Update zu Konservatismus und Ambivalenz

image_pdfimage_print
Die Bundestagswahl hat eine Republik hinterlassen, deren Wahlkreiskarte erschreckend schwarz ist. Der Anblick dieses stolzen Bilds lockt auch sogleich ein paar versprengte Konservative aus der Versenkung hervor. Wolfgang Bok befindet im Cicero: „Die grüne Journaille hat versagt. Die Bundestagswahl ist ein Weckruf für den Journalismus. Die Bürger sind viel konservativer als die Medien Glauben machen wollen.“ Als Argument hat Bok nicht viel mehr anzubieten als den Wahlausgang.
In meinem Artikel über Konservatismus und Ambivalenz (unbedingt lesen! das beste, was ihr zu diesem Thema je gelesen haben werdet!) habe ich vor einigen Wochen argumentiert, dass der Konservatismus in Deutschland im Grunde am Ende sei, weil er seine Skepsis gegenüber dem Anderen, Uneindeutigen, gegenüber Ausländern und Schwulen, gegenüber alternativen Familienformen und der Vermischung der Geschlechterrollen aufzugeben im Begriff ist – und damit sein konstitutives Unterscheidungsmerkmal verliert. Das, habe ich behauptet, korreliert mit einem generellen Rückgang konservativer Positionen in der deutschen Bevölkerung. Ich finde, damit kann ich mich mit Fug zur „grünen Journaille“ zählen, auch wenn Herr Bok wahrscheinlich eher Schreiberlinge mit einer höheren Leserzahl und auf etablierteren Plattformen als diesem Blog im Blick hatte.
Nun hat Deutschland gewählt, und es hat die Union gewählt. Bedeutet das, dass die Deutschen in Wahrheit eben doch so konservativ wie immer sind? Zweifel scheinen mir angebracht. Denn die eigentliche Frage ist doch, ob die CDU noch eine konservative Partei ist. Gibt es nicht einen Grund, warum sich Politiker aus dem rechten Flügel der Union in den vergangenen Jahren immer mehr zurückgezogen, die Partei verlassen, sich über die „Aushöhlung“ der „Werte“ in der CDU beklagt haben? Überhaupt: Haben die Deutschen nicht viel eher Angela Merkel gewählt als die CDU, von der ohnehin niemand mehr weiß, wofür sie eigentlich steht? Ist Angela Merkel konservativ?
Auf Youtube gibt es ein interessantes Video zu bestaunen, das eine Wahlfeier der CDU zeigt, bei der unsere Kanzlerin ihren ganzen Konservatismus ein- für allemal offenbart:
Natürlich ist Merkel nicht, wie etliche offenbar deutschnationale Youtube-Kommentatoren argwöhnen, „angewidert“ von der deutschen Flagge. Was sie hier tut, ist eine großartige Kurzfassung für das, was sie in den letzten zehn Jahren mit der CDU getan hat:  Sie befreit ihre Partei von ihrer männlich-tumben, gestrigen Tümeligkeit, die es zumal jungen Menschen – und erst recht Frauen – davor unmöglich machte, sie zu wählen. Dass dieser Wandel bei der letzten Wahl mit einem solchen Erfolg belohnt wurde, spricht nicht für, sondern gegen einen in der Bevölkerung verbreiteten Konservatismus. Alles in allem gibt es für Leute wie Wolfgang Bok wenig Grund, Morgenluft zu wittern.

About Author: Sören Brandes

Geboren 1989 in Paderborn, hat Geschichte und Literatur in Berlin und Lund studiert. Master in Moderner Europäischer Geschichte. Promoviert derzeit am Graduiertenkolleg „Moral Economies of Modern Societies“ am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung über die Mediengeschichte des Neoliberalismus. Lebt in Berlin-Neukölln und interessiert sich für eigentlich alles, insbesondere für Globalisierungsphänomene, den Einfluss der Massenmedien darauf, wie wir denken und leben, und europäische Politik. Mail: soeren@unserezeit.eu, Twitter: @Soeren_Brandes, Facebook: Sören Brandes View all posts by

2 Gedanken zu „Update zu Konservatismus und Ambivalenz“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.