„Wir sind doch alle Egoisten!“ Oder auch nicht. Ein Nachtrag.

Was wir erleben, was uns beschäftigt, was wir wollen und wünschen, erscheint uns in einer Weise einzigartiger als das, was andere erleben, was sie beschäftigt, was sie wollen und wünschen. Selbst wenn wir Menschen begegnen, deren Erzählungen uns neidisch machen, deren Erlebnisse uns aufregend vorkommen, stellen wir uns nur vor, wie bedeutend sie wären, würden wir sie selbst erleben. Jeder Mensch hat nur einendirekten, fühlenden Zugang, nämlich zu den eigenen phänomenalen Erlebnissen und darüber hinaus nicht zu denen irgendeines anderen. So kommt es wohl, dass – wie man sagen könnte – jeder die Hauptperson seines eigenen Lebens ist. Das Leben ist eine Geschichte aus der Perspektive der ersten Person. Ich weiß nicht, wie es ist, jemand anders zu sein; ich weiß nur, wie es ist, ich zu sein, und das wiederum weiß niemand außer mir.
 
Es wird also ganz einfach so zu erklären sein – mit der Privatheit phänomenalen Erlebens und der Exklusivität des Bewusstseins –, dass wir den eigenen Bedürfnissen, Interessen und Wünschen näher stehen und ihnen in der Regel auch mehr Bedeutung beimessen als denen anderer Menschen. Aber was heißt das für uns? Sind wir deshalb unfähig, uneigennützig zu sein? Sind wir alle Egoisten; oder sollten wir sogar alle Egoisten sein?
 
Ich hoffe nicht. Aber vielleicht lassen sich über diese Hoffnung hinaus auch Gründe anführen, die dafür sprechen, dass wir nicht alle nur Egoisten sind.
 
 
Ein Nachtrag
 
Dieser Text ist ein Nachtrag zu einer Diskussion, die ich vor Jahren mit einem guten Freund zu führen hatte. Soweit ich mich erinnern kann, war der hier zum Titel erhobene Satz „Wir sind doch alle Egoisten!“ der Anstoß für ein langes und – zumindest, was mich angeht – mühevolles Streitgespräch, an dessen Ende ich mich, obwohl wir beide keine wirklichen Erfolge zu feiern hatten, trotzdem als Verlierer fühlte. Im Grunde war der Streit für mich schon in dem Moment verloren, als ich mich, geärgert von der Flapsigkeit dieser Behauptung, mit einem spontanen „ach Quatsch!“ – mehr aus Unvorsichtigkeit also – zu demjenigen erklärt hatte, der diese Behauptung nun eindeutig widerlegen würde. Widerstreitende Ansichten sind gar kein Problem, solange man nicht auf der Seite steht, die die andere überzeugen muss.
 
Im weiteren Verlauf des Abends hatte ich also Mühe damit, treffende Beispiele für Situationen zu finden, in denen ein Mensch aus eindeutig nicht-egoistischen Motiven handelt, während mein Gegenüber es jedes Mal schaffte – wenn auch manchmal auf recht absurde Weise –, auch in diesen Situationen den Egoismus, sozusagen im Dunkel hinter dem Altruismus, auszumachen. Am Ende war ich erschöpft und er zufrieden. Erst später wurde mir dann klar, dass ich die Sache ganz falsch angegangen war.
 
Deswegen bin ich froh, hier eine zweite Chance zu bekommen.
 
 
Egoismus als normative Grundlage menschlichen Handelns
 
Soviel zur rhetorischen Fehleranalyse. Aber wie wäre ich besser vorgegangen? Zuerst hätte ich mir wohl selbst ein paar Fragen stellen sollen: Was stört mich eigentlich an der Behauptung, dass alle Menschen Egoisten sind? Auf welche verschiedenen Weisen lässt sie sich verstehen? Und was ist verloren, wenn sie stimmt? Dann: Was lässt sich gegen ihre verschiedenen Ausprägungen einwenden?
 
Wie sind denn eigentlich Handlungen, die auf das Selbstinteresse des Akteurs gerichtet sind, nur im Hinblick auf diese Gerichtetheit und in Ausblendung anderer Faktoren zu bewerten? Normalerweise assoziieren wir selbstbereichernde Handlungen mit der Verletzung moralischer Normen. Aber ist jede selbstbereichernde Handlung moralisch falsch? Oder genauer gefragt: Ist eine Handlung falsch, nurweilsie selbstbereichernd ist? Offensichtlich nicht. Ich kann mir ein Fahrrad kaufen, weil ich mobil sein und dabei die Luft genießen möchte; dann habe ich mich auf eine Weise selbst bereichert, die mit allen Forderungen der Moral vereinbar ist. Ein Konsequentialist müsste, im Hinblick darauf, dass ich mich mit einem Rad gegen andere, umweltschädliche Fortbewegungsmittel entschieden habe, womöglich sogar sagen, dass der Radkauf moralisch gut war. Und für den Intentionalisten hat die Handlung keine moralische Relevanz; zumindest so lange nicht, wie ich das Rad nicht mit der Absichtkaufe, die Umwelt zu schonen o. ä. Es lassen sich zwar auch Fälle konstruieren, in denen der Radkauf womöglich moralisch falsch ist: Ich könnte so bspw. ein Unternehmen unterstützen, das seine Mitarbeiter ausbeutet. – Und vielleicht ist es in der heutigen Zeit kaum noch möglich, Kaufhandlungen zu tätigen, die keine moralische Relevanz haben. – In solchen Fällen hat aber das, was die Handlung moralisch falsch macht, nichts zu tun mit dem Umstand, dass die Handlungsmotivation aus meinem Selbstinteresse stammt. Allein mit dem Hinweis darauf, dass eine Handlung die Wünsche und Interessen des Akteurs befördert, lässt sich nicht zeigen, dass sie moralisch unzulässig ist.
 
Das Problem mit der Selbstbereicherung ist vielmehr, dass sie in einer Gemeinschaft oft auf Kosten anderer erfolgt. Der Egoist verhält sich allerdings nicht deshalb falsch, weil er überhauptseine Interessen verfolgt, sondern weil er es auf eine kompromisslose Art tut, mit der er regelmäßig die moralischen Ansprüche und Rechte anderer verletzt.
 
Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen und der Verwirklichung eigener Interessen einen unabhängigen, sich aus der menschlichen Natur ergebenden Wert zuschreiben und annehmen, dass jeder sein Selbstinteresse verfolgen darf, unabhängig davon, ob er damit anderen schadet oder nicht. Man vertritt dann einen ethischen Egoismus, der verschiedene Stufen hinsichtlich der normativen Stärke des „dürfen“ bis hin zum „sollen“ einnehmen kann. Ausgehend von der These, dass nach seinem Selbstinteresse zu handeln generellmoralisch zulässig oder sogar gesollt ist, lässt sich dann begründen, dass es bestimmte Interessen gibt, die alle Menschen potentiell teilen und die sich nur dann verwirklichen lassen, wenn sich die Individuen auf wechselseitige Übereinkünfte mit den anderen einlassen. Im Zuge dieser Übereinkünfte würde der Einzelne Handlungsfreiheiten (z. B. die Freiheit, willkürlich andere zu töten) zugunsten von entsprechenden Sicherheiten vor den anderen (der relativen Sicherheit vor dem Tod durch fremde Hand) abgeben. Man hat dann den Weg von der Grundthese des ethischen Egoismus zu einer kontraktualistischen Minimalmoral zurückgelegt, einer – wie es in Lehrbüchern immer so schön heißt – „Moral für Egoisten“.
 
Diese Form der Moralbegründung ist sogar besonders attraktiv, wenn man bedenkt, wie genügsam sie hinsichtlich ihrer Basisannahmen und Grundvoraussetzungen ist: Man muss sich einzig auf das Prinzip pacta sunt servandaund darüber hinaus auf keine weiteren basisbildenden Annahmen stützen. Trotzdem lässt sich der Egoismus als normative Grundlage der Moral einigermaßen leicht überwinden: Man muss sich nur klar machen, dass sich die Überzeugungen, (a) dass die Menschen egoistischhandelndürfen oder sollten, und (b) dass alleMenschen egoistisch handeln dürfen oder sollten, nicht zugleich sinnvoll vertreten lassen. Es gibt keinen Standpunkt, von dem aus sich die Inkonsistenz vermeiden lässt, die entsteht, wenn man versucht, den Egoismus normativ auf mehr als eine Person anzuwenden. Es kann nicht in meinem Interesse sein, dass jemand anders als ich nur nach seinem Selbstinteresse handelt.
 
Präskriptiv eignet sich der Egoismus also nicht als Ausgangspunkt für überindividuelle Normenbegründung, sondern im besten Fall nur als handlungsanleitendes Konzept für den Einzelnen.
 
 
Der psychologische Egoismus
 
Vielleicht hätte ich mich damals im Gespräch mit meinem Freund schon etwas beruhigt, wenn ich hätte ausschließen können, dass er irgendeinen normativen Anspruch für den Egoismus geltend machen wollte. Was er vermutlich eher im Sinn hatte, war das, was man als „psychologischen Egoismus“ bezeichnet. Er wollte sagen – und das zeigte sich ja auch in seiner Argumentationsstrategie gegen mich – dass die Menschen tatsächlichEgoisten sind; dass, gleich welche Handlungsmotivationen sie im Einzelfall auch haben mögen, diese letztlich immer auf das eine große Ziel: die Verwirklichung eigener Interessen zurückführbar sind. Was lässt sich dazu sagen?
 
Ein Beispiel, frei nach unserem Gespräch: Person A fährt an einem Unfallort vorbei; dort liegt eine verletzte und bewusstlose Person B und sonst ist niemand vor Ort, der B helfen oder das Verhalten von A in der Situation beobachten könnte. Es ist schon spät; A ist gerade auf dem Weg nach Hause, ist erschöpft und möchte nach einem langen Tag endlich ins Bett. Wer würde behaupten, dass es viele Menschen A gäbe, die hier trotzdem nicht anhalten und B Hilfe leisten würden? Um die These, dass alle Menschen Egoisten sind, aufrechtzuerhalten, müsste man nun zeigen können, dass A B helfen kann, ohne dabei seinen Status als Egoist zu verlieren; dass also B zu helfen in As Selbstinteresse liegen kann. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten: Man könnte behaupten, dass (a) A äußere Sanktionen fürchtet; dass (b) A selbst Hilfe in Anspruch nehmen möchte, falls er einmal in Bs Lage kommen sollte; dass (c) B zu helfen A in keiner Weise bei der Verwirklichung seiner Interessen einschränkt und dass Handlungen nicht immer durch Gründe motiviert sein müssen; oder dass (d) A innere Sanktionen fürchtet.
 
Äußere Sanktionen braucht A nicht zu fürchten. So, wie die Umstände liegen, liegt es an A, ob jemals irgendjemand anderes von dem Vorfall erfährt. A braucht keine Vorwürfe und keine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung zu fürchten, solange er den Mund hält. A hat außerdem überhaupt keinen Grund zu glauben, dass sein Verhalten in der Situation einen Einfluss darauf hat, wie sich andere später ihm gegenüber verhalten werden, sollte er je in eine ähnliche Lage kommen. Die goldene Regel, auf die (b) zielt, ist schon eine Abstraktion des moralischen Subjekts, eine moralische Idee, zu der der Egoist nicht kommt. Die Konjunktion in (c) aus den Annahmen, dass A bei der Hilfe keine Beschränkung erfährt und dass Handlungen grundsätzlich auch unmotiviert sein können, ist ein interessanter Ausweg aus dem Problem, im vorgegebenen Fall den Egoisten unterzubringen. Dabei müssen beide Annahmen wahr sein. Wenn A tatsächlich keine persönlichen Einschränkungen erfährt, indem er B hilft, dann hat A trotzdem keinen egoistischen Grund, B zu helfen. Man müsste also annehmen können, dass A die Hilfe einfach so leistet, also ohne einen Grund dafür zu haben. Es ist eine interessante Frage, ob Handlungen immer mit Absichten und Motivationen verbunden sein müssen, um als ‚Handlungen‘ verstanden werden zu können. Es reicht hier aber aus zu sagen, dass der Fall so konstruiert sein soll, dass B Hilfe zu leisten A tatsächlich an der Verfolgung eigener Interessen hindert: A hat den Wunsch, jetzt ins Bett zu kommen und am nächsten Morgen einigermaßen ausgeschlafen zu sein; und dieser Wunsch lässt sich nicht erfüllen, wenn A B erste Hilfe leistet, auf den Krankenwagen wartet, usw. Zu guter Letzt braucht A ebenfalls keine inneren Sanktionen zu fürchten, und zwar aus dem einfachen Grund, dass A Egoist ist. Wenn A nicht anhält, sondern weiterfährt und dann zu Hause vom schlechten Gewissen geplagt wird, dann hat A offenbar ein Verständnis für moralische Verfehlung, das über das pragmatische Moralverhalten des Egoisten, der nur darauf bedacht ist, nicht eingesperrt oder ausgeschlossen zu werden, hinausgeht.
 
Sicher lässt sich zu diesem Beispiel noch mehr sagen. Vielleicht lässt sich der psychologische Egoismus trotzdem weiter verteidigen. Die Schwierigkeit, das Verzweifelnde bei der Argumentation gegen diese Position ist gerade, dass sich die Bedeutung des Selbstinteresses in konkreten Handlungssituationen durch Beispiele immer weiter ausdünnen lässt, ohne dass es allerdings ganz an Bedeutung verlieren würde. Es ist, als würde man einen Schwamm zusammendrücken, der dadurch aber immer nur kleiner wird und sich wieder ausdehnt, sobald man den Griff lockert; so, als wäre nichts gewesen. Und dem Vertreter des psychologischen Egoismus – den Eindruck bekommt man zumindest schnell – reicht schon ein Funken Selbstinteresse in jeder beispielhaften Handlungssituation, um seine Position zu verteidigen.
 
 
Warum wir keine Egoisten sind
 
Wir sind keine Egoisten. Wir haben egoistische Tendenzen; aber wir haben auch altruistische und viele andere. Wenn man auch sagen kann, dass wir egozentrisch sind in dem Sinne, dass wir an die Ich-Perspektive gebunden sind; dass für uns das Ich-in-der-Mitte – im epistemologischen Sinne – nicht fakultativ ist; dann macht uns das noch lange nicht zu Egoisten. Denn wir haben dabei auch die Fähigkeit, uns einzufühlen, uns vorzustellen, wie die Welt aus der Perspektive eines anderen aussieht und zu erkennen, welche Bedürfnisse und Ansprüche andere haben. Wir können verschiedene Standpunkte einnehmen.
 
Spätestens dann lässt sich der psychologische Egoismus nicht mehr verteidigen: wenn innere Sanktionen oder das Sich-besser-fühlen als letzter Handlungsgrund angeführt werden. Die Überzeugung, dass man egoistisch handelt, wenn man jemandem hilft und sich dadurch besser fühlt, beruht wohl auf der verfehlten Vorstellung von Moral, dass ihre Forderungen unserem Selbstinteresse stets als Zwänge entgegenstehen, dass sie uns stets etwas abverlangen müssen. Aber ist es nicht vielmehr so, dass die Pointe moralischen Handelns gerade darin besteht, dass etwas in dem Moment, in dem wir es für einen anderen tun, weil es für ihn gut ist, auch für uns gut wird? Ist das nicht das Wesen intrinsischer Werte?
 
Dass man sich besser fühlt, wenn man anderen hilft, bzw. dass man sich schlechter fühlt, wenn man es nicht tut, setzt ein Verständnis für moralische Ansprüche und Rechte anderer voraus, das ein Egoist einfach nicht hat. Es sind altruistische Tendenzen, die in den Charakter des Egoisten eingeschmuggelt werden sollen. Tatsächlich sind Egoisten aber Spitzköpfe! Ihre Gedanken gehen immer nur in die eine Richtung: auf ihr Selbstinteresse. Sie haben einfach keinen Gedanken übrig für die Bedürfnisse und Interessen anderer.
 
An diesem Punkt bin ich soweit zu sagen: es gibt überhaupt keine Egoisten. Es handelt sich dabei um das Konstrukt eines immer auf dieselbe Weise handelnden Akteurs. Der Egoist ist das Ergebnis eines verrückten Gedankenexperiments, bei dem eine Tendenz des Menschen, nämlich die, seine Interessen zu verfolgen, isoliert und zu seiner einzigen Eigenschaft erhoben wird. Tatsächlich kann man dasselbe auch mit seiner Tendenz zum Altruismus tun. Das ändert nichts daran, dass beide eigentlich nur Tendenzenim Menschen sind. Der Rechtspositivist H. L. A. Hart drückte das so aus: Wir sind eben Wesen zwischen Engeln und Teufeln. Wären wir Engel, also reine Altruisten, dann bräuchten wir überhaupt keine Regeln, um gut zusammenzuleben. Wären wir Teufel, also reine Egoisten, dann wären unsere Regeln nutzlos, weil niemand sie anerkennen und sich an sie halten würde; weil niemand in der Lage wäre, die Ansprüche der anderen überhaupt als Forderungen an sein Verhalten zu erkennen. Der Mensch also als Wesen zwischen Engel und Teufel, zwischen Egoist und Altruist. Das ist wohl genau der Kern dessen, was uns auch Fettes Brot schon die ganze Zeit zu sagen versuchen:
 
Engel links, Teufel rechts – und der Mensch ist eben dazwischen.

4 Gedanken zu „„Wir sind doch alle Egoisten!“ Oder auch nicht. Ein Nachtrag.“

  1. eins vorweg: großartig, dass du hier den nachtrag zum zuvor diskutierten streitpunkt des homo oeconomicus lieferst! some dedication right there!

    so sehr du dich allerdings mühst, das gespenst des von egoismus getriebenen subjekts abzuschütteln, scheint es mir jedoch, dass du die zügel deiner argumentation im letzten augenblick schleifen lässt. andersherum: es mag an mir liegen, aber das bloße abtun des arguments, innere sanktionen als bloße internalisierungen äußerer sanktionen zu sehen, leuchtet mir nicht ein.

    du sagst „Spätestens dann lässt sich der psychologische Egoismus nicht mehr verteidigen: wenn innere Sanktionen oder das Sich-besser-fühlen als letzter Handlungsgrund angeführt werden.“. ich wende ein: nicht, wenn sich das subjekt mittels der projektion gesellschaftlicher moralvorstellungen auf das im eigenen gefühlsleben repräsentierte moralempfinden bloß adaptiv zu seiner (moralisch wertenden) umwelt verhält – und das (zumindest potentiell) aus reinem egoismus.

    stripped down: ich bin egoistisch. ihr sagt, es ist falsch. ich will überleben und das möglichst schadfrei und ressourcensparend. also internalisiere ich eure moralvorstellungen, die sich von nun an als mein moralempfinden bemerkbar machen, sollte ich euren regeln zuwider handeln. aus reinem egoismus helfe ich also, selbst wenn niemand zusieht.

    der egoismus macht, wenn du so willst, bloß den sprung auf die metaebene – ohne dadurch an argumentativer strahlkraft zu verlieren.

    durchaus interessiert an einer widerlegung meines gedankengangs ist dies jedoch die stelle, derentwegen ich mich an deinem text stoße.

    du sagst treffend, dass du dir im versuch einer logischen widerlegung der deutung menschlichen verhaltens als egoistisch vorkommst wie sisyphos am abhang. das allerdings lässt mich nur umso erstaunter fragen, warum dann nicht experimentelle studien (bspw.: zum dictator game und anderen spieltheoretischen paradigma) zurate gezogen werden? geschenkt, gewissheit wird deren lohn nicht sein – aber vielleicht ist eine gewisse offenheit gegenüber probabilistischen daten nicht die schlechteste aller varianten im angesicht logischer schwänzeltänze.. 😉

    versteh mich nicht falsch, dein text ist trotz allem sehr lesenswert!

  2. Genau der Punkt beschäftigt mich auch nachhaltig! Wenn ich dein Argument richtig zusammenfasse, Julius, ist die Furcht vor inneren Repressionen dann nur eine Anpassung an herrschende Moralvorstellung. Aber irgendwo müssen ja auch diese vorherrschenden Moralvorstellungen herkommen, denn in einem Meer von Egoisten, hätten diese sich ja nicht etablieren können.

    Damit hast du allerdings gezeigt, dass es durchaus Erklärungsmöglichkeiten für Egoisten geben kann. Ich wurde vor einiger Zeit auf einen faszinierenden und gleichzeitig verstörenden Artikel in der NYT aufmerksam gemacht. Es geht da um Kinder mit psychopathischen Verhaltenszügen. Ich stelle mir seit dem die Frage, ob altruistisches Verhalten lediglich eine biologische Kodierung ist.

    Den Artikel findet ihr hier: http://www.nytimes.com/2012/05/13/magazine/can-you-call-a-9-year-old-a-psychopath.html

    Ein wirklich spannender Artikel Andi!

  3. Also erst einmal: Danke für die Kommentare! Schön, wenn der Artikel teilweise gefällt und noch schöner, wenn er Gegenstimmen findet. Mal sehen, was ich dazu sagen kann:

    (1.) Den ersten Punkt, der mir dazu einfällt, hat Julian schon vorweggenommen: Selbst wenn wir, nachdem wir „in die Welt geworfen“ sind, immer schon ein System von Moralvorstellungen und Forderungen an unser Verhalten vorfinden, muss sich doch die Genese solcher Überzeugungen und Regeln irgendwie erklären lassen. Nun lässt sich diese Genese, worauf ich ja im Text schon hingewiesen habe, auch nachvollziehen, wenn man davon ausgeht, dass alle Menschen nur Egoisten sind. Damit handelt man sich aber, wie gesagt, viele Begründungsprobleme ein, weil der Egoismus, wenn man ihn als normative Grundlage der Moral setzt, einen performativen Widerspruch enthält (und das ist natürlich ziemlich schlecht für jede darauf fußende Theorie).

    (2) Wie gesagt: … als würde man einen Schwamm zusammendrücken. Er wird immer kleiner (ich hätte vielleicht besser „dichter“ geschrieben), ohne jemals ganz zu verschwinden. Aber ist das wirklich eine Stärke des psychologischen Egoismus, dass er sich immer weiter kritisieren lässt, ohne im strengen Sinne widerlegt zu sein, oder nicht vielmehr ein Merkmal von gegen Kritik nur immunisierte und im Grunde aussageschwache Theorien?

    Ich kann natürlich sagen: Der Egoist A (aus dem Textbeispiel) hat die Moralvorstellungen der Gesellschaft aus rationalen Gründen internalisiert: er müsste sonst, um sich regelkonform zu verhalten und nicht eingesperrt oder ausgegrenzt zu werden, in jeder Handlungssituation erst schauen, was die Moral hier konkret von ihm fordert. Er kann also B helfen, auch wenn niemand zusieht, und trotzdem ein waschechter Egoist sein.

    Aber stimmt das? Ist nicht der Verstehensprozess, den er durchläuft, um die Moralvorstellungen überhaupt internalisieren zu können, eine (wie man vielleicht sagen könnte) Entfremdung von seinem Egoismus? Ich sehe das so. Und selbst, wenn man das nicht so sieht, hat man noch ein viel größeres Problem: Ich kann den psychologischen Egoismus vielleicht nicht an einen Punkt zwingen, an dem er eindeutig widerlegt ist; aber ich kann ihn so lange weiter kritisieren, bis von ihm nicht mehr als eine leere Behauptung übrig bleibt. Denn worin unterscheidet sich die Welt, in der wir alle reine Egoisten sind, dann noch von einer Welt, in der wir es nicht sind (nur egoistische Tendenzen haben, was ich ja absolut eingestehe)? Die Akteure handeln gleich, selbst, wenn sie unbeobachtet sind, sie haben sogar die gleichen Moralvorstellungen (internalisiert oder nicht). Es ist wie die altbekannte Geschichte vom Dämon in der Uhr, den ich aber weder sehen, noch fühlen, noch irgendwie anders wahrnehmen kann; der keinen wahrnehmbaren Einfluss nimmt auf das Funktionieren der Uhr oder auf sonst irgendetwas in der Welt; irgendwann ist die Behauptung „Da ist ein Dämon in meiner Uhr!“ leer. Und leere Behauptungen haben zumindest keine argumentative Kraft.

    Ich denke (um in der Schwamm-Metapher zu bleiben): Ich kann den Schwamm nicht so stark zusammendrücken, dass er verschwindet; aber ich kann ihn zusammendrücken, bis er keine Flüssigkeit mehr aufnehmen kann. (Die Flüssigkeit ist dann, wenn man so will, die Erkläsungskraft oder Bedeutung einer These oder Theorie.)

    Ich weiß natürlich, dass die Diskussion sich damit überhaupt nicht erledigt hat. Ich habe einfach das starke Gefühl, dass die Behauptung „Wir sind alle Egoisten!“, wenn man sie nur lang genug weiter kritisiert, irgendwann leer ist und keine Gefahr mehr darstellt; zumindest für jemanden wie mich, der die tiefe Überzeugung hat, dass wir keine Egoisten sind.

    Ich entschuldige mich jetzt noch ganz offiziell für die unzumutbare Länge dieses „Kommentars“ und lasse es damit an dieser Stelle gut sein.

  4. Spätere Stunden fordern kürzere Kommentare. Persönliche Inklination und der Wunsch, dieser Forderung zu entsprechen (falls das nicht das gleiche ist), werden also zum lakonischen Ton des folgenden Hinweises beitragen.
    1. Ich fand und finde den Artikel und die Diskussion sehr gut, frage mich 2. aber doch, und will also hiermit die Frage weiterreichen, ob es nicht für dergleichen Probleme fruchtbar wäre eine klare Unterscheidung zu treffen zwischen formal allgemeiner Normbegründung und konkreter Handlung. Ich stelle mir das ungefähr so vor: könnte man nicht die eine Sphäre rein abstrakt halten, und zwar v.a. indem alle vieldeutigen Begriffe wie „Egoismus“ vermieden, dadurch aber auch gleichzeitig jegliche konkrete Handlungsanweisungen ausgeschlossen werden. Diesem reinem Formalismus (man könnte auch sagen: der Theorie) stünde das konkrete Handeln (die Praxis), oder eben das Beispiel entgegen, wo die gesellschaftlich vermittelten, vieldeutigen Begriffe ihren Platz einnehmen. Das Problem in dem Beispiel von A und B ist ja nicht – das wurde hier ja auch schon klar gesagt – dass jemand vernünftig davon ausgehen könnte, der Egoismus sei eine tragfähige Grundlage allgemeiner Normen. Das Problem, so wie ich es sehe zumindest, und das, was treffend als das „Quälende der Diskussion“ benannt wurde, ist die Fluidität des Beispiels selbst. Ein Begriff hier, eine Ergänzung dort verändern das Beispiel ja tatsächlich. Wirkliche Handlungen kann man durch verschiedene Beschreibungen auf ganz unterschiedlichen Bühnen aufführen. Am formal allgemeinen Imperativ (wenn man auf solche rekurrieren möchte) ändert das gar nichts. Entscheidend ist aber jeweils auch die soziale Verhandlung der Beschreibungsbegriffe (Egoismus, Altruismus, Indifferenz, Liebe etc.) und deren Konnotationen (in einem gegebenen Kontext) sowie natürlich die verbindliche Fassung eines Beispiels. Ich denke also in eurer Diskussion ging es primär darum, eine akzeptable Fassung der Geschichte zu erarbeiten, weniger um die vernüftige Begründung von Moral (was natürlich auch nicht weniger quälend ist).
    Ich entschuldige mich, sollte ich hier vollkommen unters Niveau gefallen sein und etwas fundamentales nicht verstanden haben. Um allen Anschein von Originalität zu vermeiden, muss ich den Namen noch nennen. Schreibt nicht Kant schon so etwas?

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