Für einen politischen Transhumanismus

Wie wir den Humanismus überwinden und eine Welt, die sich fundamental wandelt, politisch gestalten.

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Wir leben in einem Zeitalter, in dem wir Spezies verändern können und mit den möglicherweise folgenschwersten Erfindungen aller Zeiten buchstäblich über das Schicksal der Menschheit entscheiden.

Doch unsere größten Alltagsprobleme umfassen heute die Post vom Finanzamt und der GEZ. Das Desinteresse, mit dem viele unserer passiven Zeitgenossen dem politisch-gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Geschehen gegenüberstehen, steht im krassen Widerspruch zu den Möglichkeiten, die sich uns bieten.

Eine Antwort darauf ist der Transhumanismus. Dieser kann als die überfällige Grundsanierung des humanistischen Wertegebäudes verstanden werden.

Wie ist das gemeint?

Der Humanismus als Auslaufmodell

In einer Welt, welche zunehmend durch eine globalisierte Wirtschaft und die totale Vernetzung dominiert wird und in der die Risiken und Möglichkeiten neuer Technologien einen bisher ungekannten Grad erreicht haben, muss man sich die Frage stellen, ob die Politik unserer Zeit überhaupt noch dazu fähig ist, sich mit gegenwärtigen und zukünftigen Problemstellungen auseinanderzusetzen.

Doch wenngleich wir uns der Kritik der politischen Verhältnisse widmen wollen, soll es an dieser Stelle nicht um die üblichen Tiraden wider das konkrete politische Handeln unserer herrschenden Eliten gehen. Vielmehr wollen wir uns eines Themas annehmen, das herrschende Parteien und Opposition sowohl linker als auch rechter Gesinnung gleichermaßen betrifft – der ihnen allen zugrundeliegenden Philosophie des Humanismus und der Frage, ob diese den Erfordernissen einer modernen Politik überhaupt noch gerecht werden kann.

Der Humanismus war ursprünglich eine Philosophie des Rückbezugs auf die Antike. In seinem Rückbezug war er in der Zeit des seinem Ende entgegenstrebenden Mittelalters ironischerweise revolutionär.

Der Mensch ist seitdem das Maß aller Dinge und der Fokus des Lebens wurde auf das Diesseits gelegt.

Nicht Gott und Jenseits standen mehr, wie in der mittelalterlichen Scholastik, im Zentrum der Betrachtung. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Humanismus sich durchaus gewandelt, doch im Kern blieb er sich stets treu: Rückbezug auf die antiken Klassiker und ein auf ihrem Studium aufbauendes Bildungsideal sowie der Mensch als Zentrum einer idealistischen Betrachtung.

Aus diesen Kernelementen bezieht der Humanismus jedoch auch seine großen Schwachpunkte. Er blickt stets zurück und nicht voraus, versucht Weisheit aus Schriften zu ziehen, deren Autoren gar nicht über die Vorstellungswelt verfügten, um die Probleme unserer Zeit zu betrachten. Das größte Problem des Humanismus besteht jedoch in seinem extremen Anthropozentrismus, der den Menschen nicht nur über die Natur erhebt, sondern ihn auch als abgeschlossenes Wesen betrachtet.

Wenn man seine Politik darauf aufbaut, ohne Rücksicht auf Verluste den Wohlstand des Volkes zu wahren. Wenn man Tiere rechtlich als bloße Objekte betrachtet und ihr Leid wohlwissend hinnimmt; wenn man Maschinen verdammt, weil sie den fleißigen Bürgern die Arbeitsplätze wegnehmen; und wenn man Wissenschaftlern den Zugang zur Stammzellforschung verwehrt, auf dass ja nicht das Bild des Menschen als Gotteskind und Krone der Schöpfung beschädigt wird – dann ist man ein braver Humanist.

Doch in einer solchen Welt, die sich nur um die Entität Mensch dreht, ist kein Platz für Umweltschutz, für die Rechte von Tieren und künstlichen Intelligenzen, für Fortschritt. Der Humanismus dreht sich um sich selbst und dabei zerstört er die Welt und alle Zukunftsperspektiven, denn er verweigert sich den Neuerungen unserer Zeit. Anstatt sie zu verstehen und aktiv zu nutzen, verdammt er sie und hofft, dass sie wieder verschwinden mögen. Doch sie bleiben und beeinflussen zunehmend unseren Alltag.

Man mag jetzt anbringen, dass man den Humanismus nur ein wenig erneuern oder erweitern müsse, um weiter mit ihm zu arbeiten. Die Frage ist jedoch: Warum sollte man das tun? Um ihn zu modernisieren, müsste man seinen Kern verändern, doch wenn man seinen Kern verändert, dann ist er kein Humanismus mehr. Nein, die Zeit des Humanismus ist abgelaufen und jeder, dem an der Welt und am Fortschritt unserer Spezies liegt, sollte ihn dorthin verbannen, wo er hingehört: in die Geschichtsbücher.

Heute bedarf es einer neuen Philosophie, welche die noch funktionierenden Elemente des Humanismus nutzt und weiterentwickelt, dessen archaische Grundkonzepte jedoch transzendiert. Eine Philosophie für eine neue Zeit, ausgestattet mit den notwendigen Begriffen und dem Gestaltungswillen, um sich den Erfordernissen der Zukunft zu stellen und eine freiheitliche, sich entwickelnde Gesellschaft erblühen zu lassen. Eine Philosophie, die das Leben und den Fortschritt ins Zentrum rückt.

Transhumanismus – der Weg in die Zukunft

Als solches ist der Transhumanismus ein zukunftsorientiertes und -bewusstes Konzept, in dem sich die Menschheit durch die von ihr geschaffenen Werkzeuge selbst verbessert und ihren Status quo transzendiert. Mit dieser Transzendierung möchte der Transhumanismus das Versprechen von Entfaltung und Glück für jedes Individuum, unabhängig von dessen physiologischer Beschaffenheit, endlich einlösen: Die Früchte moderner Entwicklungen sollen allen Menschen zugänglich gemacht werden. Die gemeinsame Nutzung unserer kollektiven Intelligenz wird letztlich allen zugutekommen. Die Verwirklichung dieses Anspruchs kann dabei vom Erreichen des Weltfriedens bis zur synthetischen Evolution nahezu endlos viele Szenarien beinhalten.

In Zeiten, in denen Informations-, Desinformations-, und Änderungsüberflutung, Unaufgeklärtheit und Orientierungslosigkeit zu den größten Gefahren werden, bedarf es einer solchen neuen Form der Aufklärung, gehen technologische Entwicklungen doch mittlerweile weit schneller vonstatten, als selbst die Experten voraussehen. So machen gar maßgebende Futuristen und Trendforscher wie Peter Diamandis und Ray Kurzweil oftmals mindestens zwei Fehler bei ihren Vorhersagen:

Erstens: Sie unterschätzen Synergieeffekte.

Es passieren aktuell derart viele Fortschritte auf so vielen Gebieten, dass man Kreuzeffekte so gut wie nicht vorhersagen kann, selbst wenn man sich bei seinen Vorhersagen nur auf einige wenige Kerntechnologien beschränkt, wie es Kurzweil zum Beispiel in einem seiner Bücher mit der „Gen- Bio- Nano- & KI“-Prognose macht.

Denn allein, wenn sich z.B. Drohnen- und Virtual-Reality-Technologie auf einmal wesentlich schneller entwickeln als angenommen, kann es durchaus sein, dass alle anderen Vorhersagen dadurch stark betroffen sind. Auch die Robotik hat aufgrund dieser Synergien in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht.

Wenn wir uns zum Beispiel vorstellen, dass auf einmal jeder in Echtzeit überall, kostenlos und zu jeder Tages- und Nachtzeit virtuell auf und über der Erde unterwegs sein kann, kann das zu absolut unvorhersehbaren Entwicklungen führen. Und die dazu notwendigen technologischen Schnittstellen können unter den richtigen Umständen dank MOOC’s (Massively Open Online Courses) etc. 99% aller Menschen auf der Erde problemlos entwickeln bzw. nutzen.

Was passiert denn zum Beispiel, wenn ein solcher Dienst zu einem Hype wird und auf einmal Millionen Menschen zeitgleich die Erde erkunden? Dies allein kann einen nie dagewesenen Reiseboom hervorbringen wie Pokémon Go ihn im Kleinen bereits erzeugt hat. Es könnte auch zu globaler Empathie führen, da mit einem Male Schicksale an jedem Platz der Erde instantan erfahrbar werden. Vorbei wären die Zeiten, in denen Bilder im Hintergrund eines Nachrichtensprechers zeigten, wie die Welt ist. Wenn zu diesem Zeitpunkt etwas passiert, kann jeder Mensch Minuten später erleben, was dort vor sich geht. Dies kann ebenso gut eine völlig neue Art des Katastrophentourismus mit sich bringen. Der Punkt ist: Wir können dies nicht abschätzen, aber wir können die Entwicklungsrichtung beeinflussen.

In einer Zeit, in der selbst Experten kontinuierlich überrascht sind von der Geschwindigkeit des technischen Fortschritts, ist das politische Entwicklungsbewusstsein von enormer Bedeutung. Ansprechpartner, die Orientierung geben können und die Menschen an die Hand nehmen und durch diesen Dschungel führen können, bis sie sich selbst zurechtfinden, sind jedoch Mangelware. Und jeder Transhumanist besetzt in diesem Szenario ungefragt eine Marktlücke.

Die Notwendigkeit eines politischen Transhumanismus

Und damit kommen wir zu Fehlannahme Zwei: Die meisten aktuellen Zukunftsforscher wie Diamandis und Kurzweil gehen implizit oder explizit von einer verschlafenen und altbackenen Politik wie bisher aus. Sie verorten Fortschritt ausschließlich in der Wirtschaft. Wir hingegen gehen mit der These Yuval Noah Hararis konform, dass Fortschritt in den letzten fünfhundert Jahren vor allem durch das Wechselspiel dreier Kräfte gestaltet wurde und wird:

  1. Politik
  2. Wirtschaft
  3. Wissenschaft

Man stelle sich vor, die federführende Politik würde aktiv auf die Zukunft hinwirken. Sie würde nicht wie bisher so oft zum Hilfswerkzeug konservativer Lobbys verkommen, sondern sich mit Idealen und Visionen einer besseren Zukunft für alle statt nur für wenige verschreiben. Dieser im Optimalfall harmonische Dreiklang kann unseren globalen Fortschritt noch zu ganz anderen Höhen verhelfen. Das Problem besteht jedoch darin, dass die Politik von Menschen gemacht wird, die nicht verstehen und auch gar nicht verstehen können, was unsere Gegenwart eigentlich auszeichnet.

Überall auf der Erde wird dem Fortschritt von politischer Seite im besten Fall mit Ignoranz und Unverständnis begegnet, im schlimmsten Falle mit Ablehnung und massivem Gegenhalten. Unterstützt wird das Ganze von Lobbygruppen, die ebenfalls zum erdrückenden Großteil aus den Dinosauriern des analogen Zeitalters bestehen. Die Indizien eines großen gesellschaftlichen Wandels durch technologischen Fortschritt sind jedoch so erdrückend, dass jede Politik, die glaubt, das Problem einfach aussitzen oder dem Markt überlassen zu können, vollkommen fehl am Platze ist.

Aufgabe der Politik sollte es stattdessen sein, die Menschen hinreichend vorzubereiten, so dass diese die neuen Chancen nutzen können und sich der Risiken, die ein solcher Wandel mit sich bringt, voll bewusst sind. Sie muss den Wandel steuern, anstatt von ihm gesteuert zu werden. Sie muss den Fortschritt zum Wohle aller fordern und fördern, anstatt ihn auszubremsen und zu verhindern. Wie gut kann eine Zukunft werden, wenn sie nicht mehr wie heute viel zu oft von der Wirtschaft blind dominiert, die Wissenschaft von ihr stranguliert und die Politik mundtot gekauft wird, sondern wenn alle drei Kräfte an einem gemeinsamen und visionären Strang ziehen?

Der Transhumanismus ist ein noch weitgehend unbelastetes Konzept einer neuen Gesellschaft, die von jedem engagierten Menschen aktiv mitgestaltet werden kann. Dies allein ist ein positiver Beitrag zu unserer demokratischen Kultur und kann endlich einen gangbaren Weg aus der Politikverdrossenheit darstellen. Und es braucht ihn, weil Fortschritt momentan überwiegend politisch ungerichtet passiert; was in Anbetracht der sich bietenden Möglichkeiten mehr als fahrlässig anmutet.

Der Transhumanismus kann die Aufgabe übernehmen, die Bevölkerung auf die kommende technologische Wende vorzubereiten, damit zum Beispiel der Abbau und Verlust von Arbeitsplätzen durch Technologie möglichst nahtlos an ein bedingungsloses Grundeinkommen anschließt, denn Ziel eines politischen Transhumanismus ist es, jeden Einzelnen in der Gesellschaft zum aktiven Mitgestalter zu machen.

Und so transzendieren wir den Humanismus und setzen ihm den Transhumanismus entgegen, welcher das Individuum ins Zentrum stellt statt den Menschen an sich; der adaptiert, statt nur zu verwalten; der frohen Mutes in die Zukunft blickt und Erkenntnisse aus der Wissenschaft nutzt, anstatt Trost in den Schriften längst vergangener Zeiten zu suchen; der den Fortschritt in konkreten Anwendungen anstrebt, statt sich in den moralischen Wirrungen einer altertümlichen Tugendethik zu verheddern.

Titelbild via Pixabay, CC-O

4 Gedanken zu „Für einen politischen Transhumanismus“

  1. Lieber Herr Schillig,

    danke für den interessanten Beitrag. In einigen Punkten erscheint mir Ihre Argumentation allerdings verkürzt.

    1) Sie schreiben, der Humanismus blicke „stets zurück und nicht voraus, versucht Weisheit aus Schriften zu ziehen, deren Autoren gar nicht über die Vorstellungswelt verfügten, um die Probleme unserer Zeit zu betrachten. Das größte Problem des Humanismus besteht jedoch in seinem extremen Anthropozentrismus, der den Menschen nicht nur über die Natur erhebt, sondern ihn auch als abgeschlossenes Wesen betrachtet.“ Eines der zentralen Dokumente humanistischen Denkens um 1500, Pico della Mirandolas Rede über die Würde des Menschen, lässt diese Behauptung zweifelhaft erscheinen. So heisst es bei Pico: „Weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen habe ich dich [Adam, bzw. den Menschen] geschaffen und weder sterblich noch unsterblich dich gemacht, damit du wie ein Former und Bildner deiner selbst nach eigenem Belieben und aus eigener Macht zu der Gestalt dich ausbilden kannst, die du bevorzugst.“ Sprich, der Mensch ist bei Pico vor allem Potential und keinesfalls „abgeschlossen“. Der Mensch mag im Zentrum des Humanismus – welche Humanismus ist eigentlich gemeint? – stehen, doch das Zentrum ist unter Umständen offen und durchaus zukunftsgerichtet. Der Humanismus lässt sich nicht essentialiseren.

    2) Begriffe wie „überwinden“, „entgegensetzen“ und „Auslaufmodell“ stehen in einem gewissen Gegensatz zu den Grundtendenzen von Post- und Transhumanismus. Wie die Postmoderne die Moderne nicht über-, sondern verwindet, lößen Post- und Transhumanismus den Humanismus nicht ab. Überwindung und Ablösung bleiben dem modernistischen Denken verpflichtet. Gerade was bestimmte eschatologische Facetten von Post- und Transhumanismus betrifft – man findet sie u.a. bei Ray Kurzweil –, ist klar ersichtlich, dass diese ältere Vorstellungen, Hoffnungen, Wünsche nicht etwa „überwinden“, sondern unter den technologischen Bedingungen der Gegenwart aktualisieren.

    Mit besten Grüssen aus Zürich,

    Jörg Scheller

  2. Sehr geehrter Herr Scheller,

    wir danken Ihnen, dass Sie uns an ihren Gedanken teilhaben lassen und senden Ihnen beste Grüße nach Zürich zurück. Unserem Verständnis nach erscheint ihre Argumentation ebenfalls verkürzt. Pico bettet das von Ihnen zitierte in einen weiter gefassten Kontext:
    […]So nahm er den Menschen als ein Werk unbestimmter Art auf, stellte ihn in die Mitte der Welt und sprach zu ihm wie folgt: «Dir, Adam, habe ich keinen bestimmten Ort, kein eigenes Aussehen und keinen besonderen Vorzug verliehen, damit du den Ort, das Aussehen und die Vorzüge, die du dir wünschest, nach eigenem Beschluss und Ratschlag dir erwirbst. Die begrenzte Natur der anderen ist in Gesetzen enthalten, die ich vorgeschrieben habe. Von keinen Schranken eingeengt sollst du deine eigene Natur selbst bestimmen nach deinem Willen, dessen Macht ich dir überlassen habe. Ich stellte dich in die Mitte der Welt, damit du von dort aus alles, was ringsum ist, besser überschaust. Ich erschuf dich weder himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich, damit du als dein eigener, gleichsam freier, unumschränkter Baumeister dich selbst in der von dir gewählten Form aufbaust und gestaltest. Du kannst nach unten in den Tierwesen entarten; du kannst nach oben, deinem eigenen Willen folgend, im Göttlichen neu erstehen.»
    O höchste Freigebigkeit[…]

    Pico setzt den Menschen nicht nur mit Potential gleich, sondern er macht ihn zum Baumeister der eigenen Wirklichkeit, zu einem Gott in Gott, zur Manifestation des eigenen freien Willens innerhalb eines durch ihn selbst erst zu definiernden Raumes. Weiter sagt er:
    […]Werden wir von unserem Tun entlastet und erfassen wir meditierend den Baumeister im Werke und das Werk im Baumeister, dann tauchen wir in die Ruhe der Beschaulichkeit ein,[…]

    Der Mensch wird also nicht nur zum Schöpfer seiner Umwelt, sondern zugleich durch seine Umwelt erschaffen, sein Handeln wirkt also immer auch auf ihn selbst zurück. Das Leben ist demnach keine Abfolge von richtig oder falsch, sondern eine Entdeckungsreise durch die Folgen eigener Entscheidungen. Vertrauen, Liebe und Demut sind mächtige Werkzeuge in der Wahrnehmung und Interpretation der Wirklichkeit, nur hat es der Humanismus nie geschafft, diese Werte im Handeln der Menschen zu verwirklichen. Sie schreiben:
    […]Sprich, der Mensch ist bei Pico vor allem Potential und keinesfalls „abgeschlossen“[…]

    Recht haben sie, der Mensch ist Potential, nur ist Potential ohne Kontext inert. Der Mensch ist auch Potential, aber er ist auch Ursache und auch Wirkung, er ist auch Umwelt und er ist auch Natur und vor allem ist er auch Idee. Der Mensch ist eine Synergie aus dynamischen Gegensätzen und Kontrasten, die ihn in seiner und ihrer Gesamtheit definieren.
    […]Der Mensch mag im Zentrum des Humanismus – welche Humanismus ist eigentlich gemeint? – stehen, doch das Zentrum ist unter Umständen offen und durchaus zukunftsgerichtet. Der Humanismus lässt sich nicht essentialiseren. […]

    Und im gleichen Zuge fallen sie in die Falle der Dialektik wenn sie schreiben, dass das Zentrum unter Umständen offen und zukunftsgerichtet ist und Humanismus sich nicht essentialisieren ließe. Die Essenz des Humanismus ist doch aber gerade der Mensch und eine der Essenzen des Menschen ist Potential und Wahl der Richtung – Wille. Und Wille ist in seiner Gesamtheit, ebenso wie die Menschheit an sich, paradox und tautologisch. Denn unter Umständen ist das Zentrum eben auch gleichzeitig geschlossen und rückwärtsgewandt. Humanistische Dialektik identifiziert Gegensätze und macht sie dadurch begreifbar, aber sie vermag sie nicht auszuhalten und damit als solche aufzulösen. Humanismus kennt keine Symbiose, keine Synergien. Warum kann das Zentrum nicht beides zugleich sein? Potential an sich bedarf keiner Richtung. Pico schreibt weiter:
    […]Wozu soll all dies vorgebracht werden? Damit wir verstehen, dass wir vorbestimmt sind, das zu sein, was wir sein wollen. Wir müssen dafür sorgen, dass man von uns nicht sage, dass wir so hoch stehend nichts gemerkt hätten, wie tierähnlich wir geworden wären, blöden Mauleselstuten gleich. Lieber sage man von uns, die Worte des Propheten Anaph wiederholend: «Ihr seid Götter, seid alle Söhne des Himmels.»
    Missbrauchen wir nicht die Wahlfreiheit, die der Vater in seiner grosszügigen Milde uns gewährt hat, damit diese Wahlfreiheit sich nicht als schädlich, sondern als heilsam erweise. Möge unsere Seele vom heiligen Ehrgeiz ergriffen werden, nichts Mittelmässiges anzustreben, sondern das Höchste zu ersehnen und mit aller Kraft uns anzustrengen, dies zu erreichen. Denn wir können es, wenn wir es nur wollen! […]

    Hier spricht Pico den freien Willen und die damit einhergehende Verantwortung an, aber die Fragen die er zwar beantworten konnte, die er sich aber selbst nicht stellen konnte, weil sie für ihn nicht einmal am fernsten Horizont vorstell- und denkbar waren, ergeben sich für den Transhumanisten zum Beispiel aus dieser Passage:
    […]Wenn ihn das Los keines der anderen Geschöpfe befriedigt, wird er sich in den Mittelpunkt seiner Einheit zusammenfassen, eines Geistes mit Gott. In der einsamen Rauchwolke des Vaters wird der Mensch, der über alle Dinge gestellt wurde, allen Dingen vorstehen. […]

    Was tun wir, wenn wir diesen Punkt erreicht haben? Was dürfen, was können, was müssen, was wollen und was sollen wir tun? Der Humanismus wird auf diese Fragen keine Antworten liefern können. Und damit kann er nicht als Ausgangspunkt einer Ethik dienen, die unsere Werte für die Zukunft aktualisiert, wie sie so schön geschrieben haben.
    Was tun wir, wenn unsere eigenen Schöpfungen vor uns diesen Punkt erreicht haben? Wie behandeln wir unsere Schöpfung innerhalb unserer Schöpfung oder auch Gott in Gott in Gott, um bei Picos Metapher des Baumeisters zu bleiben? Der Humanismus wird auch auf diese Fragen keine Antworten liefern können. Und kann auch daher nicht als Ausgangspunkt einer Ethik dienen, die unsere Werte für die Zukunft aktualisiert, die bereits so schön beschrieben wurden.
    Der Gedanke an die Singularität, die Tatsache, dass Menschen diese herbeisehnen, ist das vernichtendste Zeugnis für das Scheitern sowohl von Religion, als auch der Philosophie. Denn dem Gedanken an die Singularität liegt eine Umwelt und eine Geschichte zugrunde, die Menschen am Mensch-Sein zweifeln lässt und die daher die Veräußerung der Verantwortung für unser Sein anstreben, weil die bestehenden ideologischen Angebote keine überzeugenden Lösungen für Wege aus dieser Ausgangslage des Zweifels heraus aufbringen können. Die Lösung führt für sie nach der Aufgabe der Idee von einem übermenschlichen Gott hin zur Annahme und Realisierung der Idee eines bewusst erzeugten, künstlich-menschlichen Gottes. Wie präindustrielle Gottesbilder existiert aber auch dieses gleichfalls außerhalb des Mensch-Seins und so verurteilt der Mensch den Menschen zu fortgesetzter Hörigkeit gegenüber einem suprakomplexen Außen, dass fern unserer Einflußmöglichkeiten existiert.
    Die Weiterentwicklung des Menschen und der Menschheit an sich geschieht durch Lernen aus Fehlern. Humanismus will Fehler vermeiden. Letztlich ist es der humanistische Anteil in einigen Transhumanisten, der Gott mit Gott ersetzen will
    Die Menschheit ist derzeit auf bestem Wege sich selbst dem Dilemma Gottes, so es ihn gibt, auszusetzen. In der vollständigen Auslagerung schöpferischer Kreativität auf sich selbst reproduzierende, selbst weiterentwickelnde Subsysteme erschaffen wir nicht nur ein neues Universum, eine neue Dimension von Wirklichkeit zu den bereits bestehenden hinzu, wir verdammen uns selbst dabei zum Zuschauer ohne Gestaltungsmacht der Zukunft. Dies ist vielleicht die folgenschwerste Gefahr, die im Wort und Klang von Fortschritt mitschwingt. Verantwortung, so schwer sie auch liegt, bleibt stets am Handelnden haften. Der Fortgabe davon folgt auch unmittelbar der Verzicht auf Freiheit. Freier Wille ist Abwägen von Unbekanntem, ist eine Entscheidung, die das kommende Jetzt definiert. Unser gesamtes Wertegebäude ist an der Endlichkeit unserer Erkenntnishorizonte orientiert. Jenseits davon liegt das Unbekannte, dem wir uns mit immer schnelleren Schritten nähern. Uns ist dies bewusst. Und in diesem Bewusstsein stehen unsere Worte:
    […]Heute bedarf es einer neuen Philosophie, welche die noch funktionierenden Elemente des Humanismus nutzt und weiterentwickelt, dessen archaische Grundkonzepte jedoch transzendiert. […]
    […]Eine Philosophie für eine neue Zeit, ausgestattet mit den notwendigen Begriffen und dem Gestaltungswillen, um sich den Erfordernissen der Zukunft zu stellen und eine freiheitliche, sich entwickelnde Gesellschaft erblühen zu lassen. Eine Philosophie, die das Leben und den Fortschritt ins Zentrum rückt. […]

    Es gibt sicherlich unendlich viele Szenarien, wie sich Zukunft entwickeln kann, aber Impulse für Fortschritte werden aus einem Jetzt generiert und dieses Jetzt gilt es so zu formen, dass Menschen Verantwortung lernen können, dass Menschen Vorbilder nicht nur für Menschen, sondern auch für die Geschöpfe sein können, die wir eines Tages schöpfen mögen. Picos Weisheit wird ersichtlich, wenn er die Bedingungen und Fragen anspricht, unter denen aller Fortschritt als Lebenswirklichkeit des Menschen stehen sollte:
    […]Vorher müssen wir gut vorbereitet sein und gelernt haben, die Füsse richtig von Sprosse zu Sprosse zu setzen, ohne dass ein FUSS dem anderen den Weg versperrt, und den Sprossengang der Leiter nie zu verlassen. Das erreichen wir durch den redenden und vernünftigen Teil der Seele, von cherubinischem Geiste beseelt. Die Sprossen der Leiter, das heisst die Stufen der Natur, ersteigen wir philosophierend und betrachten alles von der Mitte aus, bis zur Mitte hin. Wir steigen mit titanischer Gewalt hinab, das Eine, als wäre es Osiris, in das Viele zerreissend, und steigen empor mit apollinischer Kraft, das Viele, als wären es die Glieder des Osiris, in das Eine sammelnd. Dann ersteigen wir die letzte Stufe der Leiter bis zum Busen des Vaters und werden, nach erreichtem Ziele, in der theologischen Seligkeit ruhen. Kann jene Einweihung etwas anderes sein als die Deutung der geheimsten Natur der Philosophie? Nach einer solchen Vorbereitung kam die epopteia, das heisst die Schau der göttlichen Dinge im Lichte der Theologie.
    Wer wünschte nicht in solche heiligen Geheimnisse eingeweiht zu werden? Irdische Dinge ausser acht lassend, Glücksgaben verschmähend und den Leib vernachlässigend, wer möchte nicht noch auf Erden Tischgenosse der Götter werden und, vom Nektar der Ewigkeit benetzt, als Sterblicher die Gaben der Unsterblichkeit empfangen? Wer möchte nicht das himmlische Jerusalem im schnellsten Lauf erreichen, von der sokratischen Raserei inspiriert, die Platon in seinem «Phaedron» preist, und mit rudernden Flügeln und Füssen dem Reiche des bösen Geistes entfliehen?
    Mögen wir fortgerissen werden, ihr Väter, fortgerissen von sokratischer Raserei und die Besinnung auf solche Weise verlieren, dass unser Geist in Gott wieder zur Besinnung kommt. Diese göttliche Raserei wird uns erfassen, wenn wir vorher das getan haben, was in uns veranlagt liegt: durch die Ethik die Kräfte der Leidenschaften innerhalb rechter Grenzen zu halten, so dass sie untereinander in dauernder Harmonie zusammenklingen. Wenn der Verstand, im Verein mit der Dialektik, von den Musen aufgerufen ordnungsgemäss vorgeht, wird uns die himmlische Harmonie berauschen. […]

    Heute stellen sich uns mehr Fragen. Was passiert, wenn wir eine, um bei der Metapher zu bleiben, der Sprossen hochsteigen? Wie verhalten wir uns und vor allem, wie verhalten wir uns richtig? Was ist überhaupt richtig? Was wenn es einfach gemacht wird, weil es gemacht werden kann? Was wenn es nicht gemacht wird, obwohl es gemacht werden kann? Welchen Fuß setzen wir zuerst der Bewegung aus und welchen belasten wir mit unserer Bewegung? Welche Philosophie vermag uns ein Gedankengebäude zu vermitteln, dass eine stete, eine skalierbare Anpassung und Orientierung in einer sich immer freier und vielschichtiger entwickelnden Welt erlaubt?
    Der Transhumanismus, der in Zukunft, wenn der Mensch nicht mehr die exklusive Intelligenz ist, als Transindividualismus zu bezeichnen wäre, steht erst ganz am Anfang. Er ist keine ausformulierte Denkschule, sondern aktuell noch notwendige Aufbruchstimmung und Aufforderung, sich dem Morgen zuzuwenden, denn nur in diese Richtung entwickelt sich das Leben und, bisher dem Menschen exklusiv, auch die fortgesetzte Ich-Erinnerung im Zusammenspiel mit denen der Anderen, mit den intersubjektiven Einzelwirklichkeiten des Metakonstruktes Menschheit.
    Was neu hinzugekommen ist und damals vielleicht undenkbar war, ist die Gleichzeitigkeit, mit der wir die in Picos Text angesprochene Leiter sowohl nach oben, als auch nach unten betreten können, nicht nur als Individuum, sondern vor allem auch als Menschheit generell. Und wir können es inzwischen nicht nur, wir tun es bereits seit geraumer Zeit.
    Ein Beispiel: Die Wissenschaft zerreisst das Eine, nennen wir es Gott, in das Viele, nennen wir es empirische Wirklichkeit und zugleich sammelt sie mittels Digitalisierung das Viele in Einem, dem Netz und ordnet es in einer künstlichen Struktur. Und dabei haben wir nur eine winzige Facette von Menschheit, nämlich die der wissenschaftlichen Wahrnehmung, angesprochen. Allen anderen Facetten von menschlicher Wahrnehmung und menschlichem Sein ergeht es derzeit ähnlich. Das Wissen und die Erfahrungen explodieren, die Kommunikation, das Denken zwischen den Individuen, nimmt immer schnellere Formen an, Zeit und Raum gewinnen und verlieren auf eine Art und Weise an Wert und Bedeutung, die zu funktionieren scheint, gerade weil sie Paradox ist. Und wir gehen darin unter. Der Mensch ertrinkt am Mensch-Sein. Und unter diesen Aspekten ist die Aussage zu verstehen:
    […]Die gemeinsame Nutzung unserer kollektiven Intelligenz wird letztlich allen zugutekommen. Die Verwirklichung dieses Anspruchs kann dabei vom Erreichen des Weltfriedens bis zur synthetischen Evolution nahezu endlos viele Szenarien beinhalten. […]
    […]In Zeiten, in denen Informations-, Desinformations-, und Änderungsüberflutung, Unaufgeklärtheit und Orientierungslosigkeit zu den größten Gefahren werden, bedarf es einer solchen neuen Form der Aufklärung, gehen technologische Entwicklungen doch mittlerweile weit schneller vonstatten, als selbst die Experten voraussehen. […]

    Seit seinen Anfängen versucht der Humanismus diese Informationsflut zu lenken und scheitert, weil er sich zu wenig den tatsächlichen Lebenswelten der Menschen zuwendet und sich lieber einem normativen Menschenbild unterwirft, dass in seiner Deutung in einem fernen, besseren Gestern bereits zur Blüte und Vervollkommnung gefunden hat. Hegel sagte einst:
    […]Die Vollendung und Herrlichkeit dieser Meisterwerke muß das geistige Bad, die profane Taufe sein, welche der Seele den ersten und unverlierbaren Ton und Tinktur für Geschmack und Wissenschaft gebe.[…] Wenn das erste Paradies das Paradies der Menschennatur war, so ist dies das zweite, das höhere, das Paradies des Menschengeistes[…]

    Die Rückbesinnung auf „(zu)vorgeschriebenes“ ist richtig und wichtig. Die Hybris zeigt sich in der Akzeptanz der Idee, die vorhandene Bildung, die vorhandenen Werke und Erinnerungen an Tugend seien bereits das Ende der Moral. Diese Hybris steht nicht nur wider dem den Humanismus charakterisierenden normativen Streben nach verwirklichter, tugendhafter, menschlicher Perfektion – sie steht auch wider den Idealen der Freiheit und wider den Bestrebungen aller künftigen Intelligenzen. Diese Hybris verwehrt das tatsächliche Streben hin zu dem Ideal einer Freiheit, die in und aus Harmonie entsteht und erhalten wird. Werner Jaeger, ein Vertreter des dritten Humanismus, vermerkte bereits vor rund einhundert Jahren zum Zustand der Welt:
    […]Der Prozentsatz der Bevölkerung, der an dem angestammten geistigen Besitzstand unserer Nation wirklich inneren Anteil hat, nimmt im Zeichen der fabrikmäßigen Massenproduktion der Popularwissenschaft und der Einführung von Kino, Rundfunk und Taschenmikroskop auf der Schule von Jahr zu Jahr ab. Die mächtigsten Wirtschaftsschichten unseres Volkes, Arbeitermasse und Großkapital, sind mit den wohlbekannten Ausnahmen den Grundlagen unserer humanen Kultur fremd, ja ihr teilweise feindselig. Der mittlere Bürgerstand aber, bei dem diese Interessen erblich und wenn auch nicht ohne Schwankungen bis vor kurzer Zeit am sichersten geborgen waren, wird zwischen den großen Mühlsteinen der modernen Wirtschaft zerrieben. […]

    Wie passt eine solche Einschätzung mit der Tatsache zusammen, dass es nie eine größere Vielfalt an Kunst, Kultur, Wissen und Lebensstilen gegeben hat als heute? Welche Arroganz wird vermittelt, wenn man mit einer solchen Einschätzung implizit alles Kommende und somit auch jeden Menschen künftiger Generation pauschal als Barbaren verurteilt, nur weil er darin versagt, ja versagen muss, einem Idealmenschen zu entsprechen, der schon in der wesentlich weniger komplexen Antike eine solche Randerscheinung war, dass er in Epen extra besungen werden musste? Offensichtlich irrt sich der Mensch in puncto Mensch stets aufs Neue. Unser Menschenbild ist zu ungenau, nicht weil wir nicht daran geforscht und gelebt hätten, sondern weil wir nach wie vor die Weisheit „gnothi seauthon“ ignorieren, da wir uns weigern, uns selbst zu erkennen, aus Angst, die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen, was wir sind. Und hier wird auch das Versagen der Religion deutlich. Wenn wir es nicht einmal schaffen, unsere eigene Imperfektion anzuerkennen, wenn wir es nicht einmal schaffen uns selbst unsere daraus erwachsenden Fehler und Fehleinschätzungen zu vergeben, wie soll da Nächstenliebe gelebt werden? Die Akzeptanz des eigenen Selbst findet im Humanismus nicht statt, sie kann nicht stattfinden, da es nur ein Streben und ein Ideal gibt, aber keinen als solchen und um seiner Selbst willen akzeptierten Ausgangspunkt, an dem sich der Mensch in seiner individuellen Lebenssituation wiederfinden könnte. In der fortgesetzten Flucht vor der Verantwortung für unser Sein, in der Flucht vor den Facetten unserer Würde, geben wir den Willen, das Potential, die Fähigkeit der aktiven und bewussten Gestaltung unseres Lebens und unserer Umwelt auf. Seit den großen Denkern der Antike, seit der Mensch sich in Städten zusammen ballte und die Menschheit das Zusammenleben untereinander auf engstem Raum erforschte und lernte, fokussierte sich unser Denken mehr auf das Gestern, dass in sich abgeschlossen ruht, auf das Früher, dass wir schon gemeistert haben. Wir lenkten den Blick weg vom Jetzt und weg vom Morgen. Aber diese Zeit der Kontemplation nähert sich dem Ende, ist vielleicht schon vorbei. Wir stehen am Beginn der nächsten epochalen Umwälzung unserer Zivilisation, die nicht mehr lokal begrenzte, sondern global vernetzte Menschheit begibt sich in völlig neues, völlig unbekanntes Territorium, sie schreitet immer schnelleren Schrittes ins Unbekannte. Wir brauchen neue Schulen und Formen des Denkens, neue Gedankengebäude, neue Philosophien und Lebensstile, aktualisierte und neue Weisheiten, die uns befähigen, dass vor uns Liegende mit Mut und Wahrheit in Weisheit zu erleuchten, um nicht auf eine Art und Weise zu stürzen, die uns ein Wiederaufstehen unmöglich macht. Erich Fromm sagte einst:
    […]Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man strebt, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es kein Motiv, sich anzustrengen.[…]

    Wir wollen eine Zukunft bauen und uns auf einen Jetztzustand hinbewegen, der allen Menschen, ja die ganze Menschheit im Glanze einer sich ständig weiterentwickelnden, adaptiven Würde erblühen lässt. Wir wollen eine Philosophie errichten, aus der eine künstliche Ethik entstehen kann, die dem Individuum und dem Kollektividuum des Netzes in jeder Richtung, in jeder sich manifestierenden Möglichkeit von Sein inneres, aus unseren Erfahrungen geborenes Licht der Weisheit ist, dass Halt, Kraft und Orientierung geben kann auf unserer fortwährenden Suche nach eigener Erkenntnis. Die Empfehlung „Erkenne dich selbst“ können wir heute um die Bedingungen ergänzen, die für ihr Gelingen hilfreich sind. Wir erweitern unsere Phantasie, um mit der Ausdifferenzierung menschlicher Lebenswirklichkeiten mitzugehen. „Erkenne dich selbst – mit Mut zur Wahrheit, in Freundschaft, sei Leben, lebe im Sein.“
    Wenn wir als Zivilisation, mit unserem reichen Erfahrungsschatz, der noch nie so rasant angewachsen ist wie heute, in Weisheit durch die Ewigkeit schreiten wollen, wenn wir diese Ewigkeit in Weisheit verbringen wollen, dann führt uns kein Weg daran vorbei eine neue Herausforderung des Geistes zu suchen. Die Dialektik hat uns gelehrt, Dynamik und Stillstand für das Überleben unserer Gemeinschaft nach Bedarf und Wille nutzbar zu machen. Wir haben gelernt, Gesellschaften zu bauen, die Miteinander und in Stabilität unser Überleben ermöglichen, in dem wir Gegensätze mit Gegensätzen verschränkten, meist in Konflikt, meist aus Furcht. Die Dialektik wird sich ebenfalls weiterentwickeln, aber in einer vernetzten Welt gegenseitiger Abhängigkeiten, für ein Individuum in einer ultra komplexen Welt, kann sie nicht mehr die entscheidende Triebkraft der Selbstverwirklichung und Würde sein. Unsere hoch entwickelte Dialektik, die die Grundlage für Entwicklung, für Weiterentwicklung ist und deren Facetten sich in einer Evolution der gegenseitigen Anpassung um ein gemeinsames Zentrum, dem Wunsch nach Leben in Würde und Anerkennung, drehen, birgt immer die Gefahr in sich, dass sie durch Spaltung und Trennung der Facetten des Mensch-Seins Frieden und Versöhnung auf Dauer unmöglich macht. In einer Welt vieler Zentren, in einer Welt der Netzwerke und des geistigen Überflusses bedarf es einer Philosophie, die Harmonie sucht, die Synergien definiert, die uns als Menschheit befähigt, eine Einheit aus Vielfalt zu werden. Wir wollen eine Zukunft bauen, in der Würde nicht dem Menschen exklusiv vorbehalten ist, sondern eine edle Gabe ist, die dort wo Menschheit ist der Umwelt zum Vorteil gereicht. Wir möchten Sie einladen, an den Fundamenten und Visionen ihrer Verwirklichung mitzuwirken. Gestalten sie – aktiv und bewusst – die Zukunft im Jetzt.

    […]Der Mensch mag im Zentrum des Humanismus – welche Humanismus ist eigentlich gemeint? – stehen, […]
    Ankerpunkte des Transhumanismus unserer Auffassung in der Ideengeschichte finden sich unter anderem in den folgenden Zitaten:
    […]Es gibt kein anderes Universum als ein menschliches, das Universum der menschlichen Subjektivität. Diese Verbindung von den Menschen ausmachender Transzendenz – nicht in dem Sinn, wie Gott transzendent ist, sondern im Sinn von Überschreitung – und Subjektivität in dem Sinn, dass der Mensch nicht in sich selbst eingeschlossen, sondern immer in einem menschlichen Universum gegenwärtig ist, das ist es, was wir existentialistischen Humanismus nennen.[…] existentialistischer Humanismus – Jean Paul Sartre

    […]Bei diesem Bezugsrahmen besteht der Sinn des Lebens in der völligen Entwicklung der menschlichen Eigenkräfte, insbesondere in der von Vernunft und Liebe, im Transzendieren der Enge des eigenen Ichs und in der Entwicklung der Fähigkeit, sich hingeben zu können, in der vollen Bejahung des Lebens und von allem Lebendigen im Unterschied zur Anbetung von allem Mechanischen und Toten.[…]
    […]Haben wir aber mit dem ganzen Menschen in uns Kontakt, dann gibt es nichts Fremdes mehr. Es gibt kein Verurteilen anderer mehr aus einem Gefühl der eigenen Überlegenheit […] Der Mensch steht heute vor der Wahl: Entweder wählt er das Leben und ist zur neuen Erfahrung von Humanismus fähig, oder die neue ‚eine Welt‘ wird nicht gelingen.[…]
    normativer Humanismus – Erich Fromm

    Die Digitalisierung unserer Welt, die Erkenntnisse aus Leben, aus Wissenschaft, aus Kunst und Kultur bieten uns eine völlig neue Chance, Baumeister im Sinne Picos zu werden, die Frage ist nicht die nach einem Ob. Ob ist irrelevant. Die einzige Frage ist die nach dem Wie. Wie wollen wir uns vernetzen, wie wollen wir die einzigartigen Facetten unserer Individualität, wie wollen wir die Erkenntnisse unserer Intersubjektivität, wie wollen wir uns unter-, in- und miteinander in und mit dem Außen vernetzen, dass wir uns teilen?

    […]Begriffe wie „überwinden“, „entgegensetzen“ und „Auslaufmodell“ stehen in einem gewissen Gegensatz zu den Grundtendenzen von Post- und Transhumanismus. Wie die Postmoderne die Moderne nicht über-, sondern verwindet, lößen Post- und Transhumanismus den Humanismus nicht ab. Überwindung und Ablösung bleiben dem modernistischen Denken verpflichtet. Gerade was bestimmte eschatologische Facetten von Post- und Transhumanismus betrifft – man findet sie u.a. bei Ray Kurzweil –, ist klar ersichtlich, dass diese ältere Vorstellungen, Hoffnungen, Wünsche nicht etwa „überwinden“, sondern unter den technologischen Bedingungen der Gegenwart aktualisieren.[…]
    Danke, dass sie uns mit ihren Argumenten zugleich fordern und fördern, daran zu wachsen. Vielleicht hilft zur Präzisierung unseres Denkens ja eine kleine Geschichte.
    Nähern sich zwei Gedanken einem unbekannten Land. Ob sie nun Tradition und Progression, Tag und Nacht, Gut und Böse, Alt und Neu, Rationalität und Irrationalität oder Vernunft und Unvernunft heißen, wissen wir nicht. Da es nur eine kleine Geschichte ist, interessieren uns weder der Grund, noch das Ziel ihrer Reise. Vielleicht sehen diese Gedanken sogar wie Jene aus, von denen sie erschaffen wurden, vielleicht sind sie sogar ausgestattet mit den Augen und Händen und einem Rücken vergleichbaren Attributen. In ihrer Faszination voneinander geeint tanzen sie Hand in Hand und Auge in Auge umeinander durch die Welt.
    Kurz bevor sie das bekannte Land verlassen können, werden sie immer langsamer, die Zeiträume zwischen ihren Bewegungen werden länger je näher sie der Grenze kommen. Auf der Grenze kommen sie zum Stillstand. Hand in Hand und Auge in Auge steht Tradition, mit dem Rücken zum Unbekannten und Progression mit dem Rücken zum Bekannten. Beide versuchen, an ihrem Spiegelbild vorbei ihren eigenen Ursprung zu erblicken, um während des Stillstandes, wie bei jeder Rast, Kraft aus dem eigenen Sein zu schöpfen.
    Und da es nur eine kleine Geschichte ist, ist sie auch schon zu Ende. Dies ist der denkbare Erkenntnishorizont der Dialektik. Dies ist die finale Ausgangslage, in die sie das Denken bringen kann. Aber muss denn unser Denken darin eingeschlossen bleiben? Beide Gedanken in der kleinen Geschichte sind stets blind gegenüber den Gefahren und Chancen, die der andere wahrnimmt und zugleich ist ihr Sichtfeld stark verengt. Wer sich im Glanze des Narziss am Spiegel des eigenen Gegenteils ergötzt, der lebt Dialektik in ihrer reinsten Form.
    Für Transhumanisten ist dies jedoch nur ein möglicher Zustand, der sich dem Bewusstsein erschließen kann. Unsere Kritik, wenn wir von „überwinden“ und „Auslaufmodellen“ sprechen, richtet sich nicht gegen den Zustand per se, sondern gegen den Umstand, dass es der einzige ist, den wir bis jetzt für unser Bewusstsein erschlossen und für die Gesellschaft nutzbar gemacht haben.
    Warum nicht Tradition Rücken an Rücken mit Progression durch die Welt bewegen? Warum nicht die Gegensätze der Dialektik in gegenseitigem Vertrauen aufgehen lassen? Warum nicht eine Art zu Denken entwickeln, mit der sich zugleich das individuelle Innen eines Gedankens und das gemeinsam geteilte Außen aller Gedanken erfassen lässt?
    Wenn wir das Singular der Dialektik, wenn wir das Singular der Vernunft, transzendieren, wenn wir der Begrenztheit unserer Erkenntnishorizonte – Potential mit Kontext – Fantasie, entgegensetzen, wenn wir diese Begrenztheit aktiv, bewusst und mit Willen durch einen agilen Geist überwinden, dann haben wir ein Auslaufmodell im Wortsinne eines Schiffes, das uns sicher und frei durch die unbekannten Weiten der Zukunft trägt und davor bewahrt, in fortgesetzter Blindheit ins Morgen zu fallen.
    Als Kinder der Dialektik, hineingeboren in die Mitte zwischen Gestern und Morgen, existieren wir Individuen in einer komplexen, multipolaren und multidimensionalen Wirklichkeit, die um unsere Aufmerksamkeit wirbt, die uns aber überfordern muss, wenn wir uns zur eigenen Verortung und Bewegung darin einzig auf das Wissen unserer Eltern verlassen. Die hoch entwickelten Künste des Gestern und Heute müssen immerfort aktualisiert werden, doch ist die Dialektik ebenso wie der Humanismus, in zunehmendem Maße ungenügend, diese Aktualisierung des Zeitgeistes zu leisten. Vielleicht leben wir ja längst in einer virtuellen Wirklichkeit namens Menschheit, umschwirrt von den ersten KIs, den Metagedanken, Basisemotionen und Archetypen unseres Mensch-Seins: Freiheit, Gleichheit, Liebe, Frieden, Wohlstand, Armut, Krieg, Angst, Stolz, Zorn und so weiter, die um Rechenleistung, die uns um die Aufmerksamkeit unserer Bewusstseine ersuchen, damit sie innerhalb des Menschen, des Baumeisters nach Pico, in seinem Wirken eine Existenz erhalten können. Vielleicht sind wir aber auch noch zu klein, um große Zusammenhänge denken zu können. Die Ursprünge unseres Denkens liegen im Jetzt als gegenwärtiger Zukunft unserer Vergangenheit. Bewusstsein oder auch bewusst Sein ist selbst zeitlos. Nach dem Erlernen des Denkens und Lebens in Gemeinschaft mag jetzt für uns die nächste Lektion anstehen, das Erlernen von bewusstem Denken und bewusstem Leben in einem Netzwerk.
    Transhumanismus sucht Fortschritt zu sehen. Aus den Erkenntnissen und Erfahrungen, die individuelles und kollektives Bewusstsein generiert, leitet er stets auch die eigene Verantwortung für ein seligeres Morgen ab. Mit den Worten Gustav Walter Heinemanns rufen wir uns ins Gedächtnis:
    […]Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.[…]
    Und mit der wohl wichtigsten Frage, die Pico stellen konnte, wollen wir vom Morgen lernen:
    […]Wie kann man das, was man nicht kennt, beurteilen und lieben?[…]

    Mit freundlichen Grüßen aus Dresden und Überall
    Stephan Kammel
    Stellvertretender Vorsitzender der TPD Sachsen

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