Eine tolle Performance. Conchita Wurst und wir

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„Who could possibly vote a creature like this?? FOR THOSE HOW VOTET HER/HIM :“ FUCK YOU GUYS!!! NOW ALL THE PEOPLE FROM ALL OVER THE WORLD LAUGHS WHEN THEY SEE WHAT EUROPE LIKE! — A HOMO!“ „Duuuu huuuuurensohhhn“. „Diese Schwuchtel sowas gehört nicht in die Gesellschaft“. „Einfach nur ein ekelhaftes Etwas.“ „du spast hast uns noch ch gefählt“. „Wo leben wir denn eigentlich? Und sagt nicht das das natürlich ist.. ..aber was ist das bitte ? Soll DAS Europa verkörpern?“ Oder einfach: „Go kill yourself.“

 

All diese Nettigkeiten habe ich bei einer kurzen Facebook-Recherche nach Reaktionen auf Conchita Wurst gefunden. Die Travestie-Figur des Österreichers Tom Neuwirth ist, wie mittlerweile bekannt sein dürfte, am Samstag Siegerin des Eurovision Song Contest geworden, mit einem Kleid, einem Vollbart und diesem Lied:

Vielleicht etwas Hintergrund: Tom Neuwirth ist als schwuler Junge in der österreichischen Provinz aufgewachsen und wusste deshalb bereits vor seinen Auftritten als Conchita Wurst ziemlich genau, was Diskriminierung bedeutet. Soweit man Neuwirths Biografie entnehmen kann, hatte er immer besonderes Interesse an Mode und Musik, und, soweit man an seinen Auftritten als Conchita erkennen kann, für beides ein besonderes Talent. Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen in Gmunden, Oberösterreich, erdachte er die Figur Conchita: Aufwendig geschminkt, gestylt und vor allem mit viel Sorgfalt und ganz gemäß traditionell-weiblicher Kleiderstereotypen angezogen – aber mit einem Vollbart. Dieser Bart ist es, der Conchita von anderen Dragqueens unterscheidet: Mit viel Aufwand wirft sich Neuwirth in die Schale einer Frau, nur um ausgerechnet das für alle sichtbar stehenzulassen, was er mit einer 5-Minuten-Rasur problemlos unsichtbar machen könnte. Neuwirth:

Vor allem der Bart ist ein Mittel für mich, zu polarisieren, auf mich aufmerksam zu machen. Die Welt reagiert auf eine Frau mit Haaren im Gesicht. Was ich mir wünsche, wäre, dass sich die Leute ausgehend von meiner ungewöhnlichen Erscheinung Gedanken machen – über sexuelle Orientierung, aber genauso über das Anderssein an sich. Manchmal muss man den Menschen einfach und plakativ klarmachen, worum es geht.

Wir kennen das: In der U-Bahn, auf der Straße, in einer Illustrierten – jemand sitzt uns gegenüber, kommt uns entgegen, lächelt in die Kamera. Das erste, was wir tun, ist, diesen neuen Menschen zu taxieren. Innerhalb weniger Sekunden ordnen wir ihn ein: Ist das ein Penner, eine Joggerin oder ein Model? Und, noch elementarer: ein Mann oder eine Frau? So selbstverständlich uns diese Praktik des ersten – und oft letzten – Blicks vorkommt, ist sie doch eigentlich hoch komplex und voraussetzungsreich: Wir haben gelernt, welche Merkmale uns eine möglichst schnelle und eindeutige Identifikation unseres Gegenübers am besten ermöglichen. Wie ausgeprägt sind die Schultern, der Kiefer, der Adamsapfel oder der Bartwuchs? Hat der Gegenüber lange oder kurze Haare, eine flache Brust oder eine Taille? Wie ist er angezogen – Ho- oder Bluse, T-Shirt oder Kleid – und in welchen Farben? Wie bewegt er sich? Unser Gehirn schafft es, all diese Informationen in kürzester Zeit zu prozessieren und ein Ergebnis auszuspucken. Und so haben wir in nur wenigen Sekunden aus dem neuen Menschen einen Mann oder eine Frau gemacht.
Wir alle kennen aber auch Situationen, in denen dieser Automatismus plötzlich nicht mehr so einfach funktioniert. Ein paar Sekunden reichen nicht immer aus, uns eine eindeutige Antwort zu liefern. Da hat jemand einen etwas ausgeprägteren Kiefer und dazu eine schmale Taille oder lange Haare und buschige Augenbrauen. Obwohl diese Situationen gerade in der Großstadt, wo wir ständig mit neuen Menschen konfrontiert werden, häufig vorkommen, sind wir jedesmal wieder irritiert: Wer ist denn das nun, ein Mann oder eine Frau? Das ist eine Frage, die ich auch von Freunden und Bekannten immer wieder höre, flüsternd und mit einem gönnerhaften Lächeln: Kann man ja gar nicht unterscheiden, haha. Dabei, das schwingt unterschwellig immer mit, wäre es doch eigentlich die Bringschuld des Gegenübers, uns eine eindeutige Antwort zu liefern – damit wir nicht verunsichert werden.
Manfred Werner, CC-by-SA-3.0 via Wikimedia Commons
Die Tatsache, dass wir eigentlich ständig verunsichert werden, sollte uns aber deutlich machen, wie prekär die Unterscheidung ist, die wir da treffen. Conchita Wurst verweigert sich ganz bewusst und offensiv dieser Unterscheidung und legt damit ihre Fragwürdigkeit offen. Sie führt bewusst eine Situation wie die Beschriebene herbei, eine Situation, die in ihrem Fall auch nicht schnell wieder vorbei ist, weil wir vielleicht doch noch etwas finden, das uns eine direkte Einordnung ermöglicht. Der Bart bleibt, und er bleibt mit unseren Erwartungen darüber, wie man sich „nunmal“ zu verhalten oder auszusehen habe, unvereinbar.
Dieser gezielt eingesetzte Mechanismus ist eigentlich ziemlich leicht zu durchschauen. Umso erstaunlicher ist, wie die Leute in die Falle tappen: Am Samstagabend trat zum Beispiel ein junger Mann auf, der die Punktvergabe der Litauen bekanntgab. Als er die zehn Punkte verkünden sollte, die sein Land an die österreichische Kandidatin Conchita Wurst vergeben wollte, holte er ein Rasiermesser aus seiner Tasche und verkündete: „It’s time to shave! Ten points for Austria!“ Da war wieder das Gönnerhafte: Diese Conchita, die weiß einfach nicht, dass man als Frau keinen Bart trägt. Wir machen einen Deal, Conchita: Wir geben dir Punkte, und du rasierst dich endlich mal. Kann ja keiner auf Dauer mit ansehen. Wir wissen, wie man auszusehen hat, nur du hast es irgendwie noch nicht verstanden. Welch strunzdumme Arroganz.
Viele europäische Medien feiern Conchitas Sieg nun als Sieg der Toleranz, als Zeichen, dass Europa weit gekommen sei auf dem Weg zu einer freien, pluralen Gesellschaft, in der jeder der sein kann, der er sein will. Das ist eine mögliche Erklärung, und ich wäre nicht der Optimist, der ich bin, wenn ich diese Erklärung für völlig falsch hielte. Man darf aber auch nicht vergessen (und die oben zitierten Äußerungen sind eine schmerzhafte Erinnerung daran), wie tief die binäre Codierung Mann/Frau in unserer Kultur verankert ist. Mikrosoziologen wie Harold Garfinkel oder Stefan Hirschauer haben am Beispiel von Transsexuellen erforscht, wie kompliziert es sein kann, als Mann oder Frau anerkannt zu werden. Es ist nämlich nicht nur die Praxis des ersten Blicks auf den anderen, die unsere Einordnungen in Männ- und Weiblein bestimmt. Dazu kommen eine kaum zu überschauende Menge von Verhaltensweisen, alltäglichen Praktiken, medialen Formaten oder Formatierungen und kulturellen Artefakten vom Ohrring bis zum Fußball, mit denen wir uns als Männer oder Frauen zu erkennen geben und die unsere Wahrnehmung anderer bestimmen. Fast alles ist irgendwie „gegendert“: Der Laptop meiner Freundin ist pink, meiner schwarz. Sie studiert Literatur, ich beschäftige mich mit Wirtschaft und sozialer Ungleichheit. Ich würde niemals eine Halskette tragen. Meine Unterhosen heißen nicht „Schlüpfer“, sondern Boxer shorts, obwohl ich mit Boxen überhaupt nichts zu tun habe.
Dazu kommen – sorry, liebe Gender Studies! – sicher auch körperliche Unterschiede. Wenn ich Fußball spiele, sind meine Sportklamotten anschließend ernsthaft kontaminiert und stinken zum Himmel. Wenn meine Freundin vom Joggen kommt, riecht sie maximal ein bisschen muffig. Es sollte nicht darum gehen, die Natur mit einem riesigen Arsenal an Worten, Argumenten, Studiengängen komplett wegzudiskutieren. Es muss vielmehr erstens darum gehen, ihre grundlegende, unüberschaubare Vielfalt anzuerkennen, anstatt sie fortwährend in unterkomplexe Ordnungen wie eben die Unterscheidung Mann/Frau einzwängen zu wollen. Zweitens gibt es keinen Grund, bei der „Natur“ einfach Halt zu machen. So sehr Natur und Kultur auch zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen mögen – die Natur determiniert uns nicht. (Die Kultur übrigens auch nicht.) Wir sind frei, unsere Gesellschaft nach ethischen Vorgaben zu gestalten, die wir selbst festlegen können und müssen. Wenn wir eine offene, vielfältige Gesellschaft wollen, muss uns keineswegs die Tatsache aus dem Konzept bringen, dass manche von uns bei ihrer Geburt Pimmel haben und andere nicht.

Die Helden von Judith Butlers Unbehagen der Geschlechter waren Transvestiten, Drags, butches und femmes. Dass Geschlecht durch ritualisierte Praktiken, durch performances hergestellt wird, sagte Butler, beinhalte die subversive Möglichkeit, die Geschlechterordnung auf den Kopf zu stellen. Denn wenn es unsere alltäglichen Praktiken sind, durch die die Strukturen zustande kommen, muss man einfach nur anders handeln, als es von einem erwartet wird. Die binäre Geschlechterordnung muss ständig durch unsere Handlungen stabilisiert und aktualisiert werden, und das macht sie anfällig – denn wir könnten ja auch irgendwann einfach aufhören, so zu handeln. Dadurch erklärt sich auch der Hass auf Conchita: Instinktiv spüren die Leute, die sie auf Facebook beleidigen, wie prekär die Ordnung ist, auf die sie sich stützen. Gerade deshalb müssen sie dem Regelverstoß eine Bestrafung folgen lassen, hier in Form öffentlicher Beleidigungen und Drohungen. Diese Sanktionsmechanismen offenbaren in ihrer Heftigkeit aber nur den repressiven Charakter einer solchen Ordnung, anstatt sie zu stützen.

Jeder Auftritt von Conchita Wurst sagt uns ganz direkt, dass es mehr gibt als zwei Geschlechter, die klar voneinander zu scheiden wären. Es gibt ein dazwischen, daneben, darüber hinaus. Wie Butler feststellte: „Indem die Travestie die Geschlechtsidentität imitiert, offenbart sie implizit die Imitationsstruktur der Geschlechtsidentität als solcher – wie auch ihre Kontingenz“. Während die meisten von uns tagtäglich mehr oder weniger zwanghaft Männer oder Frauen darstellen, ist Conchita von dieser uns oft, wenn wir ehrlich sind, einschränkenden und disziplinierenden Unterscheidung frei – ganz einfach, weil sie es kann. Es ist wie in dem alten, mikrosoziologisch ziemlich klugen Sponti-Spruch „Stell dir vor, es gibt Krieg – und keiner geht hin“: Ein Krieg funktioniert nur dann, wenn jemand ihn ausführt. Die binäre Geschlechterordnung funktioniert nur solange, wie wir sie durch alltägliches Handeln wie unser gönnerhaftes Lachen aufrechterhalten. Oder, anders gesagt: Sie funktioniert nur solange, wie eine Conchita Wurst nicht vor Hundertmillionen von Menschen auftreten und den Eurovision Song Contest gewinnen kann.

About Author: WWWWWSören Brandes

Geboren 1989 in Paderborn, hat Geschichte und Literatur in Berlin und Lund studiert. Master in Moderner Europäischer Geschichte. Promoviert derzeit am Graduiertenkolleg „Moral Economies of Modern Societies“ am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung über die Geschichte des Marktpopulismus. Lebt in Berlin-Neukölln und interessiert sich für eigentlich alles, insbesondere für Globalisierungsphänomene, den Einfluss der Massenmedien darauf, wie wir denken und leben, und europäische Politik. Mail: soeren@unserezeit.eu, Twitter: @Soeren_Brandes, Facebook: Sören Brandes View all posts by

Ein Gedanke zu „Eine tolle Performance. Conchita Wurst und wir“

  1. Ich glaube, dass Vorurteile ein Weg sind uns in einer überaus komplexen Welt zurechtzufinden. Wie du beschrieben hast verarbeitet unser Gehirn in sekundenschnelle unglaubliche Mengen an Information und schematisiert sie. Da sind Vereinfachungen und Verzerrungen geradezu unumgänglich. Zum Problem wird es nur wenn man seinen Vorurteilen bzw. seinem (Vor-)Urteilsvermögen allzu sehr vertraut oder gar glaubt man hat überhaupt keine. In den sozialpsychologischen Handbüchern steht häufig:
    „Das Vorurteil der eigenen Vorurteilslosigkeit ist das hartnäckigste Vorurteil überhaupt.“
    Gerade im wissenschaftlichen Kontext ist man ja häufig dazu gezwungen Standpunkte einzunehmen und mit Vehemenz zu verteidigen. Doch dort wie im Alltag sollte dies stehts nur ein „so tun als ob“ sein. Ein Spiel, das man spielt weil es Spaß macht oder einen gar durch Einsichten zu einem besseren oder reflektierteren Menschen macht. Denn das ist für mich das entscheidende Problem: Wenn man sich in seinen Meinungen und Vorurteilen beratungs- und revisionsresistent zeigt, wenn man dem Gegenüber nicht erlaubt die eigene Meinung zu ändern, weil man das Gespräch verweigert oder zur sprichwörtlichen Wand wird, gegen die es anzureden nicht lohnt.
    Ich denke wir können nicht so viel dafür, dass wir alle irgendwo Rassisten, Sexisten und obrigkeitshörig sind. Das wurde uns über unsere Sozialisation eingeimpft. Was wir aber tun können ist Momente bewusst erleben in denen wir unsere eigene Mangelhaftigkeit erkennen: „Man, da war ich ja ganz schön sexistisch/rassistisch/unterwürfig/dominant.. das tut mir leid“.
    Dies fällt umso leichter wenn man für sich den Monolog Tyler Durdens um einen Zusatz erweitert….Du bist nicht deine Arbeit. Du bist nicht wieviel Geld du am Konto hast. Du bist nicht das Auto das du fährst. Du bist nicht der Inhalt deiner Geldbörse. Du bist nicht deine scheiß Cargohosen“ …. Du bist auch nicht deine scheiß Meinung…
    Für Tyler Durden ist man stattdessen zwar der singende, tanzende Abschaum der Welt… Für Mich ist man aber eher ein Teil des großen Om.. Oder des 'Big Electron' wie George Carlin sagte :): http://www.youtube.com/watch?v=OFKLc6K8Ydo
    Gruß, Peter

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