La France Antisémite. Essai d’Histoire Contemporaine

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Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst des Antizionismus. Überall in Europa finden derzeit Demonstrationen unter Mottos wie „Frieden für Palästina“ statt, auf denen gegen den Krieg in Gaza und Israel protestiert wird. Diese Proteste arten in trauriger Regelmäßigkeit in antisemtische Spektakel aus. In deutschen Städten werden offen judenfeindliche Parolen skandiert und proisraelische Demonstranten angegangen, in London legten 10.000 Demonstranten die Stadt vorübergehend lahm, in Innsbruck wurde eine Frau mit Israelflagge attackiert und verletzt, in Antwerpen riefen Protestierende „Tötet die Juden“. Besonders heftig eskalierten die Demonstrationen in Frankreich. In Paris griffen Demonstranten zwei Synagogen an, fackelten Autos ab und zerstörten jüdische Geschäfte. Proisraelische Demonstraten und Juden wurden angegriffen. Die Menge skandierte „Tod den Juden

Antisemitismus hat in Frankfreich eine lange Tradition. Den christlichen Antijudaismus des Mittelalters und den reaktionären Judenhass nach der französischen Revolution, die den Juden erstmals volle Bürgerrechte brachte, überführte insbesondere der Journalist Édouard Drumont in den modernen, nationalistischen und rassistischen Antisemitismus, der uns aus der deutschen Geschichte gut vertraut ist. Mit seinem Buch La France Juive. Essai d’Histoire Contemporaine verfasste Drumont 1886 ein wirkmächtiges Fundament für die europäische Judenfeindlichkeit. Das Werk verkaufte sich im Erscheinungsjahr mehrere hunderttausend mal und erschien bis 1945 in über 200 Auflagen. Die deutsche Übersetzung Das verjudete Frankreich verkaufte sich auch im Nachbarland gut. Die Dreyfuß-Affäre, in der Alfred Dreyfuß, jüdischer Hauptmann in der französischen Artillerie, des Landesverrats angeklagt und 1894 irrtümlich für schuldig befunden wurde, offenbarte einige Jahre später den zunehmenden Antisemitismus in der französischen Öffentlichkeit. Bis 1945 erwuchs der Judenhass zur vereinenden Weltanschauung der französischen Rechten.

L’antisémite civilisé

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der französische Antisemitismus, insbesondere in seiner offenen und gewalttätigen Form, weitgehend auf die politischen Ränder verbannt werden. Als Weltanschauung diskreditiert, verschwand er trotzdem nie ganz auf den Köpfen. Das offenbarte beispielsweise die Aussage des französischen Präsidenten Charles de Gaulle 1967, der die Juden für ein „elitäres, arrogantes und herrschsüchtiges Volk“ hielt. Im 21. Jahrhundert scheint der Antisemitismus in Frankreich ein regelrechtes Comeback zu erleben.

Laut einer globalen Untersuchung der Anti-Defamation League, die zwischen Juli 2013 und Februar 2014 durchgeführt wurde, ist Frankreich heute das antisemitischste Land Westeuropas. 44 Prozent der befragten Franzosen hielten die Aussage, dass Juden zu viel Macht über globale Medien hätten, für wahrscheinlich wahr. 46 Prozent meinten sogar, Juden hätten zu viel Kontrolle über globale Angelegenheiten. Dass Juden noch zu viel über den Holocaust sprächen, glaubten 44 Prozent der französischen Befragten und ganze 51 Prozent stimmten der Aussage zu, dass Juden zu viel Macht in der Geschäftswelt hätten. Fast jeder zweite Franzose glaubt demnach daran, dass die Juden den Holocaust instrumentalisieren und dass sie zu großen Einfluss auf den Lauf der Welt hätten. Immerhin 18 Prozent meinen sogar, die Juden seien für die meisten Kriege der Welt verantwortlich. Insgesamt sind es 37 Prozent der französischen Befragten, die der Mehrheit der antisemitischen Behauptungen zustimmten. Bei den Befragten unter fünfzig sind es sogar 43 Prozent. Damit ist Antisemitismus in Frankreich längst keine Randerscheinung mehr. Er ist auf dem Vormarsch.

Ein bekanntes Beispiel für diesen erneuerten Antisemitismus ist der französische Komiker Dieudonné M’bala M’bala. Anfang des Jahres geriet er in die Schlagzeilen, als französische Politiker einige seiner Veranstaltungen verboten, weil sie die öffentliche Ordnung gefährdet sahen. Dieudonné, der ‚Gottgegebene‘, engagiert sich schon seit langem politisch, zunächst im linken, antirassistischen Spektrum. Seit 2002 fällt er aber immer wieder mit judenfeindlichen Parolen auf; unter anderem bezeichnete er den Holocaust als Gedächtnispornographie“. 2009 trat er als Spitzenkandidat der Parti antisioniste für die Europawahl an, die die französische Regierung, den französischen Staat, die französischen Institutionen und die französischen Medien vom Zionismus befreien und jegliche Formen des Zionismus in der Nation ausmerzen“ will. Bekanntheit erlangte er darüber hinaus durch die Popularisierung des Quenelle-Grußes, den er als anti-Establishment bezeichnet (was bei ihm wohl „antizionistisch“ bedeutet), von seinen Anhängern aber antisemitischverwendet wird. Auch der langjährige Vorsitzende und Vater der jetzigen Vorsitzenden des Front National, Jean-Marie Le Pen, der schon des Öfteren durch antisemitische Ausfälle auffiel (zuletzt im Juni), ist ein Freund Dieudonnés und ließ sich mit dem Quenelle-Gruß ablichten. Vor den Verboten kamen Dieudonnés Shows gut an.

La violence physique

Es ist nicht überraschend, dass ein solches Klima immer öfter auch in Gewalt gegen Juden umschlägt. Bekanntheit erlangten die dreiwöchige Folterung Ilan Halimis 2006, die zu seinem Tod führte, der Anschlag auf eine jüdische Schule in Toulouse 2012, bei der drei Kinder und ein Erwachsener getötet und ein 17jähriger Junge schwer verletzt wurden, und der Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel im Mai, der von einem französischen Dschihadisten begangen wurde und bei dem vier Menschen starben. Diese Fälle waren besonders erschreckend und fügen sich in das größere Bild.

Gegen Juden gerichtete Gewalt ist im 21. Jahrhundert in Frankreich deutlich angestiegen. Insgesamt 423 antisemitische Gewalttaten und Drohungen wurden 2013 verzeichnet, darunter 49 Fälle von körperlicher Gewalt, drei Brandanschläge und ein versuchter Mord. 1998 und 1999 waren es „nur“ 81 beziehungsweise 82 verzeichnete Fälle gewesen. Damit war 2013 ein Drittel aller rassistischen Straftaten und sogar 40 Prozent der Fälle physischer rassistischer Gewalt in Frankreich gegen Juden gerichtet, obwohl diese weniger als ein Prozent der Bevölkerung ausmachen. Trotz der massiven Gewalt wird das Problem in Frankreich nach wie vor unterschätzt. 79 Prozent der Franzosen glauben, dass Juden in Frankreich gut bis exzellent behandelt werden und nur 20 Prozent meinen, die Regierung müsse mehr für die Sicherheit der Juden tun.

Viele Juden fühlen sich unter diesen Umständen in Frankreich, dem Land mit der größten jüdischen Gemeinde Europas, nicht mehr wohl. Laut einer Untersuchung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte fürchten 70 Prozent der französischen Juden verbale, 60 Prozent gar körperliche Angriffe. Immer mehr wandern daher nach Israel aus, weil sie sich mehr Sicherheit und weniger Anfeindungen erhoffen. Im letzten Jahr waren es 3200 Juden, die aus Frankreich nach Israel emigrierten, ein Anstieg um mehr als 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für Frankreich bedeutet das nicht nur einen Brain-Drain; es offenbart ein tiefsitzendes Problem der französischen Gesellschaft.

Le mouvement antisémitique

In Frankreich verbindet sich der alte, rechtsextreme Antisemitismus, der unter anderem beim Front National Platz findet, mit linker, antiimperalistischer Judenfeindlichkeit und islamistischem Judenhass. Diese Verbindung, die in der Forschung als neuer Antisemitismus bezeichnet wird, findet in Dieudonné ihre Personifizierung und im Quenelle-Gruß ihr Symbol. Insbesondere in Zeiten, in denen der Nahostkonflikt eskaliert, zieht es die Antisemiten aller Couleur gemeinsam auf die Straßen. Der aktuelle Krieg bietet diesen Menschen eine Möglichkeit zur Rationalisierung ihrer Judenfeindlichkeit.

Wenn auch die Situation in Frankreich besonders alarmierend ist, gibt es ähnlich gelagerte Probleme in anderen europäischen Ländern. Die aktuellen „israelkritischen“ Demonstrationen verdeutlichen das. Solange Judenfeinde öffentliche Diskurse kapern können, solange Antisemiten Nischen für ihre Agitation finden, solange Judenhass unwidersprochen geäußert wird, solange bleibt Antisemitismus ein gesellschaftliches Problem. Um zu wissen, in welche Richtung das führt, reicht in Europa ein Blick in die Geschichte. Aktuell reicht sogar der Blick nach Frankreich.

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