Wahlen sind für alle da

Wenn heute der neue Bundestag gewählt wird, dürfen über 20 Millionen Menschen in Deutschland nicht mitentscheiden, weil sie kein Wahlrecht haben – ein Skandal, der viel zu selten thematisiert wird.

Parlamentswahlen sollten die Sternstunde der Demokratie sein, Fixpunkt öffentlicher Deliberation und Vollzug politischer Selbstregierung. Bei der (heutigen) Bundestagswahl sind allerdings Zweifel angebracht. Nicht nur, dass den Wählerinnen und Wählern eine falsche Dichotomie zwischen konservativer Alternativlosigkeit und reaktionärer Zeitreise aufgedrängt wird. Nicht nur, dass die rein nationale Mitbestimmung unzureichend ist, um die globalisierten Probleme des 21. Jahrhunderts zu lösen. Nein, der Defekt der deutschen Demokratie (und nicht nur dieser) ist noch fundamentaler: Obwohl über 82 Millionen Menschen in Deutschland leben, verfügen nur 61,5 Millionen über das Wahlrecht. Mehr als 20 Millionen Menschen sind bei dieser weitreichenden Entscheidung über unsere politische Zukunft ausgeschlossen. Das ist ein Skandal, über den endlich gesprochen werden muss.

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Smells Like German Spirit. Again.

Volksgemeinschaft – diesen Gestank kann die AfD nicht verbergen. Er strömt ihr aus allen Poren. Sie kann sich drehen und winden, sie bekommt ihn nicht los. Warum? Weil der Gestank ihr Markenkern, ihre Identität und ihr Fetisch ist.

Republikanische Automaten. George Grosz. 1920.

Die AfD zu skandalisieren ist heute keine Kunst mehr, sondern gehört als Teil der Kulturindustrie zum alltäglichen Geschäft. Die AfD produziert so viel Hetze, dass es zwar Mühe macht, eine gute Story über ihre Menschenfeindlichkeit zu schreiben – sie im Detail zu finden, ist dagegen nicht schwer, weil die AfD die plurale, freiheitliche und rechtsstaatliche Demokratie jeden Tag beleidigt. Und da bad news kulturindustriell gewendet zu good news werden, ist die AfD ein Themengebiet indem Journalistinnen sich die Finger wund schreiben. Das Problem: die AfD ist mittlerweile so aktiv geworden, man kommt einfach nicht mehr hinterher. Internet, Fernsehen, auf Straßen und in Parlamenten. Überall werden abenteuerlichste menschenfeindliche Phrasen und Praktiken propagiert. Überall menschenverachtender weltanschaulicher Mief, der, schaut man in die Geschichte der Weltgesellschaft, schon immer irgendwie bestialisch gestunken hat, weil er bestialisch ist. Durch die serienmäßige Produktion dieses Gestanks, wird der Geruch zum Alltag und oft genug geht die stinkende Aura der AfD-Propaganda im Alltäglichen unter. Und das ist das größere Problem. Die Normalität.

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Die Alternative für Europa

Das Zeitalter der Alternativlosigkeit ist an sein Ende gekommen. Mit Trump, Brexit und der „Alternative für Deutschland“ hat sich ein Gegenmodell zur Globalisierung formiert: Nationalismus, Abschottung, Repression. Wenn die offene Gesellschaft gegen diesen Ansturm eine Chance haben will, muss sie eine eigene, progressive Alternative entwickeln, anstatt den Status Quo zu verteidigen.

„There Is No Alternative.“ Margaret Thatcher begutachtet Truppen in Bermuda,  1990, gemeinfrei via Wikimedia Commons

„There Is No Alternative.“ Mit dem berühmten TINA-Prinzip leitete Margaret Thatcher Ende der 70er Jahre programmatisch das Zeitalter ein, das jetzt an sein Ende kommt: das Zeitalter der Alternativlosigkeit. Die rechten Bewegungen, die derzeit in Mitteleuropa Morgenluft wittern, während sie in den USA, Großbritannien, Ungarn, Polen und Bayern bereits an der Macht sind, präsentieren sich – ganz wie die Faschisten der 20er Jahre – vor allem als Alternative: zur Globalisierung, zu Europa, Technokratie und Freihandel, zur liberalen Demokratie mit Freiheitsrechten, Minderheitenschutz und Rechtsstaat. Der Status Quo ist für sie unerträglich – er muss radikal umgestürzt werden, koste es, was es wolle.

Das Ende der Selbstzufriedenheit

Unter den Eliten der Berliner Republik ist die bevorzugte Reaktion auf den Angriff von rechts die Beschwichtigung: eine Grenzschließung hier, ein paar ökonomische Zugeständnisse dort. Verständnisvolle Zeitungsartikel, die die Nöte der „echten Menschen“ schildern, die da angeblich zusammengekommen seien. Man kritisiert das, was man für „Merkels Flüchtlingspolitik“ hält, und leistet Abbitte dafür, dass man sie im Sommer 2015 über die Maßen unterstützt hätte: übertrieben humanistisch, nicht „realistisch“, überhaupt illusorisch sei das gewesen. Überhaupt das Schwadronieren über ein Ende des Nationalstaats, das man vor einigen Jahren noch betrieben hatte – was hatte einen da nur geritten!

Nun gilt: Nur nicht weiter anheizen, nicht provozieren, die Ruhe bewahren – denn eigentlich geht es uns doch gut. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosenzahlen sind auf einem historischen Tiefstand, Deutschland steht als leuchtendes Vorbild da – wir, soll heißen: sie, die Eliten der Berliner Republik, haben doch alles richtiggemacht. Denn man ist nach wie vor stolz auf das, was man erreicht zu haben glaubt: die starke deutsche Wirtschaft, die angeblich dank der Hartz-Reformen niedrige Arbeitslosigkeit, die Weltoffenheit der Deutschen. Eine Alternative, so glaubt man, braucht es doch eigentlich gar nicht – die Leute müssten nur endlich einsehen, wie gut es ihnen geht. Draußen in der Welt, so hört man, würde man die Deutschen bewundern und beneiden. Warum nur sind die Leute so wütend?

Manchen allerdings ist doch mulmig zumute: Zu sehr erinnern Argumentationsweisen und Rhetoriken der Rechten an die düsteren 20er und 30er Jahre. Ein wütender, hasserfüllter Antiliberalismus ist unverkennbar auf die historische Bühne zurückgekehrt, nachdem der Liberalismus lange Zeit scheinbar alternativlos als Sieger der Geschichte dastand. Und so stellen manche immerhin die eigene Selbstzufriedenheit infrage: Vielleicht war man doch etwas zu schläfrig und selbstverliebt, vielleicht hat man sich nicht genug engagiert. Und nun, glauben viele, müsse man die liberale Gesellschaft verteidigen – sich gewissermaßen in die Bunker zurückziehen, den Angriff abwarten, aushalten und ihn an den Mauern des eigenen, onkelhaften Gönnertums ins Leere laufen lassen.

Die rechte Pseudo-Avantgarde

Damit aber hat man spiegelbildlich übernommen, was die Rechten ohnehin behaupten: Dass sie die Alternative zum bestehenden System seien. Wer sich in die Verteidigungsstellung zurückzieht, muss beständig mit der Versicherung arbeiten, dass das, was sie da verteidigt, die beste aller möglichen Welten sei. Hillary Clinton verwies ständig auf wachsende Wirtschaft und sinkende Kriminalitätsraten und machte damit aus Sicht der Rechten nur noch deutlicher, wie abgehoben sie sei. Ihre Botschaft war eine des Weiter So – sie verteidigte den Status Quo gegen eine Bewegung, die das Momentum, das Neue, das Andere für sich reklamieren konnte.

Denn genau so nimmt sich die neue Rechte gerne wahr: Marc Jongen, der Hausphilosoph der AfD, schwärmt vom platonischen „Thymos“ der AfD – im passionierten Hass mancher AfD-Anhänger findet er endlich einen Ausweg aus seiner langweiligen bürgerlichen Existenz im Elfenbeinturm. Die neue Rechte trete an gegen einen Linksliberalismus, der eigentlich konservativ sei, weil er bewahren wolle, was sie zu zerstören sich vorgenommen habe. Ihre Vordenker und Anführer sehen sich deshalb nicht mehr als Verteidiger des Alten, sondern als Avantgarde einer neuen, radikal nationalistischen Ordnung, die es erst noch zu schaffen gilt.

Für eine intellektuelle Avantgarde warten die Rechten allerdings mit seltsam konventionellen Ideen auf: Der Nationalismus ist bereits seit 150 Jahren die dominante Ideologie in Europa, von wo er sich über die ganze Welt ausgebreitet hat. Dass sich daran nichts geändert hat, kann man an den Grenzmauern und -kontrollen beobachten, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nicht von einer avantgardistischen, radikalen Rechten, sondern von liberalen und konservativen Regierungen errichtet wurden. Die radikale „Wiederherstellung“ nationaler Souveränität, die die Rechten nun fordern, ist historisch ebenso wenig neu: Mit diesem Anspruch traten auch Hitler und Mussolini an, die das Projekt im Gegensatz zu den meisten AfD-Anhängern immerhin konsequent zu Ende dachten – und ebenso konsequent umsetzten. Denn wer homogene Nationalstaaten errichten will, wird schwerlich auf radikale Mittel wie Deportation, Lager (beides bereits jetzt Alltag!), Schießbefehle und Völkermord verzichten können. Und wer „Autarkie“ will, wird in einer bereits seit Jahrhunderten global integrierten Welt paradoxerweise auf den Weltkrieg nicht verzichten können.

Tyranny of the Status Quo

Die „Lösungen“ der Rechten wären also in ihrer Altbackenheit zutiefst langweilig, wenn die Reminiszenzen, die sie aufrufen, nicht so beängstigend wären. Aber die Rechten schaffen sich so doch einen entscheidenden Vorteil: Sie können als die Hoffnung der Unzufriedenen auftreten, weil sie den Status Quo nicht verteidigen müssen. Wo ein liberaler Verteidiger „Ja, aber“ sagen würde oder gar „Aber das stimmt doch nicht – sieh Dir doch die Statistiken an“, verdammt der Rechte einfach alles in Bausch und Bogen, so wie es Donald Trump im Wahlkampf tat: „It’s a disaster, folks!“

Aber soll das die Wahl sein, die sich uns stellt? Ist wirklich alles so gut, wie die Verteidiger des Status Quo uns weismachen wollen, oder so grauenhaft, wie die radikale Rechte behauptet? Wer etwa „unsere liberalen Werte“ verteidigen will, müsste sich erstmal genauer ansehen, welche Rolle sie in der tatsächlichen deutschen und europäischen Politik spielen: Dank des von Merkel und dem Europäischen Rat betriebenen EU-Türkei-Deals und der Schließung der Balkanroute sind 2016 mehr Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken als je zuvor. Anstatt diese katastrophale Entscheidung rückgängig zu machen, werden derzeit Verhandlungen auch mit anderen Diktaturen wie dem Sudan und Eritrea geführt und Geld an die libysche „Küstenwache“ überwiesen, mit dem Ziel, dass die Flüchtenden schon aufgehalten oder getötet werden, bevor sie im Mittelmeer ertrinken – außerhalb der Reichweite europäischer Medien. Das dieser Politik zugrunde liegende Denken in eingemauerten Staatsflächen müsste überwunden, nicht verteidigt werden.

Die Welt wird in Hinterzimmern regiert; Parlamente und Bürger kommen nicht vor. Hier ein Treffen im Vorfeld des NATO-Gipfels in Newport, Wales, im September 2014 (via Wikimedia Commons)

Ähnliches gilt für die nationale Demokratie. Die Bürger unserer Staaten fühlen sich völlig zurecht machtlos angesichts einer Globalisierung, die beständig krisenhaft auf sie einprasselt. Auch ein wirtschaftlich und geopolitisch verhältnismäßig mächtiger Staat wie Deutschland kann heute kaum mehr souveräne politische Entscheidungen treffen, ohne sich in Hinterzimmerdeals mit anderen Staaten und internationalen Organisationen abzustimmen. Diese diplomatischen Lösungen sind aber, soweit sie überhaupt zustande kommen, demokratisch kaum legitimiert – Parlamente dürfen erst anschließend abnicken, was Regierungsmitglieder und Verwaltungsbeamte beschlossen haben. Angela Merkel ist geradezu die Personifikation dieser diplomatisch-technokratischen Elitenherrschaft, in der die Bürger sich zurecht entmachtet fühlen, weil weder Parlamente noch Opposition hier viel zu melden haben.

Gemeinsam mit der nationalen Demokratie ist auch der nationale Wohlfahrtsstaat unter die Räder einer von neoliberalen Ideen ins Werk gesetzten Globalisierung geraten – die allerdings, auch das gehört zur Wahrheit, zu einer enormen Reduktion von Ungleichheit und Armut auf globaler Ebene geführt hat. Während diese Fortschritte in vielen Entwicklungsländern kaum zu übersehen sind, sind die Nachteile ebenfalls offensichtlich: Sozialstandards werden unterlaufen, Vermögen auf die Bermudas verschoben, erfolgreiche Firmen vermeiden Steuern und Löhne geraten unter Druck. In Deutschland wurde die Agenda 2010 als notwendige, alternativlose Anpassung an die Globalisierung verkauft – ein Kardinalfehler, der sich jetzt rächt, weil die damit verbundenen sozialen Härten nun als notwendiger Bestandteil der Globalisierung begriffen werden.

Die Alternative für Europa

Aber nichts an all diesen Problemen ist notwendig. Die Rechten wollen uns eine falsche Dichotomie aufzwingen: die zwischen einem neoliberalen, undemokratischen und ungerechten Status Quo auf der einen und ihren eigenen vagen Ideen von völkischer Homogenität und nationaler Abschottung auf der anderen Seite. Die derzeit mächtige Generation der Babyboomer präferiert offenbar ersteres, wenn auch zuweilen mit leichten Modifikationen, und spielt damit das Spiel der Rechten mit: Sie begreift sich als Verteidiger einer Ordnung, deren Widersprüche und Härten sie lieber schönredet als sie konsequent anzuerkennen. Sie begibt sich damit automatisch in die Defensive und kann fortan nur noch Rückzugsgefechte führen, die sie am Ende verlieren wird – wie man an den britischen Tories beobachten kann, die ihre rechtsextremen Kontrahenten nur um den Preis „besiegen“ konnten, dass sie selbst die absurde und menschenfeindliche Politik umsetzen, die diese jahrelang gefordert hatten.

Um diesem strategischen Dilemma zu entkommen, müssen wir eine dritte Alternative schaffen. Wir müssen den Liberalismus nicht aufgeben, wenn wir ihn weiterentwickeln: Bisher war der Nationalstaat eine der fundamentalen Bestandteile des liberalen Modells. Aber die liberale Idee der Menschenrechte wies von Anfang an über ihn hinaus. Im Zeitalter der globalen Vernetzung und der ständigen Grenzüberschreitung von Waren, Menschen und Kapital ist es nun dringender denn je geworden, dass wir die Nationsgebundenheit von Staatlichkeit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit überwinden.

Demokratie und soziale Gerechtigkeit müssen wieder als etwas betrachtet werden, das erst noch errungen werden muss: Jede Bürgerin muss endlich ein Mitspracherecht haben, wenn Entscheidungen getroffen werden, die sie direkt betreffen – und zwar auch und erst recht bei Entscheidungen, die außerhalb ihres nationalen Territoriums getroffen werden. Gleichzeitig muss Solidarität endlich als etwas verstanden werden, das zwischen Menschen und nicht nur innerhalb von Nationen stattfindet. Gerade die Jungen lassen sich nur mit einer positiven Vision einfangen, die in die Zukunft weist, statt am Status Quo festzuhalten.

In Europa haben wir das große Glück, dass diese Alternative bereits als gestrichelte Linie am Boden unserer Realität aufscheint: Die Europäische Union hat ein direkt gewähltes Parlament, in dem politische Probleme schon jetzt demokratisch und politisch formuliert werden können – das heißt beispielsweise als politischer Konflikt zwischen Sozialdemokratie und Neoliberalismus statt als diplomatischer Konflikt zwischen Deutschland und Griechenland oder als technokratisches Problem für den Internationalen Währungsfond. Das Parlament muss deshalb mit einem Initiativrecht ausgestattet werden, und die Europäische Kommission eine echte, vom Parlament gewählte europäische Regierung werden, die mehr Entscheidungsmacht in der Wirtschafts- und Sozialpolitik bekommen muss, um dem globalisierten Finanzkapitalismus etwas entgegenzusetzen.

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Die „Alternative für Deutschland“ führt in den Abgrund. Aber die Merkelsche Verteidigung des Status Quo bietet keinerlei Ausweg aus der Erfahrung multipler Krisen, in die sie uns geführt hat. Auf dieser Grundlage gedeiht der Rechtspopulismus. Der Bundestagswahlkampf 2017 ist ein hervorragendes Beispiel für diese politische Logik: Während sich Union und FDP gezielt als zwar ebenfalls rechte, aber irgendwie „vernünftigere“ Alternative zur AfD gerieren und gegen ein medial kaum repräsentiertes linkes Gespenst polemisieren, bewegen sich SPD und Grüne in die konservative Mitte, die den Status Quo verteidigen will. Kein Wunder, dass sie mit dieser maximal einschläfernden Weiter-so-und-bloß-nicht-zu-links-Strategie ihre Umfragewerte schwinden sehen. Sie werden die Wahl verlieren. Aber auch die Linke schafft es noch immer nicht, konsequent einen linken Globalismus zu entwickeln und zu vertreten und weicht immer wieder in einen Nationalismus aus, der den Rechten nur in die Hände spielt.

Wir befinden uns bereits mitten in einer Spirale, die uns immer weiter nach rechts führen wird. Schon jetzt sind wir tief verstrickt in menschenfeindliche Politiken wie die jahrelange Zugrunderichtung Griechenlands, die mörderische „Sicherung“ der europäischen Außengrenzen, die Festsetzung und Deportation von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Wir können der Spirale der Abschottung nur entkommen, wenn wir die Flucht nach vorn antreten: Die Alternative ist ein demokratisches, offenes und soziales Europa, sind weltweite Mitbestimmung und internationale Solidarität. Das ist die Aufgabe für die kommenden Monate und Jahre nach dieser Wahl, die wir jetzt schon verloren haben: Wir müssen genau diese Alternative als Befreiungsschlag formulieren. Nur so lässt sich verhindern, dass wir im 21. die historischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts wiederholen.

Beitragsbild: Sunset in Bohemian Switzerland by Artem Sapegin via unsplash, gemeinfrei

Wider die Eskalation

Charlotte Theile zeigt, dass es in der Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten weder ideologischer Aufrüstung noch Apokalyptik bedarf – sondern zuvorderst der Grundtugenden des Qualitätsjournalismus.

Die kritische Auseinandersetzung mit Populisten verführt dazu, es ihnen gleichzutun und auf Eskalation zu setzen. Gezielt gestreuten Provokationen folgt zuverlässig die Empörung, auf verbale Entgleisungen der moralische Aufschrei. Wenn Ethnopluralisten Kleinstaaterei und Kulturchauvinismus frönen, wird von ihren Gegnern unweigerlich das Pathos der universellen Menschenrechte bemüht. Zitieren sich Rechtskonservative schneidig durch die Œuvres von Ernst Jünger oder Oswald Spengler, parieren Linksprogressive umso leidenschaftlicher mit Michel Foucault oder Chantal Mouffe. Angesichts irritierender Vermischungen im rechten wie im linken Lager – neoliberale oder dieselfahrende Grüne, sozialdemokratische Putinversteher, Hipster-Identitäre, rhetorisch versierte Neonazis, etc. –, wirken die überkommenen, komfortablen Kampfbegriffe immer öfter hilflos. „Nazi!“ schleudern die einen dem Nationalkonservativen ins Gesicht; „Linksfaschistin!“ brüllen die anderen der Linksliberalen hinterher.

Wenn es Populisten gelingt, ihre Kritiker in eine Arena mit aufgepeitschter Stimmung zu locken, haben sie schon gewonnen. Was dann gesagt, wie dann argumentiert wird, spielt eine untergeordnete Rolle. Das Medium ist die Botschaft und der Ton macht die Musik, in diesem Fall: den Marsch.

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Panarchy: The State 2.0

The dominant “Westphalian” model of the state, based on sovereignty over territory with borders and monopoly of violence over the people who happen to live in the territory, is obsolete. It fits seventeenth-century technology and pre-global societies when geographical distances could not be traversed easily and information took months to travel the globe. Instead, states may be founded on social contracts rather than sovereignty, service to citizens instead of monopoly over the use of violence in a territory. Panarchy, a political theory of non-territorial states founded on social contracts, introduced in 1860 by Belgian botanist and economist Paul Émile de Puydt, offers an alternative. It proposes that citizens may literally sign a social contract, a constitution, with a state, and may change their states without moving, just as customers can change their insurance policies. Explicit and voluntary social contracts have several advantages over standard social contract theories: They are neither mythical nor hypothetical, but explicit and actual, voluntary and reversible.

The Westphalian State epitomized in the famous book cover of Thomas Hobbes‘ “Leviathan”

Panarchy allows political agents to make reversible political mistakes and then exit and join another state. In Panarchy, the incentive for political innovation and improvement comes from competition between states over citizens-customers. Politics would then develop its own version of creative destruction, when failed states disappear and are replaced by better managed ones, generating a general progressive trend. „Panarchy: The State 2.0“ weiterlesen

Die absolute Mehrheit, die Enttäuschung und die Gefahr der Straße – Warum Macron gleich zu Beginn scheitern könnte

Image by LeWeb via Flickr , CC-BY-2.0.

Was bisher geschah – der frische Wind

Zwei Wahlen, zwei Einträge in die Geschichtsbücher der Grande Nation. Erst die Präsidentschaftswahl am 23. April, dann die wichtigen Parlamentswahlen am 11. und 18. Juni. Erst bebte bei den présidentielles die Erde unter den Füßen der Altparteien, dann kam es bei den législatives zu einem deutlichen Sieg von Macron. Die politische Landschaft wurde durcheinandergewirbelt, das Establishment auf den Kopf gestellt. Die Bürger haben die etablierten Parteien, die jahrelang kein Mittel gegen die steigende Arbeitslosigkeit finden konnten, abgestraft. Sie haben keine Lust mehr auf Skandale, die den Stolz der Grande Nation angreifen. Da war ein Präsident, der sich mit Motorroller heimlich zu seiner Affäre schleicht – Sixt freut sich, die Welt lacht. Da war ein aussichtsreicher Kandidat auf das politische Zepter Frankreichs, der seine Frau als Assistentin einstellt – der Steuerzahler zahlt, sie assistiert aber nicht. Peinlich. Beschämend. Es reicht. „Die absolute Mehrheit, die Enttäuschung und die Gefahr der Straße – Warum Macron gleich zu Beginn scheitern könnte“ weiterlesen

Wahlen nach Zahlen – Zahlen nach Wahlen. Warum das Referendum in der Türkei eine Farce war

Erdogan zeigt den Rabia-Gruß; Foto von R4BIA.com via Wikimedia Commons, gemeinfrei

Das türkische Referendum ist gelaufen. Die Adalet ve Kalkınma Partisi (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung, AKP), Erdoğan und seine Anhänger haben gewonnen. Nach offiziellen Angaben wurde die neue Verfassung mit 51,41 Prozent angenommen. Die Wahlbeteiligung soll laut staatlichen Verlautbarungen bei 86 Prozent gelegen haben. 51,41 Prozent dafür, 48,59 dagegen. Die größten Städte und urbanen Ballungszentren stimmten mehrheitlich mit Nein. Istanbul, Ankara und Antalya. In Izmir lehnen 67,9 Prozent die Änderungen der Verfassung ab. Die ganze Westküste der Türkei stimmte mehrheitlich mit Nein. So auch im Südosten der Türkei. In den Regionen mit kurdischer Majorität scheinen die Menschen zu wissen, was ihnen unter einem noch ungezügelteren Präsidenten blüht. Erdoğan hatte schon kurz nach dem Sieg ankündigt, im Verbund mit der ultranationalistischen Milliyetçi Hareket Partisi (MHP), der Partei der Nationalistischen Bewegung, die Todesstrafe wieder einzuführen – per Referendum. Der Einsatz der türkischen Armee gegen kurdische Zivilisten wird einen eigenen Beitrag zum dortigen Wahlergebnis geleistet haben. Diyarbakır lehnte die Verfassungsänderung mit 67,6 Prozent ab, die Kurdengebiete stimmten mehrheitlich mit Nein. Trotzdem: eine knappe Mehrheit von 51,41 Prozent stimmte für eine Präsidialdiktatur, 48,59 stimmten dagegen. Diese Zahlen sind Generalisierungen und müssen viele Informationen ausblenden, um wenige Informationen zu generieren. Sie sind Resultat einer Reduktion von Komplexität. Wie nach jeder Wahl bewirkt die pedantische Fokussierung auf das numerische Resultat einen Verdunklungseffekt, denn man übersieht leicht die Rahmenbedingungen, unter denen das Zahlenverhältnis 51,41:48,59 zustande kommen konnte. Diese Rahmenbedingungen aber entscheiden darüber, ob eine Wahl das Adjektiv demokratisch für sich reklamieren kann oder nicht.

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Ihr seid nicht das Volk! Europäische Ideen gegen rechtspopulistische Propaganda

Grenzkontrollen? Volksgemeinschaft? Heim ins Reich? Neeein, danke! Wir können neue Ideen von Politik, Staat und Kultur entwickeln, um Europa als solidarisches Projekt neu zu erschaffen.

Die Schnelligkeit, mit der 2016 eine böse politische Überraschung die nächste jagte, war bemerkenswert. Es wurde viel darüber diskutiert, wie man mit der Formierung einer autoritären Internationalen oder den Wahlsiegen rechtspopulistischer Parteien umgehen sollte. 2017 ist ebenfalls ein bedeutendes Wahljahr, in dem rechte Parteien in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland die Möglichkeit haben große Erfolge heimzufahren.

Gibt es liberale oder linke Visionen, Bewegungen oder Parteien, die jenen Wählern eine glaubhafte Alternative bieten können, die mit dem Status Quo unzufrieden sind? Oder haben sich die liberalen Demokratien müde gelaufen und haben nur noch Figuren wie Angela Merkel, Hillary Clinton, David Cameron, François Hollande oder Mariano Rajoy anzubieten, die emblematisch für ein „business as usual“ stehen und deren größte Versprechungen sind, dass es kommenden Generationen vielleicht und unter günstigen Umständen nur etwas schlechter gehen wird als ihren Eltern?

Wie lässt sich eine Alternative zu unserer Gegenwart denken, die Menschen begeistern kann und nicht auf Angst und Ausgrenzung aufgebaut ist? Wie lässt sich also – um zwei Ausdrücke Ernst Blochs aufzugreifen – mit „militantem Optimismus“ eine „konkrete Utopie“ entwerfen? Dies sind wohlgemerkt offene Fragen, über die wir uns jedoch unterhalten sollten. „Ihr seid nicht das Volk! Europäische Ideen gegen rechtspopulistische Propaganda“ weiterlesen

Kann man dem Populismus den Nährboden entziehen? Ja, mit Demut, Respekt und einem Perspektivwechsel

Wie wir unsere Gesellschaft spalten

Von Martin Schulz ist in diesen Tagen viel die Rede. Das mag daran liegen, dass er ein profilierter Europapolitiker ist und Europa in einer tiefen und anhaltenden Krise steckt. Noch mehr liegt es aber wohl daran, dass er als möglicher Kanzlerkandidat der SPD gilt. Nun sind Personalfragen in der Politik für die Medien spannender als jeder Inhalt und man kann tagelang über das Für und Wider von Personen für bestimmte öffentliche Ämter debattieren, was absolut legitim ist. Was aber in den vergangenen Tagen von zwei prominenten Journalisten über die Personalie Schulz geschrieben wurde, zeigt auf besonders eindringliche und auch erschreckende Art und Weise ein Kernproblem unserer Zeit auf, das mit dem grassierenden Populismus in unmittelbarem Zusammenhang steht. Martin Schulz, der seit 22 Jahren im Europaparlament sitzt, der als Parlamentspräsident diese Institution in nie dagewesener Weise politisch gestärkt hat, der Bürgermeister war, der seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle innerhalb der deutschen Sozialdemokratie spielt – diesem erfahrenen und natürlich nicht unumstrittenen Politiker wird die Fähigkeit zur Kanzlerschaft abgesprochen mit der Begründung, er verfüge weder über ein Abitur noch über einen Hochschulabschluss.

Wer es nötig hat, sich aufgrund formaler Bildung zu definieren, der zeigt den Unterschied zwischen Bildung, Intelligenz und Anstand. Foto von Glen Noble auf Unsplash.

Man kann einem Politiker und einem Menschen aus vielerlei Gründen die Befähigung für politische Ämter absprechen, ihn als ungeeignet betrachten oder ihn schlichtweg unsympathisch finden und entsprechend mit ihm und über ihn streiten. Aber als Begründung allen Ernstes den formalen Bildungsabschluss zu nennen, ist eine Arroganz, aufgrund derer man sich in diesen Tagen nicht über das vielzitierte Elitenbashing wundern muss. Wenn sich immer mehr Menschen offen gegen das System, gegen Parteien und Politiker oder gegen unsere Wirtschaftsordnung stellen, dann reicht es nicht, diese Menschen als dumm oder durchweg antidemokratisch und rassistisch zu bezeichnen. Zum einen verstärkt man diese Menschen damit in ihrer Haltung. Zum anderen gilt es die Haltung dieser Menschen zu verstehen, um sie letzten Endes wieder von unserer freiheitlichen, offenen und demokratischen Gesellschaft zu überzeugen. „Kann man dem Populismus den Nährboden entziehen? Ja, mit Demut, Respekt und einem Perspektivwechsel“ weiterlesen

Warum Wählen Pflicht ist

Je weniger Du Dich für Politik interessierst, desto mehr bist Du dazu verpflichtet, wählen zu gehen. Ein Gedankenexperiment frei nach dem „Herrn der Fliegen“.

In letzter Zeit bin ich öfter mal angeeckt. Ich bin der Meinung, dass jede/r einzelne die Pflicht hat, wählen zu gehen. Und um das tun zu können, muss jeder mindestens einmal die Woche die Nachrichten schauen. Das hat viele Leute auf die Palme gebracht: Das könnte ich doch nicht von jedem verlangen. Es gäbe einfach Menschen, die sich nicht für Politik interessieren und lieber in ihrem eigenen kleinen Kosmos leben wollen. Doch gerade diese Menschen müssen wählen gehen! Politikverdrossenheit als Verpflichtung? Ganz genau. Doch fangen wir vorne an. „Warum Wählen Pflicht ist“ weiterlesen