One day, Babo, werden wir Lanz entlassen

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In den letzten Wochen haben es mal wieder einige Debatten, die im Internet angestoßen wurden, in die deutschen Zeitungen geschafft. Da war ein junger CSU-Politiker, der sein Image bei Jungwählern mit einem Wahlplakat samt Straßenrapperzitat aufwerten wollte und damit als geschniegelter Anzugträger der konservativen Partei grandios scheiterte, eine Poetry-Slammerin, die uns an die Kürze des Lebens erinnerte und zum Dopamin-Vergeuden aufrief, und eine linke Betriebsrätin aus Leipzig, die nach der Lanzsendung vom 16. Januar über den Umgang mit der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht derart erbost war, dass sie in einer Onlinepetition die Absetzung von Markus Lanz forderte. All diese Erscheinungen wurden in den sozialen Netzwerken mit der dem Internet eigenen Geschwindigkeit weitergeleitet und erreichten so zehntausende Nutzer. Nun kann man sich über die Belanglosigkeit dieser Themen aufregen: Wer Lanz nicht mag, braucht schließlich nicht einzuschalten, und mit dem Rundfunkbeitrag wird sicherlich einiges finanziert, das deutlich zweifelhafter ist. Wer dem Alltagstrott entkommen möchte, braucht dafür keine geschauspielerten Videos auf YouTube, sondern besondere Erlebnisse. Und wer als junger Mensch die CSU wählen wollte, bei dem ist sowieso Hopfen und Malz verloren.

Allerdings kann man sich auch die positive Seite der Internetkommunikation vergegenwärtigen: Die Verbreitung von Informationen wird mehr und mehr dezentralisiert. Wo früher Journalisten als „Gatekeeper“ darüber entscheiden konnten, was als massenmedial relevante Information zu gelten hatte, kann heute jede(r) über das Internet ihre/seine Meinung oder Kenntnis in die Öffentlichkeit tragen. Was die meisten Upvotes, Likes oder Shares erhält, setzt sich online als relevant durch. Somit erreichen die interessantesten Informationen wie von selbst am meisten Menschen. Dass „interessant“ im Netz oft gleichbedeutend ist mit „lustig“, zeigen das Beispiel des oben angesprochenen CSU-Politikers Fabian Giersdorf, der aktuelle Bierkettenbrief auf Facebook und ein Blick auf „die Titelseite des Internetsreddit.com. Andererseits sehen wir an Hashtags wie #aufschrei, #schauhin und neuerdings #alsichschwangerwar, unter denen bei Twitter Alltagserlebnisse stigmatisierter Gruppen gesammelt werden, dass auch politisch-gesellschaftlich relevante Debatten vom Internet ausgehen können. Wer wegen des Internets also einen Primat des Humors befürchtet, den kann ich beruhigen: Es gibt schließlich auch im Internet weiterhin humorlose und trockene Informationsseiten wie Wikipedia, BBC und natürlich diese hier. Und es gibt sogar Leute, die das Ganze auch noch lesen.

6 Gedanken zu „One day, Babo, werden wir Lanz entlassen“

  1. Die gute Nachricht ist außerdem, dass die Fangemeinde genug Likes und #kaempfenSchumi-Tweets gesammelt hat, dass Michael Schumacher aus dem Koma aufgeweckt werden kann! Aber warum kommentiere ich hier eigentlich? Ich muss schnell die nächste Petition gegen irgendwas, was mir nicht gefällt, starten, z.B. das neue Gesicht der Kinder-Schokolade.

  2. Das war in meinem Artikel etwas auf die Spitze getrieben und hängt damit zusammen, dass ich von der CSU nicht viel halte und konservative Parteien eher von dem älteren Teil der Bevölkerung gewählt werden. Sonderbar wäre es, wenn diese ablehnende Bemerkung gegenüber einer Partei in einem Blogartikel nicht zulässig wäre.

  3. Ich bin nicht die Gesinnunspolizei 😉
    Die meisten Menschen wissen wahnsinnig gut über die CSU bescheid, kennen aber weder Bayern noch die Partei. Und wenn man sich die Wählerstruktur genauer anschaut, findet man natürlich einen hohen Anteil älterer. Es ist aber auch zu beobachten, dass die CSU jünger wird und weiblicher. Ich habe sie übrigens noch nie gewählt
    Die Bemerkung ist halt recht unreflektiert. Die SPD veraltet ebenso, relativ sogar noch stärker (sie haben mehr aufzuholen^^)
    Da helfen auch keine WaldunwiesenPhilosophen so wie diese Dichterin, die mich an nichts erinnert – außer, dass diese Menschen, die Poetry Slam mögen und machen, wahrscheinlich noch verspiester sind, als jeder CSU Wähler 🙂
    Schreibt doch lieber etwas über die verlogene Friedensbewegung, die Altlinken, die „Nie wieder Auschwitz“ rufen, während sie einen nächsten Holocaust an Israel in Kauf nehmen
    oder an die Verlogenheit der SPD Spitze, die sich tagelang der Öffentlichkeit entzieht, was einem Schuldeingeständnis gleich kommt (Edathy)
    oder der totgecshwiegenen Tatsache, dass die große Koalition der Eurorettung Griechenland die Zukunft nimmt
    oder was anderes.
    Weitermachen! 😉

    lg j

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