Überwachungsprogramme der Briten und Amerikaner folgte von der Bundesregierung keine eindeutige Stellungnahme. Eine Teilnahme würde eine aktive Steuerung ermöglichen, eine entschiedene Ablehnung wäre die Voraussetzung für den Schutz der Bürger vor ausländischer Überwachung. Eine Haltung wurde jedoch nicht gefunden.
Hier zeigt sich die wirkliche Gefahr einer Multioptionsstrategie zur Wahrung des politischen Kapitals. Das Risiko massiver Überwachung macht sich im Alltag nicht bemerkbar. Meine Mails passieren unbemerkt den Filter und meine Facebook-Nachrichten werden auch nicht geöffnet, weil ich eben nicht ins Raster falle: Meine Daten sind zentral gespeichert, aber keiner greift sie ab. Die Art des Risikos liegt jedoch nicht in seiner alltäglichen Ausprägung, sondern in seinen Extrema: den extrem unwahrscheinlichen Ereignissen, den schwarzen Schwänen, vor denen Nassim Taleb zu warnen versuchte und durch die er so reich wurde. Unser schwarzer Schwan ist, dass uns die Kontrolle über diese Instrumente entgleitet. Das ist zugegebenermaßen extrem unwahrscheinlich, aber das sagte man auch über den Börsensturz 1987 und den 2001 und den 2008. Die eigenen Bürger vor diesem Risiko zu schützen, kostet politisches Kapital in Zeiten, in denen alles doch so einfach sein könnte.
Informationen durch die Komplexitätsreduktionswundermaschine gedreht zu bekommen, bis sie weich und kuschelig sind, bringt uns nichts. Wir brauchen keine Mutti, die unsere Entscheidungen trifft. Es wird Zeit, erwachsen zu werden. Es wird Zeit, Haltung zu zeigen.
Bald haben wir wieder die Wahl.

Konservatismus und Ambivalenz – Eine neue deutsche Möglichkeit

image_pdfimage_print
Eine Vorwarnung: Dieser Beitrag ist positiv und optimistisch. Damit der Schock nicht zu groß wird, beginne ich aber mit einer empörenden und traurigen Geschichte, wie gewohnt, nämlich der Geschichte über die Kofferträger von Schwäbisch Gmünd, die vor einigen Wochen durch die Medien ging. Sie geht so: Am Bahnhof von Schwäbisch Gmünd, einem erzkatholischen Städtchen in Baden-Württemberg, wird gebaut. Nun führt nur ein Metallsteg zu den Bahnsteigen, 54 Stufen rauf, 54 Stufen runter, ein großes Problem für Alte, Behinderte, für Leute mit zu schwerem Gepäck. Richard Arnold, CDU, Oberbürgermeister der Stadt, schwul, offen, engagiert, hatte eine Idee. Die Asylbewerber, die dank deutschem Asylrecht in einem Heim zusammengepfercht leben, wo sie kaum etwas zu tun haben, als jahrelang auf ihren Bescheid zu warten, könnten helfen. Das hat in Gmünd schon öfters funktioniert, Arnold kümmert sich schon länger um die Asylbewerber, versucht, sie am Gmünder Leben teilhaben zu lassen, zum Beispiel als Theaterdarsteller. Er bot ihnen deshalb an, am Bahnhof auszuhelfen; eine ganze Reihe der Asylbewerber meldete sich freiwillig. Sie wollten sich einbringen, mithelfen, in Kontakt kommen, sicher auch die Langeweile bekämpfen. Das einzige Problem war die Bezahlung, denn – again – dank deutschem Asylrecht darf den Asylbewerbern nur 1,05 Euro pro Stunde gezahlt werden. Dass das viel zu wenig ist, war allen Beteiligten klar; das Gesetz ändern kann aber nur die Bundespolitik. So blieb Arnold nur, den Reisenden zu empfehlen, beim Trinkgeld nicht knauserig zu sein.
 

„Konservatismus und Ambivalenz – Eine neue deutsche Möglichkeit“ weiterlesen

Für echte Demokratie – sie enthält Elektrolyte!

image_pdfimage_print
Im Film Idiocracy von Mike Judge erwachen der Armee-Bibliothekar Joe Bauer und die Prostituierte Rita im Jahr 2505 aus einem Kälteschlafexperiment, in dem sie 500 Jahre konserviert wurden, weil das Projekt so geheim war, dass es vergessen wurde. Die Welt, in der sie erwachen, ist freilich eine andere als 2005: Aufgrund der karrierebedingten Kinderlosigkeit der gebildeten Schichten und der unkontrollierten Reproduktion der ungebildeten Schichten ist es zu einer himmelschreienden Verblödung der Gesellschaft gekommen. Und so bewegen sich die beiden durch eine Welt, in der ein ehemaliger Wrestling-, Rap- und Pornostar Präsident der USA ist und sich nur durch herumballern mit einem Sturmgewehr Ruhe für seine „Reden“ verschaffen kann. Eine Gesellschaft, in der grundlegende Infrastrukturen wie die Müllabfuhr und essenzielles Menschheitswissen wie die Tatsache, dass sich klares Wasser besser zur Bewässerung eignet, als ein Isodrink, verloren gegangen sind. Die verblödete Menschheit glaubt stattdessen ihrem aufgeblasenen Multi-Media-Fernseher, in dem schließlich verkündet wird: „In Brawndo steckt, was Pflanzen schmeckt – Es enthält Elektrolyte!“

„Für echte Demokratie – sie enthält Elektrolyte!“ weiterlesen

„Wir sind doch alle Egoisten!“ Oder auch nicht. Ein Nachtrag.

image_pdfimage_print
Was wir erleben, was uns beschäftigt, was wir wollen und wünschen, erscheint uns in einer Weise einzigartiger als das, was andere erleben, was sie beschäftigt, was sie wollen und wünschen. Selbst wenn wir Menschen begegnen, deren Erzählungen uns neidisch machen, deren Erlebnisse uns aufregend vorkommen, stellen wir uns nur vor, wie bedeutend sie wären, würden wir sie selbst erleben. Jeder Mensch hat nur einendirekten, fühlenden Zugang, nämlich zu den eigenen phänomenalen Erlebnissen und darüber hinaus nicht zu denen irgendeines anderen. So kommt es wohl, dass – wie man sagen könnte – jeder die Hauptperson seines eigenen Lebens ist. Das Leben ist eine Geschichte aus der Perspektive der ersten Person. Ich weiß nicht, wie es ist, jemand anders zu sein; ich weiß nur, wie es ist, ich zu sein, und das wiederum weiß niemand außer mir.
 
Es wird also ganz einfach so zu erklären sein – mit der Privatheit phänomenalen Erlebens und der Exklusivität des Bewusstseins –, dass wir den eigenen Bedürfnissen, Interessen und Wünschen näher stehen und ihnen in der Regel auch mehr Bedeutung beimessen als denen anderer Menschen. Aber was heißt das für uns? Sind wir deshalb unfähig, uneigennützig zu sein? Sind wir alle Egoisten; oder sollten wir sogar alle Egoisten sein?
 
Ich hoffe nicht. Aber vielleicht lassen sich über diese Hoffnung hinaus auch Gründe anführen, die dafür sprechen, dass wir nicht alle nur Egoisten sind.
 
 
Ein Nachtrag
 
Dieser Text ist ein Nachtrag zu einer Diskussion, die ich vor Jahren mit einem guten Freund zu führen hatte. Soweit ich mich erinnern kann, war der hier zum Titel erhobene Satz „Wir sind doch alle Egoisten!“ der Anstoß für ein langes und – zumindest, was mich angeht – mühevolles Streitgespräch, an dessen Ende ich mich, obwohl wir beide keine wirklichen Erfolge zu feiern hatten, trotzdem als Verlierer fühlte. Im Grunde war der Streit für mich schon in dem Moment verloren, als ich mich, geärgert von der Flapsigkeit dieser Behauptung, mit einem spontanen „ach Quatsch!“ – mehr aus Unvorsichtigkeit also – zu demjenigen erklärt hatte, der diese Behauptung nun eindeutig widerlegen würde. Widerstreitende Ansichten sind gar kein Problem, solange man nicht auf der Seite steht, die die andere überzeugen muss.
 
Im weiteren Verlauf des Abends hatte ich also Mühe damit, treffende Beispiele für Situationen zu finden, in denen ein Mensch aus eindeutig nicht-egoistischen Motiven handelt, während mein Gegenüber es jedes Mal schaffte – wenn auch manchmal auf recht absurde Weise –, auch in diesen Situationen den Egoismus, sozusagen im Dunkel hinter dem Altruismus, auszumachen. Am Ende war ich erschöpft und er zufrieden. Erst später wurde mir dann klar, dass ich die Sache ganz falsch angegangen war.
 
Deswegen bin ich froh, hier eine zweite Chance zu bekommen.
 
 
Egoismus als normative Grundlage menschlichen Handelns
 
Soviel zur rhetorischen Fehleranalyse. Aber wie wäre ich besser vorgegangen? Zuerst hätte ich mir wohl selbst ein paar Fragen stellen sollen: Was stört mich eigentlich an der Behauptung, dass alle Menschen Egoisten sind? Auf welche verschiedenen Weisen lässt sie sich verstehen? Und was ist verloren, wenn sie stimmt? Dann: Was lässt sich gegen ihre verschiedenen Ausprägungen einwenden?
 
Wie sind denn eigentlich Handlungen, die auf das Selbstinteresse des Akteurs gerichtet sind, nur im Hinblick auf diese Gerichtetheit und in Ausblendung anderer Faktoren zu bewerten? Normalerweise assoziieren wir selbstbereichernde Handlungen mit der Verletzung moralischer Normen. Aber ist jede selbstbereichernde Handlung moralisch falsch? Oder genauer gefragt: Ist eine Handlung falsch, nurweilsie selbstbereichernd ist? Offensichtlich nicht. Ich kann mir ein Fahrrad kaufen, weil ich mobil sein und dabei die Luft genießen möchte; dann habe ich mich auf eine Weise selbst bereichert, die mit allen Forderungen der Moral vereinbar ist. Ein Konsequentialist müsste, im Hinblick darauf, dass ich mich mit einem Rad gegen andere, umweltschädliche Fortbewegungsmittel entschieden habe, womöglich sogar sagen, dass der Radkauf moralisch gut war. Und für den Intentionalisten hat die Handlung keine moralische Relevanz; zumindest so lange nicht, wie ich das Rad nicht mit der Absichtkaufe, die Umwelt zu schonen o. ä. Es lassen sich zwar auch Fälle konstruieren, in denen der Radkauf womöglich moralisch falsch ist: Ich könnte so bspw. ein Unternehmen unterstützen, das seine Mitarbeiter ausbeutet. – Und vielleicht ist es in der heutigen Zeit kaum noch möglich, Kaufhandlungen zu tätigen, die keine moralische Relevanz haben. – In solchen Fällen hat aber das, was die Handlung moralisch falsch macht, nichts zu tun mit dem Umstand, dass die Handlungsmotivation aus meinem Selbstinteresse stammt. Allein mit dem Hinweis darauf, dass eine Handlung die Wünsche und Interessen des Akteurs befördert, lässt sich nicht zeigen, dass sie moralisch unzulässig ist.
 
Das Problem mit der Selbstbereicherung ist vielmehr, dass sie in einer Gemeinschaft oft auf Kosten anderer erfolgt. Der Egoist verhält sich allerdings nicht deshalb falsch, weil er überhauptseine Interessen verfolgt, sondern weil er es auf eine kompromisslose Art tut, mit der er regelmäßig die moralischen Ansprüche und Rechte anderer verletzt.
 
Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen und der Verwirklichung eigener Interessen einen unabhängigen, sich aus der menschlichen Natur ergebenden Wert zuschreiben und annehmen, dass jeder sein Selbstinteresse verfolgen darf, unabhängig davon, ob er damit anderen schadet oder nicht. Man vertritt dann einen ethischen Egoismus, der verschiedene Stufen hinsichtlich der normativen Stärke des „dürfen“ bis hin zum „sollen“ einnehmen kann. Ausgehend von der These, dass nach seinem Selbstinteresse zu handeln generellmoralisch zulässig oder sogar gesollt ist, lässt sich dann begründen, dass es bestimmte Interessen gibt, die alle Menschen potentiell teilen und die sich nur dann verwirklichen lassen, wenn sich die Individuen auf wechselseitige Übereinkünfte mit den anderen einlassen. Im Zuge dieser Übereinkünfte würde der Einzelne Handlungsfreiheiten (z. B. die Freiheit, willkürlich andere zu töten) zugunsten von entsprechenden Sicherheiten vor den anderen (der relativen Sicherheit vor dem Tod durch fremde Hand) abgeben. Man hat dann den Weg von der Grundthese des ethischen Egoismus zu einer kontraktualistischen Minimalmoral zurückgelegt, einer – wie es in Lehrbüchern immer so schön heißt – „Moral für Egoisten“.
 
Diese Form der Moralbegründung ist sogar besonders attraktiv, wenn man bedenkt, wie genügsam sie hinsichtlich ihrer Basisannahmen und Grundvoraussetzungen ist: Man muss sich einzig auf das Prinzip pacta sunt servandaund darüber hinaus auf keine weiteren basisbildenden Annahmen stützen. Trotzdem lässt sich der Egoismus als normative Grundlage der Moral einigermaßen leicht überwinden: Man muss sich nur klar machen, dass sich die Überzeugungen, (a) dass die Menschen egoistischhandelndürfen oder sollten, und (b) dass alleMenschen egoistisch handeln dürfen oder sollten, nicht zugleich sinnvoll vertreten lassen. Es gibt keinen Standpunkt, von dem aus sich die Inkonsistenz vermeiden lässt, die entsteht, wenn man versucht, den Egoismus normativ auf mehr als eine Person anzuwenden. Es kann nicht in meinem Interesse sein, dass jemand anders als ich nur nach seinem Selbstinteresse handelt.
 
Präskriptiv eignet sich der Egoismus also nicht als Ausgangspunkt für überindividuelle Normenbegründung, sondern im besten Fall nur als handlungsanleitendes Konzept für den Einzelnen.
 
 
Der psychologische Egoismus
 
Vielleicht hätte ich mich damals im Gespräch mit meinem Freund schon etwas beruhigt, wenn ich hätte ausschließen können, dass er irgendeinen normativen Anspruch für den Egoismus geltend machen wollte. Was er vermutlich eher im Sinn hatte, war das, was man als „psychologischen Egoismus“ bezeichnet. Er wollte sagen – und das zeigte sich ja auch in seiner Argumentationsstrategie gegen mich – dass die Menschen tatsächlichEgoisten sind; dass, gleich welche Handlungsmotivationen sie im Einzelfall auch haben mögen, diese letztlich immer auf das eine große Ziel: die Verwirklichung eigener Interessen zurückführbar sind. Was lässt sich dazu sagen?
 
Ein Beispiel, frei nach unserem Gespräch: Person A fährt an einem Unfallort vorbei; dort liegt eine verletzte und bewusstlose Person B und sonst ist niemand vor Ort, der B helfen oder das Verhalten von A in der Situation beobachten könnte. Es ist schon spät; A ist gerade auf dem Weg nach Hause, ist erschöpft und möchte nach einem langen Tag endlich ins Bett. Wer würde behaupten, dass es viele Menschen A gäbe, die hier trotzdem nicht anhalten und B Hilfe leisten würden? Um die These, dass alle Menschen Egoisten sind, aufrechtzuerhalten, müsste man nun zeigen können, dass A B helfen kann, ohne dabei seinen Status als Egoist zu verlieren; dass also B zu helfen in As Selbstinteresse liegen kann. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten: Man könnte behaupten, dass (a) A äußere Sanktionen fürchtet; dass (b) A selbst Hilfe in Anspruch nehmen möchte, falls er einmal in Bs Lage kommen sollte; dass (c) B zu helfen A in keiner Weise bei der Verwirklichung seiner Interessen einschränkt und dass Handlungen nicht immer durch Gründe motiviert sein müssen; oder dass (d) A innere Sanktionen fürchtet.
 
Äußere Sanktionen braucht A nicht zu fürchten. So, wie die Umstände liegen, liegt es an A, ob jemals irgendjemand anderes von dem Vorfall erfährt. A braucht keine Vorwürfe und keine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung zu fürchten, solange er den Mund hält. A hat außerdem überhaupt keinen Grund zu glauben, dass sein Verhalten in der Situation einen Einfluss darauf hat, wie sich andere später ihm gegenüber verhalten werden, sollte er je in eine ähnliche Lage kommen. Die goldene Regel, auf die (b) zielt, ist schon eine Abstraktion des moralischen Subjekts, eine moralische Idee, zu der der Egoist nicht kommt. Die Konjunktion in (c) aus den Annahmen, dass A bei der Hilfe keine Beschränkung erfährt und dass Handlungen grundsätzlich auch unmotiviert sein können, ist ein interessanter Ausweg aus dem Problem, im vorgegebenen Fall den Egoisten unterzubringen. Dabei müssen beide Annahmen wahr sein. Wenn A tatsächlich keine persönlichen Einschränkungen erfährt, indem er B hilft, dann hat A trotzdem keinen egoistischen Grund, B zu helfen. Man müsste also annehmen können, dass A die Hilfe einfach so leistet, also ohne einen Grund dafür zu haben. Es ist eine interessante Frage, ob Handlungen immer mit Absichten und Motivationen verbunden sein müssen, um als ‚Handlungen‘ verstanden werden zu können. Es reicht hier aber aus zu sagen, dass der Fall so konstruiert sein soll, dass B Hilfe zu leisten A tatsächlich an der Verfolgung eigener Interessen hindert: A hat den Wunsch, jetzt ins Bett zu kommen und am nächsten Morgen einigermaßen ausgeschlafen zu sein; und dieser Wunsch lässt sich nicht erfüllen, wenn A B erste Hilfe leistet, auf den Krankenwagen wartet, usw. Zu guter Letzt braucht A ebenfalls keine inneren Sanktionen zu fürchten, und zwar aus dem einfachen Grund, dass A Egoist ist. Wenn A nicht anhält, sondern weiterfährt und dann zu Hause vom schlechten Gewissen geplagt wird, dann hat A offenbar ein Verständnis für moralische Verfehlung, das über das pragmatische Moralverhalten des Egoisten, der nur darauf bedacht ist, nicht eingesperrt oder ausgeschlossen zu werden, hinausgeht.
 
Sicher lässt sich zu diesem Beispiel noch mehr sagen. Vielleicht lässt sich der psychologische Egoismus trotzdem weiter verteidigen. Die Schwierigkeit, das Verzweifelnde bei der Argumentation gegen diese Position ist gerade, dass sich die Bedeutung des Selbstinteresses in konkreten Handlungssituationen durch Beispiele immer weiter ausdünnen lässt, ohne dass es allerdings ganz an Bedeutung verlieren würde. Es ist, als würde man einen Schwamm zusammendrücken, der dadurch aber immer nur kleiner wird und sich wieder ausdehnt, sobald man den Griff lockert; so, als wäre nichts gewesen. Und dem Vertreter des psychologischen Egoismus – den Eindruck bekommt man zumindest schnell – reicht schon ein Funken Selbstinteresse in jeder beispielhaften Handlungssituation, um seine Position zu verteidigen.
 
 
Warum wir keine Egoisten sind
 
Wir sind keine Egoisten. Wir haben egoistische Tendenzen; aber wir haben auch altruistische und viele andere. Wenn man auch sagen kann, dass wir egozentrisch sind in dem Sinne, dass wir an die Ich-Perspektive gebunden sind; dass für uns das Ich-in-der-Mitte – im epistemologischen Sinne – nicht fakultativ ist; dann macht uns das noch lange nicht zu Egoisten. Denn wir haben dabei auch die Fähigkeit, uns einzufühlen, uns vorzustellen, wie die Welt aus der Perspektive eines anderen aussieht und zu erkennen, welche Bedürfnisse und Ansprüche andere haben. Wir können verschiedene Standpunkte einnehmen.
 
Spätestens dann lässt sich der psychologische Egoismus nicht mehr verteidigen: wenn innere Sanktionen oder das Sich-besser-fühlen als letzter Handlungsgrund angeführt werden. Die Überzeugung, dass man egoistisch handelt, wenn man jemandem hilft und sich dadurch besser fühlt, beruht wohl auf der verfehlten Vorstellung von Moral, dass ihre Forderungen unserem Selbstinteresse stets als Zwänge entgegenstehen, dass sie uns stets etwas abverlangen müssen. Aber ist es nicht vielmehr so, dass die Pointe moralischen Handelns gerade darin besteht, dass etwas in dem Moment, in dem wir es für einen anderen tun, weil es für ihn gut ist, auch für uns gut wird? Ist das nicht das Wesen intrinsischer Werte?
 
Dass man sich besser fühlt, wenn man anderen hilft, bzw. dass man sich schlechter fühlt, wenn man es nicht tut, setzt ein Verständnis für moralische Ansprüche und Rechte anderer voraus, das ein Egoist einfach nicht hat. Es sind altruistische Tendenzen, die in den Charakter des Egoisten eingeschmuggelt werden sollen. Tatsächlich sind Egoisten aber Spitzköpfe! Ihre Gedanken gehen immer nur in die eine Richtung: auf ihr Selbstinteresse. Sie haben einfach keinen Gedanken übrig für die Bedürfnisse und Interessen anderer.
 
An diesem Punkt bin ich soweit zu sagen: es gibt überhaupt keine Egoisten. Es handelt sich dabei um das Konstrukt eines immer auf dieselbe Weise handelnden Akteurs. Der Egoist ist das Ergebnis eines verrückten Gedankenexperiments, bei dem eine Tendenz des Menschen, nämlich die, seine Interessen zu verfolgen, isoliert und zu seiner einzigen Eigenschaft erhoben wird. Tatsächlich kann man dasselbe auch mit seiner Tendenz zum Altruismus tun. Das ändert nichts daran, dass beide eigentlich nur Tendenzenim Menschen sind. Der Rechtspositivist H. L. A. Hart drückte das so aus: Wir sind eben Wesen zwischen Engeln und Teufeln. Wären wir Engel, also reine Altruisten, dann bräuchten wir überhaupt keine Regeln, um gut zusammenzuleben. Wären wir Teufel, also reine Egoisten, dann wären unsere Regeln nutzlos, weil niemand sie anerkennen und sich an sie halten würde; weil niemand in der Lage wäre, die Ansprüche der anderen überhaupt als Forderungen an sein Verhalten zu erkennen. Der Mensch also als Wesen zwischen Engel und Teufel, zwischen Egoist und Altruist. Das ist wohl genau der Kern dessen, was uns auch Fettes Brot schon die ganze Zeit zu sagen versuchen:
 
Engel links, Teufel rechts – und der Mensch ist eben dazwischen.

links rechts geradeaus – Hauptsache gegen Israel

image_pdfimage_print

Ein grünes, gehörntes Wesen mit roten Warzen, spitzen, abstehenden Ohren, Stoßzähnen und unterschiedlich großen Augen sitzt aufrecht im Bett – ein Monster. Wartend, eine Gabel in der linken und ein großes Messer in der rechten Hand, beäugt das Monster ein Zimmermädchen, das im Vordergrund, aber nur von hinten zu sehen ist. In ihren Händen trägt die Dame ein gefülltes Frühstückstablett, das sie dem Monster servieren wird.

Israel als gefräßiger Moloch

Die Bildunterschrift verrät, wer dargestellt wird: „Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde halten das Land für einen gefräßigen Moloch.“ Wir haben also Germania als Zimmermädchen und den Judenstaat als gefräßigen Dämon.

„links rechts geradeaus – Hauptsache gegen Israel“ weiterlesen

Feinstaub im Gewerkschaftsgetriebe

image_pdfimage_print

Die Debatte über schwarze Staubpartikel ist mir besonders in Erinnerung geblieben. In meiner Ausbildung war ich Mitglied der Jugend- und Auszubildendenvertretung  meines Betriebes, einem deutschen Bankhaus in Frankfurt am Main, und durfte deshalb an den Betriebsratssitzungen teilnehmen. Glücklicherweise ist in Frankfurt der Hauptsitz des Unternehmens, der deshalb Standort des Hauptbetriebsrates ist, was die Sitzungen normalerweise ziemlich spannend macht.

An diesem Tag bereute ich es jedoch sehr. Hatte ich mich als Kind noch gefragt, ob es auf der Welt etwas Langweiligeres als eine zweistündige Ostermesse gäbe, hatte ich es jetzt gefunden: Es war die Debatte über Druckerfeinstaubemission. Die frei gewordene Zeit nutzte ich abwechselnd dafür, mir einerseits Strategien für die unauffällige Beschaffung der Konferenzkekse zurechtzulegen und mich andererseits zu fragen, was in der heutigen Zeit noch der Sinn von organisierter Arbeitervertretung ist. Schutz vor Druckerfeinstaub ist es jedenfalls nicht, da war ich mir sehr sicher.

Vielleicht lag es an der 2008 einsetzenden Finanzkrise, aber der Umgangston wurde zunehmend rauer und einige waren in der Zeit froh, auf den Betriebsrat zählen zu können – um die Wogen etwas zu glätten oder unserem aufbrausenden Vertriebsleiter die Stirn zu bieten. Spätestens, als ich mitbekam, wie sich eine ältere Mitarbeiterin vor dem Jähzorn eben jenes Vorgesetzten unter ihrem Schreibtisch versteckte, war ich froh, dass es den Betriebsrat gab, von dem sie sich hätte vertreten lassen können. Nicht, dass sie es getan hätte. Arbeitnehmervertreter sind in der Bankbranche nicht sehr beliebt.

Herr Sommer macht mir ein Geschenk (anderen aber nicht)

Die Gewerkschaften waren mir bis dahin nur in Form eines Herrn Sommer begegnet, der abends in der Tagesschau mit hochrotem Kopf mehr Lohn forderte. Irgendwann bekam ich dann einen Brief, der mir mitteilte, dass Herr Sommer wohl auch für mich mehr Lohn gefordert hatte, denn ich bekam eine saftige Einmalzahlung (reichte für eine mittelklasse Konzertgitarre) und etwas mehr monatlich drauf (reichte für ein Eis im Monat). Da habe ich mich schon gefreut.

Auf einem Betriebsratsseminar lernte ich einen Auszubildenden kennen, der nicht in den Genuss der tariflichen Erhöhungen gekommen war. Seine Bank hatte ihn kurz nach Abschluss einfach umdeklariert, so dass er jetzt als Leiharbeiter nicht mehr in den Tarif fiel und sein Anstellungsverhältnis auf ein Jahr befristet werden konnte. Anders als ich konnte er es sich durchaus vorstellen, bei seinem Arbeitgeber zu bleiben und hatte nicht vor, den Ort zu wechseln. Regulär arbeitend, sollte er so viel wie ich im letzten Ausbildungsjahr verdienen, ohne irgendeine Sicherheit. Das fand ich nicht fair.

Dabei besitzen Gewerkschaften gar nicht mal so wenig Macht. Bei der Hauptversammlung der Bank saß auf einmal ein bekanntes Gesicht aus dem Betriebsrat direkt in der Reihe der Vorstände. Durch die paritätische Mitbestimmung im Aufsichtsrat und (ausschlaggebend) der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft hatte sie es zur stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden der Großbank gebracht. Das freute mich, denn sie war immer sehr energisch bei der Sache und ich fand sie sympathisch. Als ich ihr in der Pause zuwinkte, lächelte sie zurück.

Die fetten Jahre sind vorbei

Später ging es dann raus aus dem Filialgeschäft zu den alten Haudegen des Mittelstandsgeschäftes. Zwei der etwas älteren Bankiers nahmen mich unter ihre Fittiche, um mich als Grünschnabel aufzuklären, wie der Hase hier läuft. Von den beiden habe ich viel gelernt – unter anderem, dass sie noch aus alten Tagen Gehälter bezogen, die heute so einfach nicht mehr gezahlt werden. Dementsprechend hoch sind ihre Pensionsansprüche.

An sich störte mich das kein bisschen. Die beiden ignorierten mit stoischer Gemütlichkeit jeden neuen monetären Anreizmechanismus, nahmen sich viel Zeit für mich und fuhren nebenbei noch Rekordergebnisse ein. Leider geht das jedoch auf unsere Kosten. Die Selbstverständlichkeit, nach der Ausbildung einen unbefristeten Job im gleichen Unternehmen anzutreten, gibt es nicht mehr. Wer nach einer guten Ausbildung mit Auslandssemester und Praktika eine Garantie auf einen anspruchsvollen Job vermutet, wird enttäuscht. Der Deal ist geplatzt. Die Vorherrschaft der Alten gilt immer noch.

Genau aus diesem Grund stimmt auch die Standardantwort der Personalabteilung auf allzu forsche Karrierewünsche: „Frau/Herr [dein Nachname hier], derzeit können wir eine solche Zusage leider nicht tätigen, Sie wissen ja, die wirtschaftliche Lage.“ Klar: Wenn ich etwa 90% meines gesamten Unternehmenswertes meinen Pensionären versprochen hätte (wie bei Thyssen Krupp), wäre ich auch ganz vorsichtig, zu fairen Löhnen Neue einzustellen. Ganz zu schweigen von etwaigen Rentenversprechen. Je nachdem was genau früher versprochen wurde, müssen die Firmen jetzt noch was nachschießen, weil die Rechnung durch die Finanzkrise nicht mehr aufgeht, oder einfach zu viel versprochen wurde. Das verhagelt das Betriebsergebnis und führt zu eben jenem Satz.

Damit haben Gewerkschaften herzlich wenig zu tun. Ach ja, außer natürlich, dass sie mit nach Alter diskriminierenden Tarifverträgen noch tiefer in die Kerbe schlagen. Danke dafür.

Arbeitsschutz Reloaded 

Ein anderes Thema betrifft Arbeitsschutzrechte – das Urgestein der Gewerkschaftsthemen also. Tatsächlich sind deutsche Gewerkschaften ganz vorne mit dabei, wenn es heißt, organisierte Arbeit zum Beispiel in Bangladesch zu garantieren. Dort geht es richtig zur Sache mit zerschlagenen Kniescheiben und toten Funktionären – gut, dass sie vor Ort sind.

Kurz nachdem ich dem Banksektor endlich den Rücken gekehrt hatte, bekam ich einen Anruf von einem Bekannten. Er ist in etwa gleich alt und in einer dieser Fast-Track-Programme einer Bank. Er rief aus einer Rehaklinik an, weil der Druck ihn zermürbt hatte. Ich wunderte mich sehr, denn an Intelligenz oder Hartnäckigkeit kann es nicht gelegen haben.

‘If you can’t stand the heat, get out of the kitchen’

Das sagen die Amerikaner, wenn sie ausdrücken wollen, dass sie kein Mitleid für jemanden haben, der sich einer Situation nicht gewachsen fühlt, die er sich selber ausgesucht hat. Jung, gut ausgebildet, intelligent und zielstrebig – da hat man die Wahl. Oder etwa nicht?

Nein, haben wir nicht. Ob diese Optionslosigkeit nun real ist oder sich aus einer geschickt genährten Illusion ergibt: Selbst weniger sozialromantisch angehauchte Menschen aus meinem Umfeld teilen dieses Gefühl. Das geht von Unternehmensberatern über Investmentbanker bis hin zu einfachen Filialmitarbeitern, Sozialarbeitern, angehenden Architekten … Das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit ist ständiger Begleiter. Das treibt höchst seltsame Blüten: 16-Stunden-Tage im Investmentbanking bei heruntergebrochen kümmerlichen acht Euro die Stunde. Unbezahlte Praktika in Städten mit 800 Euro durchschnittlicher Kaltmiete für 20m2 Wohnraum. Erneutes Einschreiben nach dem Masterstudium, nur um an gering bezahlte Praktika als Einstiegsvoraussetzung zu kommen. Anstellung auf Jahresvertragsbasis in den ersten Berufsjahren. Anspruch der absoluten räumlichen und zeitlichen Flexibilität selbst bei stetigen, gut planbaren Tätigkeiten.

Wir setzen uns einer völlig atypischen, künstlich induzierten Belastung aus. Ich weiß, ein Arzt muss halt mal 12 Stunden durchoperieren, ein Psychologe hat bei suizidgefährdeten Patienten erreichbar zu sein, ein Seemann arbeitet vier Monate am Stück ohne Heimat außer seiner Koje. Bei wissenschaftlichen Artikeln, Bilanzen und Werbekampagnen ist dem nicht so.

Dieser Druck führt dazu, dass frappierend häufig immer die Besten in meinem Bekanntenkreis einfach wegbrechen. Angststörung mit Mitte zwanzig, graue Haare, Lidzucken, Depressionen mit Anfang dreißig, happy Birthday.

Spiel mal mit den Schmuddelkindern

Das funktioniert nur, weil alle mitspielen. Und es bleibt dabei, weil Einzelne es nicht ändern können. Und es ändert sich nichts, weil wir uns nicht organisieren, weil wir nicht organisiert werden. Wer das ändern könnte, sind die Gewerkschaften. Deren Kernklientel aber treibt bereits weit im Wohlfühlbereich der bürgerlichen Mitte, dem Establishment der Wohlstandsplautzen und des Vorruhestandes. Dabei gibt es sie doch, die Schmuddelkinder.

Vielleicht haben wir es auch einfach nicht besser verdient. Wir akzeptieren, dass man uns die herrlichen Mußejahre des Studiums zum Wohle der Volkswirtschaft streicht. Wir zahlen in ein öffentliches Rentensystem ein, von dem niemand ernsthaft erwartet, etwas zurück zu bekommen. Für unser Berufsleben sind wir mobil, ständig erreichbar und bereit Kompromisse einzugehen, für unser Privatleben sind wir es leider nicht. Wir sind schon ein trauriger Haufen. Wie Pawlowsche Hunde sitzen wir zuckend im Käfig und warten, dass uns da mal jemand rausholt.

Dabei müssten wir uns nur mal bewegen, um zu sehen, dass es auch anders geht. Wir benötigen dringend die grundlegenden Instrumente, die eine Gewerkschaft nunmal bietet: die Ressourcen, um Präzendenzfälle auch mal durchzubringen – die Schadensersatzklage eines depressiven Junior Consultant zum Beispiel. Eine Presseabteilung, um unsere Stimme geltend zu machen. Und vor allem – das Gemeinschaftsgefühl einer selbstbewussten Generation.

Beantwortung der Frage: Was ist Linksliberalismus?

image_pdfimage_print
Wer am Anfang steht, sollte sich erst einmal ein paar Fragen beantworten, die niemand gestellt hat: Was tue ich hier eigentlich? Warum tue ich es? Und von welchem Standpunkt aus? Außerdem sollte er, das steht in jedem guten Gruppenblog-Ratgeber, nach Möglichkeit gleich im ersten Post dem gemeinsam verfassten Eingangsstatement widersprechen, um sich bei seinen Mitbloggern beliebt zu machen. Drittens sollte er schon im zweiten Satz das generische Maskulinum benutzen, damit die Hälfte seiner Leserschaft – das „ganze schöne Geschlecht“, wie Kant sagt – sofort aussteigt. Last not least sollte er auch in der sechsten Zeile noch keineswegs zum eigentlichen Thema gekommen sein. Das nämlich hat den großen Vorteil, dass er in der siebten Zeile endlich allein mit sich ist und ungestört Blödsinn schreiben kann.

„Beantwortung der Frage: Was ist Linksliberalismus?“ weiterlesen

Zurück oder Zukunft?

image_pdfimage_print

Der jüngste EU-Gipfel eignete sich wiedermal nicht, um große Schlagzeilen zu generieren. Neben dem Streit um die Haushaltsmittel und einem Programm gegen die Jugendarbeitslosigkeit, das von vielen Seiten als unzureichend kritisiert wird, ist kaum etwas vorzuweisen. Stattdessen werden nationale Interessen verstärkt in den Vordergrund gestellt und eine aufgeklärte politische Diskussion über Sinn und Struktur einer stärkeren Union bleibt aus. Dabei sind die Probleme drängend und der Nationalstaat alleine scheint ihnen kaum gewachsen. Der EU droht eine ganze Generation verloren zu gehen, die durch Perspektivlosigkeit in die Opposition getrieben wird. Es wird Zeit, dass man ihre Proteste ernst nimmt.

Der fehlende Wille zur Integration

Dabei wäre es nur zu wichtig, dass die immer wieder angestoßene Diskussion über den weiteren Integrationsprozess am Leben gehalten wird: Andere Teilbereiche der Gesellschaft haben die nationalstaatlichen Grenzen längst hinter sich gelassen. Die wirtschaftliche Krise der letzten Jahre hat sich auch deswegen zu einer politischen Krise entwickelt, weil es keinen politischen Rahmen gibt, um die Entwicklungen der globalen und europäischen Wirtschaft zu bearbeiten.

Der Nationalstaat scheint vor diesem Hintergrund immer häufiger als ein zu enges Korsett für eine effiziente Politik. Längst wird ein großer Teil der deutschen Gesetze in Brüssel verabschiedet. Auch die Interventionen des Europäischen Gerichtshofes verdeutlichen, dass der Integrationsprozess die Souveränität der einzelnen Staaten längst beschnitten hat. Am deutlichsten erfahren das sicher die Menschen in den Ländern, die aktuell von der Troika überwachte Strukturreformen durchführen müssen – ob sie wollen oder nicht. Gleichzeitig drängen andere Player auf die Bühne der internationalen Politik, die das Selbstverständnis der europäischen Nationen langsam aber sicher in seine Schranken weisen. Mit dem wachsenden Selbstbewusstsein Chinas und Russlands erscheinen selbst Länder wie Deutschland immer kleiner – wer kann schon sagen, wie eine europäische Krisenpolitik in Zukunft aussehen könnte, wenn China und Indien den IWF dominieren?

Doch anstatt die Krise als einen Motor für weitere Schritte anzusehen, wird der Nationalstaat wieder vermehrt in den Vordergrund gestellt: Eurokritische Parteien gibt es in jedem Staat. Aber auch die aktuelle deutsche Regierung genießt ihre komfortable Position durch ihr politisches und wirtschaftliches Gewicht und sieht keine Notwendigkeit zur Veränderung der Entscheidungsprozesse innerhalb der EU. Gerade das Minimum an notwendiger Abstimmung zwischen den Staaten wird realisiert. Doch am Ende versucht jede Regierung, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Probleme einer rückwärtsgewandten Politik

Ein entscheidender Punkt scheint in diesem Zusammenhang in den inneren Problemen der europäischen Staaten zu bestehen. Das in der Nachkriegszeit etablierte Modell der Parteiendemokratie hat mit sinkender Zustimmung zu kämpfen. Dafür ist nicht zuletzt das Modell der Wählermobilisierung über den Wohlfahrtsstaat verantwortlich. Über Jahrzehnte hinweg wurden den WählerInnen immer neue Leistungen versprochen, um sie für die eigene Partei an die Wahlurne zu rufen. Doch die steigenden Staatsschulden lassen vor dem Hintergrund der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen und des demografischen Wandels immer mehr Zweifel am Fortbestand dieses Systems – zumindest in seiner jetzigen Form. Andererseits trauen sich ParteipolitikerInnen nicht, Leistungen zurückzunehmen oder eine ernsthafte Reform der Sicherungssysteme zur Diskussion zu stellen. Allein die Familienförderung in Deutschland umfasst 150 verschiedene Leistungen und der Dschungel an Steuergesetzen scheint weitestgehend unbekanntes Gebiet. Die Pflegereform wird immer wieder verschoben und die Lebensleistungsrente stellt für viele junge Menschen keine ausreichende Motivation für einen Urnengang dar.

Die Politik hat sich in eine vertrackte Situation manövriert. Um WählerInnen und Sozialstaat erhalten zu können, ist eine gute Wirtschaftspolitik nötig. Zur gleichen Zeit offenbaren sich genau hier die oben angerissenen Grenzen des nationalstaatlichen Horizonts: Wirtschaft – vor allem die Finanzmärkte – denkt und agiert längst global und selbst bei authentischem Kampfeswillen wird sie sich wohl nicht im nationalen Alleingang „an die Kette legen lassen”. Ein Ausweg wäre die Flucht nach vorn. Auch hier lauern viele Probleme und Risiken, doch es winkt auch ein neues Verständnis von Staatlichkeit mit neuen Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten. Die andere Option ist der Weg zurück. Ein Großteil der WählerInnen und PolitikerInnen sind anscheinend nicht bereit, die aktuellen Denkmuster zumindest infrage zu stellen. Und so bietet sich auch der Rekurs auf die Nation an, um die Legitimität der eigenen Politiken sicherzustellen. In den Nachrichten begegnen einem daher auch immer häufiger diese Muster, die teilweise schon abgeschrieben wurden. So wird die europäische Integration von vielen Seiten in immer weitere Ferne gerückt, um auf Probleme zu reagieren, die innerhalb der Union womöglich sogar einfacher zu lösen wären.

Die Zukunft steht auf dem Spiel

Diese beiden Möglichkeiten prägen auch die politischen Landschaften Europas und treten dort am klarsten zutage, wo eine Entscheidung unausweichlich wird: In den krisengebeutelten Staaten Südeuropas und den kleineren Staaten, die längst realisiert haben, dass nur die EU ihnen auch zukünftig die Möglichkeit der Mitbestimmung bietet. Doch hier macht sich die mangelnde Identifikation mit der Union bemerkbar. Es ist kaum möglich Programme zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit auf die Beine zu stellen, da PolitikerInnen und SteuerzahlerInnen nicht gewillt sind, Geld abzugeben.

Dabei steht viel auf dem Spiel. Gerade die Jugendarbeitslosigkeit zeigt, dass ein Umdenken erforderlich ist. Und nicht nur in Europa werden die Forderungen nach mehr Gestaltungsmöglichkeiten für die Zukunft und Rücksicht auf die Belange junger Menschen immer häufiger auf die Straßen getragen. Denn hier werden die Weichen für die Zukunft schon gestellt – die jungen Menschen, die keine Perspektiven sehen und die EU immer häufiger als Bösewicht oder Papiertiger erleben, sollen dieses Projekt einmal fortführen und tragen. Ihnen ist das Globale näher als den vorhergegangenen Generationen und sie haben (noch) keine Rentenversicherungen und Eigenheime und somit auch weniger zu verlieren.

Sicherlich ist jetzt keine blinde Reformwut gewünscht und in diesem Sinne muss von beiden Seiten Dialogbereitschaft bestehen. Aber ein entschiedener Schritt nach vorne muss getan werden. Und in diesem Sinne ist auch die Wahl zwischen zurück oder Zukunft keine wirkliche. Denn durch Politik lässt sich die Globalisierung längst nicht mehr aufhalten. So werden die Reformen früher oder später doch notwendig – es stellt sich dann nur die Frage, ob die Politik und ihre Projekte dann noch auf Menschen treffen, die ihnen ihr Vertrauen leihen. Es wäre für PolitikerInnen an der Zeit, dieses Neuland zu betreten – noch haben sie die Möglichkeit, seine Bewohner dabei mitzunehmen.

„Zurück oder Zukunft?“ weiterlesen

Neuland

image_pdfimage_print

Willkommen auf dem Blog Unsere Zeit! Wir, vier Studenten in Berlin, Friedrichshafen und Bielefeld, beobachten Zustände und Entwicklungen der Gegenwart und kommentieren diese über Blogeinträge. In einer Zeit, deren zunehmende Komplexität das Einnehmen klarer Standpunkte immer schwieriger macht, wollen wir Positionen und Argumente entwickeln, die uns und euch anregen, euer Denken im Idealfall weiterbringen und euch gerne auch aufregen sollen. Der Blog ist als eine Art Netzwerk gedacht, an dem sich prinzipiell jeder durch Kommentare oder auch eigene Artikel beteiligen kann.

Entstanden ist das Projekt im Mai 2013. Um neben dem wissenschaftlichen Arbeiten im Studium mit Fußnoten, Bibliographien und ständigem Bezug auf schon Gedachtes auch breitere, aktuellere, zugänglichere Gedanken und Texte zu produzieren, verpflichten sich die zunächst vier Autoren, je einen Beitrag pro Monat zu veröffentlichen. Die Themenwahl steht jedem weitgehend frei, obligatorisch ist nur ein Bezug zu unserer Zeit, zur Gegenwart. Der vorläufige Name des Blogs Unsere Zeit geht auf ein gleichnamiges Lied des Lyrikers PeterLicht zurück, soll darüber hinaus aber auch eine bestimmte Perspektive verdeutlichen: Wir schreiben als Angehörige einer jungen Generation. Damit wenden wir uns gegen eingestaubte Denkmodelle vieler älterer Themen- und Tonangeber in öffentlichen Diskursen, die ihre Lösungen für Probleme der Gegenwart am liebsten in der Vergangenheit suchen, gerne auch in ihrer eigenen, angeblich goldenen Jugend. Wir gehen lieber vom Offensichtlichen aus: Die Welt hat sich rasant verändert, und für die Fragen von heute sind Antworten von gestern nicht mehr ausreichend. Wir wollen nach vorne denken statt zurück, und an diesem Anspruch wollen wir auch gemessen werden.

Wir sind nicht die ersten, die den Namen Unsere Zeit verwenden. Der Name ist, warum auch immer, besonders unter langweiligen und/oder totalitaristischen Gruppen beliebt. Er wurde schon verwendet von Kommunisten, schlechten Rockbands, Nazis, Christen und Teenagern – und natürlich von unserem Peter. Ein Gegenmodell unter gleichem Namen ist daher eine ansprechende Perspektive. Eine eigene politische Verortung fällt uns gar nicht so leicht, ohne dass wir uns dabei in Traditionen stellen, mit denen wir im Zweifelsfall doch nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Wollte man uns festnageln, so würden wir uns am ehesten der Freiheit in staatlicher Selbstverwaltung verschreiben, in dem Sinne sind wir – für alle, die doch ein Label wollen – linksliberal. Warum das überhaupt voranschicken? Weil es redlich ist, die eigene Position offen zu legen, anstatt den Leser sie mühsam zwischen den Zeilen herausklamüsern zu lassen; weil es wichtig ist zu wissen, von welchen normativen Grundvorstellungen wir ausgehen, um unsere Probleme und Lösungsvorschläge – und sicher auch deren Grenzen – besser zu verstehen.

Andererseits heißt das nicht, dass hier nur linksliberale Positionen zu Wort kommen dürfen. Über die Kommentarfunktion sind Einwände direkt möglich; nach Absprache könnt ihr euren Widerspruch ggf. auch als Artikel veröffentlichen. Dieser Blog soll eine Plattform des Meinungsaustauschs und der Meinungsverschiedenheit sein; ein Ort, um Argumente zu entwickeln und auszuprobieren, Positionen zu beziehen und sie auch wieder zu räumen; Konsens wird nicht angestrebt. Es sollte auch nicht der falsche Eindruck entstehen, dass es hier nur um Politik gehen soll. Wir interessieren uns genauso für ökonomische, intellektuelle, ästhetische und überhaupt alle Entwicklungen, aus denen man etwas über die Gegenwart lernen kann.

Das Bloggen ist für uns alle Neuland. Als journalistische Dilettanten betrachten wir dieses Projekt als Experiment. Worauf der Blog hinaus läuft, welche Themen er behandelt und welche Positionen wir vertreten, das wird sich alles erst zeigen. Kritik, Anregungen und Fragen sind natürlich immer willkommen!

So weit erst mal: Viel Spaß also beim Lesen, Reflektieren und Kommentieren,
Erik, Sören, Adrian und Julian