Olli Schulz, Erik Hakopjan und das Ende der Ausländerfeindlichkeit

Der beste Zeitungsartikel, den ich in letzter Zeit lesen durfte, stammt von Barbara Hardinghaus und ist im Spiegel erschienen, Nr. 9 vom 24. Februar 2014. Er ist nur eine Seite lang, heißt „Justus, Leon, Paul. Erik“ und handelt von Olli Schulz – nicht dem Musiker Olli Schulz, sondern dem Fußballtrainer des Duvenstedter SV. Oliver Schulz ist ein leidenschaftlicher Fußballer, für Politik hat er sich eigentlich nie interessiert – und doch sieht man ihn auf dem Bild zum Artikel ziemlich bedröppelt dreinblickend auf einer Demonstration in Bad Segeberg stehen, hinter ihm hält jemand ein Schild hoch, auf dem „Bleiberecht für Fam. Hakopjan“ zu lesen ist. Es ist die erste Demonstration, auf der Schulz jemals war. Was ist da los?

Erik Hakopjan spielt in der D-Jugend des Duvenstedter SV, Olli Schulz ist einer seiner Trainer. Erik ist zwölf Jahre alt und besucht mit seinem Bruder Karen das Gymnasium in Norderstedt, ein weiterer kleiner Bruder ist in der 1. Klasse. Seine Eltern kommen aus Armenien und wohnen seit 13 Jahren in Deutschland. Nachbarn, Bekannte, Freunde bestätigen, genau wie Olli Schulz, dass sich die Familie Hakopjan sehr gut integriert hat. Eine Online-Petition für ein Bleiberecht haben über 10.000 Menschen unterschrieben; die entsprechende Facebook-Gruppe hat fast 1.400 Mitglieder. Und doch sollen die Hakopjans abgeschoben werden. Alle drei Söhne sind in Deutschland geboren und können kaum armenisch. Man will also drei Kinder abschieben, die in Deutschland leben, sich hier wohl fühlen, die alle Chancen auf eine gute Ausbildung, ein gutes Leben haben. Erik Hakopjan ist, könnte man behaupten, die Lösung für viele der Probleme, die Deutschlands Medien und Politiker umtreiben: Fachkräftemangel, demographischer Wandel, zunehmende Gerontisierung, zu geringes Wirtschaftswachstum. Und er ist ein guter Verteidiger.
Olli Schulz versteht nicht, warum Erik, seine Eltern und seine Geschwister abgeschoben werden sollen. Er hat nie Probleme mit „Ausländern“ gehabt, nicht weil er nie welchen begegnet wäre, sondern weil er ihnen ständig begegnete: In den verschiedenen Fußballvereinen, in denen er spielte, in seiner Firma, die Gabelstapler baut – und nun beim Duvenstedter SV.
Für Schulz war Erik ein Junge wie die anderen Jungs, wie Justus, Leon oder Paul. Er trainiert die Jungs zweimal in der Woche, nach einigen Spielen fährt er mit ihnen in die Pizzeria. Er hat sie erfolgreich gemacht. Im Sommer können sie den Aufstieg in die Landesliga schaffen. Es ist das erste Mal, dass Olli Schulz auf einer Straße steht und gegen etwas ist. […] Nach der Demonstration steigt Olli Schulz zurück in sein Auto, er sagt, er wolle Erik zu Hause abholen, zu einem Spiel seiner Mannschaft am Abend. „Wir brauchen ihn.“
Olli Schulz hat recht. Wir brauchen Erik und Karen, genauso wie wir Justus, Leon und Paul brauchen. Der Fall Hakopjan liegt mittlerweile bei einer Härtefallkommission des schleswig-holsteinischen Innenministeriums; man kann nur hoffen, dass die Familie am Ende bleiben darf.
Über den konkreten Fall hinaus lehrt uns die Geschichte von Olli Schulz und Erik Hakopjan aber noch sehr viel mehr. Der Ort Nahe, in dem die Hakopjans wohnen, ist, einerseits, nicht gerade Berlin-Neukölln: 2.366 Einwohner, 2 Kulturdenkmale (ein Meilen- und ein Wasserstein), und ansonsten hat Wikipedia nur noch folgendes zu vermelden:

Von 1907 bis 1973 führte die Elmshorn-Barmstedt-Oldesloer Eisenbahn (EBO) durch Nahe. Sie hatte dort einen Bahnhof, der lange als Wohnhaus genutzt wurde, mittlerweile aber abgerissen ist. Über die Eisenbahntrasse führt heute ein Radwanderweg.

Andererseits: Neukölln ist überall. Wenn sogar Olli Schulz in seinem Alltag im Kreis Bad Segeberg regelmäßig in Kontakt mit Ausländern kommt, bedeutet das, dass wir die Globalisierung ernstnehmen müssen. Sie findet direkt vor unserer Haustür statt, ob wir nun (wie ich) in Neukölln, in Schwäbisch-Gmünd oder in Nahe wohnen. Die verstärkte globale Migration erreicht uns alle. In Nahe sehen wir die gute alte, immer wieder bestätigte sozialpsychologische Kontakthypothese in Aktion. Sie besagt, dass dort, wo Menschen tatsächlich mit „Fremden“ in Kontakt kommen, weniger Fremdenfeindlichkeit herrscht. Das bedeutet: Jeder Migrant, der nach Deutschland kommt, bereichert nicht nur unsere Kultur, unsere Wirtschaft und unsere Fußballmannschaften, er trägt auch zur Lösung eines Problems bei, das gravierender ist als das meiste, womit uns die Medien tagtäglich berieseln: Ausländerfeindlichkeit. Es ist kein Wunder, dass sich immer mehr Neonazis in ostdeutsche Mini-Dörfer zurückziehen, denn überall sonst würden sie womöglich mit positiven Ausländererfahrungen konfrontiert, die ihre schöne Ideologie zunichte machen könnten.

 

Die Geschichte zeigt uns aber noch mehr: Die alltägliche, gesellschaftliche Realität in Deutschland hat Politik und Gesetzgebung abgehängt. Während die Bundesregierung noch darüber streitet, ob und wie sie die absurde Optionspflicht für in Deutschland geborene Migrantenkinder abschaffen soll; während die Widerlinge aus Bayern, denen ohnehin viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, ungerührt rechte Parolen ausgeben, können Leute wie Olli Schulz schon lange nicht mehr verstehen, warum Familien wie die Hakopjans nicht endlich in Ruhe in Deutschland leben können. In Berlin-Mitte sieht man ab und an, immer, wenn irgendwo eine Wahl ansteht, einen älteren Herren auf einem Fahrrad herumfahren, der mit einer Trillerpfeife auf sich aufmerksam macht. Seit 42 Jahren, so verraten die Schriftzüge auf seinem Pullover, lebt er in Deutschland, in Europa – und seit 42 Jahren darf er hier nicht wählen. Der Mann hat recht: In einer Demokratie, die sich als solche ernstnimmt, sind solche Fälle skandalös und inakzeptabel. Wir brauchen nicht nur mehr Einwanderung, wir müssen auch seit Jahren in Deutschland lebende Ausländer endlich einbürgern.
Ein Letztes: Artikel wie der von Barbara Hardinghaus tragen dazu bei, gesellschaftliche Spannungen zu entschärfen. Die Frage, ob Ausländer als Problem oder als Normalität wahrgenommen werden, wird zuallererst in den Massenmedien entschieden. Der erzkonservative amerikanische Fernsehsender Fox News zum Beispiel versorgt seine Zuschauer jeden Tag mit bedrohlichen Geschichten über die Verbrechen mexikanischer Einwanderer – kein Wunder, dass die typischerweise älteren, weißen, christlichen Fox-News-Adepten panische Angst vor Einwanderung haben. Unsere Medienkultur, die vor allem von Verbrechen, Katastrophen und Krisen lebt, berichtet normalerweise lieber von der neuesten Schlägerei am Alexanderplatz als von Olli Schulz und dem Duvenstedter SV. Zum Glück gibt es noch immer richtigen Journalismus, der uns Geschichten nahebringt, die uns nicht (oder nicht nur) empören oder aufregen, sondern uns ein Stück gesellschaftlicher Realität vermitteln. Und diese Realität sagt: Wir dürfen optimistisch sein.

About Author: Sören Brandes

Geboren 1989 in Paderborn, hat Geschichte und Literatur in Berlin und Lund studiert. Master in Moderner Europäischer Geschichte. Promoviert derzeit am Graduiertenkolleg „Moral Economies of Modern Societies“ am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung über die Mediengeschichte des Neoliberalismus. Lebt in Berlin-Neukölln und interessiert sich für eigentlich alles, insbesondere für Globalisierungsphänomene, den Einfluss der Massenmedien darauf, wie wir denken und leben, und europäische Politik. Mail: soeren@unserezeit.eu, Twitter: @Soeren_Brandes, Facebook: Sören Brandes View all posts by

8 Gedanken zu „Olli Schulz, Erik Hakopjan und das Ende der Ausländerfeindlichkeit“

  1. „Unsere Medienkultur, die vor allem von Verbrechen, Katastrophen und Krisen lebt, berichtet normalerweise lieber von der neuesten Schlägerei am Alexanderplatz als von Olli Schulz und dem Duvenstedter SV. Zum Glück gibt es noch immer richtigen Journalismus, der uns Geschichten nahebringt, die uns nicht (oder nicht nur) empören oder aufregen, sondern uns ein Stück gesellschaftlicher Realität vermitteln. Und diese Realität sagt: Wir dürfen optimistisch sein.“

    Das ist so wahr und es hat mich im Zuge der ganzen „Geschichte“ wirklich erschrocken wie wenig die Presse Interesse an dem Fall hat.

  2. Ich bin mir nur nicht sicher, inwieweit ich mit dem optimistischen Fazit mitgehe. Wie dieser Artikel bestätigt, haben wir in Deutschladn im Jahr 2013 doppelt so viele rechtsextrem motivierte Angriffe gehabt, wie noch im Vorjahr und auch die ersten Zahlen für 2014 verheißen in dieser Hinsicht nichts Gutes: http://www.dw.de/angriffe-auf-asylbewerberheime-nehmen-zu/a-17476821
    Dabei fokussieren sich diese Angriffe keineswegs nur auf kleine Dörfer. Nimmt man die Asylsuchenden also mit rein, sieht es nicht ganz so rosig aus. Nichtsdestotrotz schlägt dein Artikel auch in dieser Hinsicht in die richtige Kerbe, wenn er klar macht, warum die ideologische Basis dieser Angriffe ausgemachter Quatsch ist. Guter Artikel!

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