„Völkerwanderung“ – als Flüchtlinge kamen und Rom doch nicht durch sie fiel

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Steht der politische und soziale Zusammenbruch kurz bevor? Öffentliche Äußerungen mancher Medien und politischer Parteien hinsichtlich der aktuellen Flüchtlingsbewegung in die Europäische Union und speziell in die Bundesrepublik Deutschland erwecken nicht selten diesen Eindruck. Bemerkenswert ist, dass hierbei öfters der Begriff „Völkerwanderung“ in den Diskurs eingebracht wird – ohne jedoch zu erläutern, was damit genau gemeint sein soll. Führende Vertreter der CSU haben den Begriff bereits im August 2015 verwendet, darunter der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer (in einem Sommerinterview Ende August 2015) sowie sein Generalsekretär Andreas Scheuer gegenüber der Deutschen Presse Agentur. Ganz ähnlich äußerten sich Vertreter der AfD: Alexander Gauland erklärte Anfang November 2015 nicht nur, dass es sich um eine neue Völkerwanderung handle, sondern verglich dies sogar mit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches, als „die Barbaren den Limes“ überwanden. Es lassen sich noch weitere Beispiele für die Benutzung des Begriffs finden, so in mehreren Medienberichten, sei es in der FAZ, der Welt (hier von dem Historiker Michael Stürmer und dem Welt-Autor Wolfgang Büscher) oder im Handelsblatt.

Es stellt sich die Frage, was konkret mit dem Vergleich der heutigen Flüchtlingsbewegung mit der sogenannten Völkerwanderungszeit (ca. 375 bis 568 n. Chr.) bezweckt werden soll. Das Grundschema ist oft dasselbe: Der Begriff fällt und wird dann in den Kontext einer Erzählung eingebettet, die beim Publikum vor allem negative Assoziationen erwecken soll. „Völkerwanderung“ – das evoziert fast zwangsläufig Bilder eines ungebremsten Massenansturms, der die bestehenden politischen und sozialen Verhältnisse am Zielort bedroht. Aus dem Geschichtsunterricht oder Dokumentationen mag man dann noch die Vorstellung von Kriegergruppen haben, die brandschatzend und plündernd über das antike Römerreich herfielen. Es handelt sich im öffentlichen Bewusstsein jedenfalls ganz überwiegend um negativ konnotierte Bilder, die dem Leser, Zuschauer oder dem potentiellen Wähler vermittelt werden und damit die negative Grunderzählung unterfüttern. Medienberichte, die die Verwendung des Begriffs hinterfragen, sind im gegenwärtigen politischen Diskurs leider die Ausnahme.
Doch ist der Begriff der „Völkerwanderung“ hinsichtlich der aktuellen Flüchtlingsbewegung überhaupt anwendbar? Denn die von konservativer Seite erhobene Unterstellung, die zumindest implizit (und im Fall der rechtspopulistischen AfD sogar explizit) mitschwingt, ist ja: So wie Rom einst unterging, so droht auch der Zusammenbruch politischer Strukturen in der Bundesrepublik. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass in diesem Szenario die nach Europa und (aufgrund des Versagens der EU, sich auf einen Verteilungsschlüssel zu einigen) häufig nach Deutschland kommenden, unbewaffneten und oft aus Kriegsgebieten fliehenden Menschen im besten Fall eine Überforderung (was immer man sich darunter konkret vorzustellen hat) des deutschen Staates darstellen, im schlimmsten Fall sogar einen wie auch immer gearteten Zusammenbruch herbeiführen könnten. Ein Blick in die relevanten historischen Quellen und die aktuell relevante Sekundärliteratur zeigt aber recht schnell, wie wenig die Flüchtlingsbewegung von heute mit der spätantiken Völkerwanderung zu tun hat. Das ganze Bild ist nicht nur schief, sondern fachlich schlicht unzutreffend.

 

Sutton Hoo Replika eines Helmes
Müssen wir uns vor den Fremden schützen? Replik eines Helms aus dem 7. Jahrhundert

Der Begriff „Völkerwanderung“ findet sich (in welcher Umschreibung auch immer) in keiner spätantiken oder mittelalterlichen Quelle. Es handelt sich vielmehr um eine im späten 18. Jahrhundert in Deutschland aufkommende Bezeichnung, die auf eine im 16. Jahrhundert erschienene Abhandlung des gelehrten Humanisten Wolfgang Lazius zurückgeht, dessen lateinischer Titel De gentium aliquot migrationibus lautete („Über die Züge einiger Stämme/Völker“). In Deutschland gewann der Begriff im 19. Jahrhundert an Popularität, was sich bis weit ins 20. Jahrhundert fortsetzte. Dies geschah nicht grundlos: Die deutsche Altertumsforschung hatte in diesem Zeitraum eine internationale Spitzenstellung errungen, die sie erst im Rahmen der NS-Diktatur einbüßte; gleichzeitig war sie aber deutlich national-konservativ geprägt. Die antiken Germanenstämme (wobei es sich bei „Germanen“ ohnehin um einen fremden Sammelbegriff handelt) wurden schlicht mit „den Deutschen“ in Mittelalter und Neuzeit gleichgesetzt. Als sich der deutsche Nationalstaat im späten 19. Jahrhundert schließlich bildete, hoben deutsche Forscher oft die Leistung der Germanen hervor, während bezeichnenderweise und resultierend aus den militärischen Auseinandersetzungen bis 1945 im romanischen und angloamerikanischen Raum der zerstörerische Aspekt betont wurde. Es handelte sich folglich um eine ganz aus nationaler Perspektive betriebene Geschichtsschreibung. Dazu passte, dass in der antiken Literatur ein topisches Barbarenbild sehr verbreitet war, in dem ethnozentrische Vorurteile gegenüber dem Fremden gepflegt wurden – und „fremd“ war vom Blickwinkel der antiken Autoren aus alles, was nicht dem griechisch-römischen Kulturkreis angehörte. Das Resultat war ein mit stereotypen Inhalten aufgeladener Begriff.

Keines der hier skizzierten Geschichtsbilder entspricht heute noch den aktuellen Forschungsergebnissen, nachdem in der Forschung zur Spätantike (ca. 284 bis 600 n. Chr.) verstärkt unter anderem kulturgeschichtliche Forschungsansätze rezipiert wurden. In diesem Kontext hat seit den 1970er Jahren eine radikale Neubewertung stattgefunden, wenngleich viele Punkte bis heute unterschiedlich gewichtet werden. In diesem Zusammenhang wird vor allem der Übergang von der Spätantike ins Frühmittelalter als langgestreckte Transformationsphase betrachtet. Der nicht unproblematische Begriff „Völkerwanderung“ ist ebenfalls von der Neubewertung betroffen. So hat sich in der Forschung die Einschätzung weitgehend durchgesetzt, dass antike und teils auch mittelalterliche Verbände nicht als ethnisch homogene Einheiten betrachtet werden dürfen, deren Entwicklung statisch verlief. Vielmehr ist der soziale Formationsprozess (Ethnogenese) zu betonen, wobei sich Gruppen zu Verbänden zusammenschlossen, ohne aber ein einheitliches „Volk“ darzustellen, zumal der Begriff „Volk“ im Hinblick auf antike Stammesverbände überaus problematisch ist. So sollten etwa bei Grabfunden Kleidung und andere Überreste oder in den erzählenden Quellen Aussagen zur Herkunftsbezeichnung einzelner Personen nicht als zwingend „ethnische Kategorien“ verstanden werden. Zu gotischen Gruppen konnten sich beispielsweise Heruler gesellen und sich auch wieder vom Verband trennen; am Hofe des Hunnenkönigs Attila (gest. 453) wurde auch Gotisch und Latein gesprochen und der fränkische Kleinkönig Childerich wurde 481/82 mit den Insignien eines römischen Offiziers beigesetzt – es lassen sich noch zahlreiche weitere Beispiele finden. Eine wie auch immer geartete „ethnische Identität“ spielte hierbei eine wesentlich geringere Rolle, als dies die ältere Forschung suggeriert und als es in der Neuzeit der Fall war.

Die Bezeichnung „Völkerwanderung“ an sich ist bereits irreführend und wird in der neueren Forschung kontrovers diskutiert, da im genannten Zeitraum nicht ganze „Völker“ geschlossen zu einem bestimmten Ort „auswanderten“. Die unterschiedlichen Züge der Goten, Franken, Sueben, Burgunder, Vandalen, Angelsachsen, Heruler und Langobarden (hinzu kamen etwa auch die iranischen Alanen) verliefen eher ungeordnet und wurden immer wieder von unvorhersehbaren Ereignissen beeinflusst, wobei sich Gruppen zusammenschlossen, aber auch wieder trennten. Des Weiteren ist es teils auch fragwürdig, wie genau die Quellenberichte die Größe oder die Auswirkungen der Kriegergruppen reflektieren. Migrationen – und genau darum handelt es sich bei den Zügen der „Völkerwanderungszeit“ – sind in der Geschichte ohnehin keine Seltenheit. Die Züge verschiedener Kriegergruppen mit dem jeweiligen Anhang im Zeitraum vom späten 4. bis ins späte 6. Jahrhundert sind nur ein Teil eines komplexen geschichtlichen Prozesses, der nicht ohne Brüche verlief. So lösten erst die Angriffe der wohl aus Zentralasien stammenden Hunnen eine Flüchtlingsbewegung germanischer Stämme aus, die dann an die Grenze des Römischen Reichs flohen. Die erste dieser Gruppen waren Goten aus dem Donauraum, die den Römern gegenüber nicht als Eroberer, sondern vielmehr als Flüchtlinge auftraten und im Gegenzug für Schutz ihre militärische Hilfe anboten.

Das erste derartige Experiment schlug jedoch fehl – die römischen Behörden erwiesen sich als unfähig, die Versorgung der Goten zu gewährleisten. Aber auch anschließend traten verschiedene Kriegergruppen den Römern mit der Absicht gegenüber auf, am römischen Wohlstand als militärische Partner zu partizipieren. Die Beziehung war wechselseitig: Auf die Germanen übte das materiell ungleich reichere römische Imperium eine erhebliche Anziehungskraft aus, während die Römer auf Soldaten und Arbeitskräfte angewiesen waren. Das Römerreich erhob zwar einen politisch universalen Anspruch und es bestanden durchaus Vorurteile gegenüber neu zu integrierenden Gruppen; das Imperium war aber kulturell von verschiedenen Strömungen geprägt und somit grundsätzlich aufnahmefähig. Als sogenannte foederati erhielten Germanen Land zugewiesen und unterstellten sich dafür im Kriegsfall mit eigenen Kommandeuren dem römischen Oberbefehl. Fränkische und westgotische Gruppen traten 451 unter dem Kommando des römischen Generals Flavius Aetius den Hunnen und ihren Verbündeten (darunter wiederum andere germanische Gruppen) in Gallien entgegen. Mehrere der Herrscher in den neuen germanisch-romanischen Nachfolgereichen schreckten sogar vor der Absetzung des letzten römischen Kaisers in Italien (476) davor zurück, weströmische Herrschaftsrechte offen zu okkupieren. Bald schon stellten „barbarische“ Verbände den Kern der weströmischen Armee, die nicht von äußeren Feinden vernichtet wurde, sondern sich schlicht aufgrund der völlig unzureichenden Finanzlage Westroms faktisch auflöste, während den Kaisern im Westen bereits seit dem späten 4. Jahrhundert die politische Kontrolle über die höchsten Offiziere (Heermeister) zunehmend entglitten war.

Trotzdem lassen sich im Rahmen dieses einzigartigen Transformationsprozesses zahlreiche Kontinuitätslinien von der Spätantike bis ins Mittelalter nachverfolgen, wobei in den germanisch-romanischen Nachfolgereichen im Westen die neue „Staatlichkeit“ an die Stelle des zusammenbrechenden römischen Staats trat. Für die weiterhin einflussreichen römischen Eliten in Südgallien und in Italien wurde das „Ende Westroms“ 476 ohnehin scheinbar nicht als schwerwiegendes Ereignis angesehen. Man betrachtete nun den immer noch in Konstantinopel regierenden Kaiser des Ostreichs als zumindest formales staatliches Oberhaupt, wobei mehrere germanische Herrscher im Westen ebenfalls so verfuhren und auf dieser Grundlage teils eigene Herrschaftsrechte ableiteten. In diesem Sinne ist es weniger verwunderlich, wenn noch im späten 5. Jahrhundert auf einigen Inschriften der Kaiser in Konstantinopel als dominus noster („unser Herr“) bezeichnet wurde, wenngleich sich dieser formale Anspruch in der Praxis kaum auswirkte. Der politische, sich nicht unmittelbar auf den Alltag der Menschen auswirkende Wandel war hierbei einschneidender als der gesellschaftliche und wirtschaftliche Transformationsprozess, der sich wesentlich länger hinzog. Die Germanen, die ohnehin nur einen Bruchteil gegenüber der einheimischen, bereits romanisierten Bevölkerung ausmachten, gingen in dieser oft auf, so im Frankenreich, bei den Burgundern und auch teilweise bei den Westgoten. Die Neuankömmlinge waren den Römern in den meisten Fällen auch durchaus vertraut, während die Germanen in der Regel nicht beabsichtigten, die vorhandenen Strukturen zu zerstören, sondern sie selbst nutzen wollten. In politischer Hinsicht ging das Westreich zwar schließlich im späten 5. Jahrhundert unter, doch kulturelle und gesellschaftliche Elemente lebten in den Nachfolgereichen noch lange nach. Der ausgelöste Wandel wirkt bis in die Moderne hinein, da mehrere der heute in Europa existierenden Staaten mittel- oder unmittelbar auf frühmittelalterliche Reichsbildungen am Ende der Völkerwanderungszeit zurückgehen.

Es darf hierbei nicht der Eindruck entstehen, dass die Völkerwanderungszeit ohne gewaltsame Konflikte verlief. Vielmehr sind militärische Auseinandersetzungen vielfach belegt, was besonders in der angloamerikanischen Forschung hervorgehoben wird. Hierbei kämpften auch durchaus germanische Gruppen gegen die weströmische Regierung, wie im Fall der Vandalen oder gotischer Gruppen. Häufiger waren aber seit dem 5. Jahrhundert Kämpfe zwischen verschiedenen Stämmen, während Westrom, wie bereits geschildert, an die Westgoten, Franken und Burgunder Land als Gegenleistung für militärische Dienste mehr oder weniger freiwillig abtrat. In den meisten Regionen – gut belegt sind die Entwicklungen im vandalischen Nordafrika und im ostgotischen Italien, wo eine erstaunliche Kontinuität bis in die Mitte des 6. Jahrhunderts erkennbar ist – kam es keineswegs zu einem Kollaps der gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Strukturen. Nur Britannien stellt einen Sonderfall dar, wo es offenbar innerhalb weniger Jahrzehnte nach dem Abzug der letzten römischen Truppen im frühen 5. Jahrhundert zu einem weitgehenden Zusammenbruch der bestehenden Verhältnisse kam, doch ist die Quellenlage dazu sehr dürftig. Rom (genauer gesagt: das Weströmische Reich) wurde jedenfalls nicht durch die „Völkerwanderung“ zerstört, auch nicht durch eine angebliche Dekadenz, was besonders in der älteren Forschung ein beliebtes Erklärungsmodell war. Vielmehr waren ganz verschiedene Faktoren dafür verantwortlich: Von der Einflussnahme der hohen Militärs auf die Regierung über eine schrumpfende materielle Grundlage bis hin zu militärischen Fehlschlägen. Westrom sah sich gezwungen, immer wieder mit fremden Kriegergruppen zu verhandeln, ihnen Gebiete zur Verfügung zu stellen und sich gleichzeitig auf ihre militärische Hilfe zu verlassen – zahlreiche Erklärungsansätze lassen sich anführen, die sich teils auch gegenseitig bedingten. Doch im Osten existierte das Römerreich in Gestalt des (erst in der Moderne) sogenannten Byzantinischen Reiches noch Jahrhunderte fort.

Eine mögliche historische Lehre lässt sich also aus dem ansonsten unpassenden Vergleich der Völkerwanderungszeit mit der aktuellen Situation ziehen: Zentral ist, gleich bei welchem Migrationsvorgang, die Integration der Neuankömmlinge in die aufnehmende Gesellschaft. Diese kann durchaus Anforderungen stellen, wie Sprachkenntnisse und das Einhalten der gesetzlich geregelten staatlichen Ordnung. Dies sollte aber eigentlich eine Selbstverständlichkeit für jeden im jeweiligen Gemeinwesen lebenden Menschen sein – für den dann freilich auch die jeweiligen Rechte zu gelten haben, womit sich der Kreis wieder schließt.

Literatur

Henning Börm: Westrom, Stuttgart 2013.

Hubert Fehr, Philipp von Rummel: Die Völkerwanderung, Stuttgart 2011.

Reinhold Kaiser: Die Mittelmeerwelt und Europa in Spätantike und Frühmittelalter, Frankfurt am Main 2014.

Walter Pohl: Die Völkerwanderung, in: Michael Borgolte (Hrsg.): Migration im Mittelalter, Berlin 2014, S. 231–238.

Walter Pohl: Die Völkerwanderung, 2. Auflage, Stuttgart 2005.

Unser Autor Benjamin hat die wohl meistgelesene Darstellung zur Völkerwanderungszeit im deutschsprachigen Raum geschrieben: den Wikipedia-Artikel „Völkerwanderung“. Dieser und zahlreiche weitere seiner Artikel (etwa zur Spätantike, zum Frühmittelalter oder über Konstantin den Großen) wurden in der Wikipedia als „exzellent“ ausgezeichnet. Im „echten Leben“ steht er kurz vor Abschluss seiner mediävistischen Dissertation. –Sören

Bild: Sutton Hoo Helmet Replica; Replik von Ivor Lawton (Dawn of Time Crafts), National Trust Sutton Hoo; Foto von Arne Koehler (Corcoran) via Wikimedia Commons; CC-by-SA-3.0

10 Gedanken zu „„Völkerwanderung“ – als Flüchtlinge kamen und Rom doch nicht durch sie fiel“

  1. Vielen Dank für den einleuchtenden Artikel! Die Problematik bei aktuellen Beschreibungen der Flüchtlingslage mit dem Begriff „Völkerwanderung“, der selbst ideologisch geprägt und nicht so deskriptiv als vielmehr setzend ist, verdeutlicht der Artikel sehr gut. Was in der Argumentation für mich ein wenig zu kurz kam, war die Notwendigkeit der Integration von Flüchtlingen und die genaue Ableitung davon aus den historischen Beispielen. Könntest Du das näher ausführen?

  2. Das ist eine schwierige Frage, zumal ich zwar Arbeiten der Migrationssoziologie kenne, aber dazu nicht intensiv eingelesen bin. Was die modernen Optionen der Integration betrifft, sollte das auch nicht in Bezugnahme hierauf bearbeitet werden. Wenn es dir um Parallelen zur Integration während der „Völkerwanderung“ geht, dazu sind die Arbeiten Walter Pohls grundlegend. Es ging in der Spätantike ja nicht um eine Integration der Germanen in die Gesellschaft in dem Sinne, wie wir dies heute verstehen. Die damalige Integration war vor allem politisch-wirtschaftlicher Natur: da die Föderaten eigenes Gebiet erhielten (bzw. nach W. Goffart Anteile am Steueraufkommen), handelte es sich faktisch um halbautonome Herrschaftsgebiete, so für die Westgoten in Aquitanien oder die Burgunder in Savoyen. Die Germanen integrierten sich aber auch selbst in die römischen Strukturen, denn diese wollten sie ja nutzen, eben nicht zerstören. Der größte Unterschied zu heute ist, dass das staatliche Gemeinwesen die Leitlinien der Integration vorgibt und lenkt, während in der Spätantike die Römer sich mit den militärischen Hilfszusagen zufrieden gaben und den Germanen in den zugewiesenen Gebieten faktisch freie Hand gaben. Die Germanen gingen aber wie gesagt relativ rasch in der Mehrheitsbevölkerung auf, so bei den Burgundern und weitgehend den Franken, weniger stark bei den Westgoten. Ich empfehle den knappen Überblick bei Pohl (2014) als erste Orientierung. Grüße Benjamin

  3. „aufgrund des Versagens der EU, sich auf einen Verteilungsschlüssel zu einigen“

    Ist das nicht ziemlich plattes EU-Bashing? Wer die Struktur der EU kennt, der weiß ja, dass sich nicht die EU als solche, sondern die 28 Mitgliedsstaaten auf eine Quote einigen müssten. Wenn, dann ist es also das Versagen Deutschlands, sich nicht mit Ungarn auf eine Quote zu einigen – und natürlich umgekehrt.

    Außerdem zeigt sich hier auch sehr gut, dass die neoliberale Ideologie (wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht) eben nicht gerade Gemeinwohlfördernd ist. Was dabei rauskommt, wenn alle 28 nur an sich denken, sieht man ja.

    Beste Grüße,
    MisterEde

    1. Also es sollte sich meinerseits keineswegs um ein „EU-Bashing“ handeln – ich bin ein überaus großer Befürworter der EU, gerade wenn man bedenkt, dass die europäische Integration für die längste Friedensphase in Europa seit der Antike gesorgt hat.

      Allerdings muss man doch objektiv feststellen, dass der Versuch, sich auf eine tragfähige Quote zu einigen, faktisch gescheitert ist. Die osteuropäischen Staaten machen nicht mit, Frankreich und Italien machen nicht wirklich mit, GB ist eher auf dem Weg des Absprungs – und selbst bei den skandinavischen Staaten ist eine Distanzierung festzustellen. Es gab ja durchaus den Versuch, einer Quote über die Mitgliedsstaaten zu organisieren, was als gescheitert zu betrachten ist. Ob sich Deutschland im Nachhinein mit Ungarn hätte einigen können – wenn man an die Zustände in Ungarn denkt und das politische Klima berücksichtigt, bezweifle ich doch, dass die rechtskonservative Regierung Orbans eine konstruktive Rolle gespielt hätte. Ist aber ja auch hier nicht mehr das Thema.

      Grüße

      1. Was ist das denn eigentlich für ein schlechter Stil hier, einfach ohne Erklärung den Namen des Autors auszutauschen? Mag sein, dass es bei Ihnen einfach nur unbedacht verkürzt war, davon wäre ich bei dem anderen Autor aber nicht ausgegangen.

        Im Übrigen schreiben Sie es jetzt zumindest richtig, also dass es nicht die EU ist, sondern die Nationalstaaten sind, die sich (ich füge an „im nationalen Egoismus versunken“) nicht einigen können, also Frankreich, Italien, Deutschland und so weiter. Ist ja hierzulande dasselbe bei Entscheidungen im Bundesrat. Da sagt man dann ja auch nicht „Deutschland kann sich nicht einigen“, sondern „die Bundesländer können sich nicht einigen“. Ich hoffe, es bedarf keiner weiteren Erklärungen, worin der kleine aber feine Unterschied liegt.

        Ob des Autorentauschs verwunderte Grüße,
        Mister Ede

  4. Der Autorentausch war keine böse Absicht, sondern es lag schlicht ein technisches Problem zugrunde. Der Artikel war und ist von Benjamin, wurde aber von dem Programm mir zugeteilt, solange dieser sich hier noch nicht angemeldet hatte (wir sind gerade erst zu WordPress umgezogen).

    Was den Streitpunkt angeht: Die Unterscheidung ist in vielen Fällen sicher nötig, aber in diesem etwas haarspalterisch, denn es schien mir schon in der ursprünglichen Formulierung recht deutlich, dass es hier um die Nationalstaaten und nicht um die supranationalen Institutionen geht. Leider haben die ja in der Tat nach wie vor das Sagen – und „die EU“ ist eben auch der Rat und das Konglomerat von nationalen Regierungen, die sich dort treffen.

    1. 1. Ich wollte auch keine Böswilligkeit unterstellen, sondern hätte einfach nur erwartet, dass ein solcher Namenstausch irgendwie Erwähnung findet. Ist ja nun geschehen.
      2. Haarspalterisch? Im Text steht, die EU kann sich nicht einigen (übersetzt: die EU ist das Problem) und tatsächlich korrekt ist, dass die Nationalstaaten das Problem sind. Falls Ihnen das nicht auffällt, das ist so ziemlich genau das Gegenteil – eben der kleine, aber feine Unterschied, den ich dachte, nicht noch erläutern zu müssen.
      3. Aufregen? Versuchen Sie doch einfach mal argumentativ meinen Standpunkt zu widerlegen.

      1. „Im Text steht, die EU kann sich nicht einigen (übersetzt: die EU ist das Problem) und tatsächlich korrekt ist, dass die Nationalstaaten das Problem sind. Falls Ihnen das nicht auffällt, das ist so ziemlich genau das Gegenteil – eben der kleine, aber feine Unterschied, den ich dachte, nicht noch erläutern zu müssen.“ – Es ist eben nicht das Gegenteil: „Die EU“ besteht nunmal aus den 28 Mitgliedsstaaten. Deren Regierungen sind im Europäischen Rat (und im Ministerrat) organisiert, und darüber hinaus gibt es das Europäische Parlament und die Europäische Kommission. Diese supranationalen Institutionen alleine als „EU“ zu bezeichnen, ist genauso verkürzt, wie sie wegzulassen. Beides ist aber im allgemeinen Sprachgebrauch verbreitet und damit durchaus zulässig. Aber ja, noch genauer formulieren kann man immer.

  5. “Die EU” besteht nunmal aus den 28 Mitgliedsstaaten.

    Das stimmt. Und das zeigt doch gerade, dass die 28 Mitgliedsstaaten und die EU eben nicht dasselbe sind. Sonst könnte man den Satz ja problemlos rumdrehen in „Die 28 Mitgliedsstaaten bestehen nun mal aus der EU“. Nachdem das aber keinen Sinn ergibt, scheint’s wohl doch nicht dasselbe zu sein.

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