Erlogene Wahrheiten und wahre Lügen. Verschwörungstheoristen und die Realität der Massenmedien

Warum Realität fluider wird, Verschwörungsphantasien ein regressiver Reflex auf moderne Massenmedien sein könnten und kritische Vernunft erkenntnisfördernd wirkt.

Wenn die Welt von Marx für ihn aussah wie eine unglaubliche Ansammlung von Waren – diesen Dingern „voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken“ – wie würde sich Marx dann heute in der Welt zurechtfinden? Das „Informationszeitalter“ hat gelernt, eine ganz eigene Produktionsweise von Waren in Form von Meinungsofferten zu entwickeln, die sich augenscheinlich sehr differenziert hat. Diese Waren werden nicht mehr primär auf ökonomischen Märkten gehandelt, sondern auf hoch frequentierten und hoch frequenten Märkten für Öffentlichkeiten. Meinungen, Neuigkeiten, Nachrichten kursieren als Produkte dieser Märkte und werden bewertet und konsumiert. Auch hier, ganz wie auf den ökonomischen Märkten, herrscht Überfülle: ein riesiges Spektrum an Meinungsbedürfnissen kann/könnte befriedigt werden. Die Medienlandschaft will und muss sich, um das leisten zu können, organisieren – gesellschaftlich und eben nicht persönlich organisieren wie manche „Lügenpresse!“-Schreihälse es sich scheinbar nur vorstellen können. Es gibt keine Leitinstanz, kein Kartell, keine Oberhoheit, das die Medien steuern oder auch nur überblicken könnte. Massenmedien steuern sich selbstreferenziell. Und dies ist eine unglaublich unwahrscheinliche und bewahrenswerte Kostbarkeit.

Das Publikum, oder besser: die Konsumentin wird unter verschiedenen Wirklichkeitskonstruktionen, Weltentwürfen und Banalitäten der Alltäglichkeit auch einige für sich entdecken können, die in die eigene Meinungsbildung und ins eigene Meinungsbild wie selbstverständlich mit einfließen. Wir können wissen wollen, dass die Welt so oder so aussieht. Wir können dies oder jenes meinen und dieses Meinen in den Massenmedien wiederfinden. Oder uns irritieren lassen. Seien es auch noch so ferne Nischen wie Esoterik-Spinnerei, Fußball, Wetter oder die von mir hochgeschätzte Kulturzeit auf 3Sat und das Neo Magazin Royale auf ZDF neo. Wir können uns in, mit, gegen, außerhalb und vermittels dieser Massenmedien gedanklich bewegen und gesellschaftlich zurechtfinden. Dem Publikum wird bei seinen Beobachtungssequenzen innerhalb der Grenzen der jeweiligen Medienlandschafen – oder in der grenzenlosen Landschaft des Internets – eine ständig wachsende Vielfalt an Meinungen angeboten. (Zumindest wächst das Volumen des massenmedial verfügbaren Daten- und Informationsstroms. Man schaue sich nur das Upload-Volumen von YouTube oder die steigende Anzahl an Fernsehkanälen an.) Wir treffen ständig und überall auf massenmedial kommunizierte und damit gesellschaftlich wirksame Meinungen. Darüber könnte man froh sein – ich bin es jedenfalls, weil ich mich eines fast uneingeschränkten Meinungsmarktes bedienen kann. Warum fast uneingeschränkt? Nun, ich könnte sicherlich mehr verstehen, konsumieren und beobachten, wenn ich mehr Sprachen, mehr Zeit und mehr Lust hätte. Aber wer hat und kann das schon?

Es gibt neben den Grenzen massenmedialer Berichterstattung, also Grenzen der Thematisierungs-, Problematisierungs- und Exemplifizierungskapazität massenmedialer Organisationen eben auch ganz individuelle psychisch-kognitive Grenzen, die bewirken, nicht alles wissen zu wollen oder wissen zu können, was gewusst werden könnte. Einmal handelt es sich hier sicherlich um individuelle Leistungsgrenzen – wer kann schon alle Sprachen dieser Welt sprechen? Es handelt sich aber oft auch um ein Nicht-wissen-wollen oder besser: um ein Nicht wahrhaben-wollen. Oft wollen Menschen einfach nicht wissen, was schon erlebt, erlitten und dokumentiert wurde. Die Shoah zum Beispiel. Notorische Leugner dieses massenhaften Menschenmordes wollen wissen, dass dies alles eine Lüge ist – wobei ihre Nichtanerkennung dieser Tatsache oder sogar die Tatsachenleugnung der Shoah die Wahrheit für diese Leute bedeutet.

Wahn

Diese Form des Nicht-wahrhaben-wollens erkennt man in der Rezeption öffentlich-rechtlicher Massenmedien und ihrer Produkte durch bestimmte Segmente des Publikums wieder. Die ausgeprägte Angstphantasie vieler Menschen, Massenmedien würden sie systematisch und bewusst täuschen und belügen, kann vielleicht so erklärt werden, dass die freigesetzten Kommunikationen der öffentlich-rechtlichen Medien nicht als Wissen, Neuigkeit oder Nachricht verarbeitet wird, sondern eben nur als Lügen, Täuschung oder Feindpropaganda in der Anschlusskommunikation von Bedeutung ist. Individuelle und/oder soziale Verarbeitungsschemata nehmen die Tagesschau dann nur noch als Lügenpresse wahr. Die einzige Information, die dann durch diese Zuschauer generiert wird, ist die Information, dass man den Informationen keinen Glauben schenken darf – während andererseits dubiose YouTube-Channels (KenFM etc.) Kommunikationen absondern, die wiederum durch die gleichen Verarbeitungsschemata zur Wahrheit für das „medienkritische“ Publikum gerinnt. Es ist ein furchtbar fruchtbares Wechselspiel von Verschwörungsphobie und Verschwörungsphilie, von Angst und Bestätigung dieser Angst. Es ist natürlich auch individuell sehr entlastend, wenn all die Scheusslichkeiten in den Nachrichten nur Lügen sind und man selbst die Wahrheit oder die Gründe dieser Scheusslichkeiten kennt. Nicht ohne Grund grassieren so viele Verschwörungstheorie911blan über den 11. September 2001: Die Unfassbarkeit dieses Massenmordes und die rational nicht mehr ergründbaren Motive der Täter werden in Verschwörungstheorien sublimiert und die Tat dadurch erklärbar, darstellbar. Ein simples Konstrukt, ein einfaches Erzählschema nimmt im Kopf den Platz für eine zu komplexe Wirklichkeit ein.

Nicht unerwähnt bleiben soll: eine Verschwörung der oder durch die Massenmedien ist völlig unplausibel. Auch die gebetsmühlenartigen, ritualisierten, langweiligen Appelle, Massenmedien sollten endlich an ihrer Objektivität/objektiven Berichterstattung arbeiten – also objektiv und wahrheitsgemäß berichten – sind für mich nur Eingeständnisse einer völligen Verkennung der massenmedialen Produktion von Wirklichkeit und deren Wirksamkeit auf individueller und sozialer Ebene. Von all dem mal abgesehen: Was kann Wahrheit im massenmedialen Kosmos schon sein? Wie Niklas Luhmann in Die Realität der Massenmedien schreibt: „Obwohl Wahrheit und Wahrheitsvermutungen für Nachrichten und Berichte unerläßlich sind, folgen die Medien nicht dem Code wahr/unwahr, sondern selbst in ihrem kognitiven Programmbereichen dem Code Information/Nichtinformation […] Anders als in der Wissenschaft wird die Information nicht derart durchreflektiert, daß auf wahre Weise festgestellt werden muß, daß Unwahrheit ausgeschloßen werden kann, bevor Wahrheit behauptet wird.“

Es ist also gar keine Objektivität im naturwissenschaftlichen Sinn auf dem Bildschirm oder in der Zeitung in Sicht. Und kann auch nicht in Sicht sein, weil immer nur Weltausschnitte präsentiert werden können. Selektive Selektion statt allumfassender Berichterstattung. Komplexität muss reduziert werden, damit diese Komplexität überhaupt irgendwie darstellbar wird. Wahrheit findet man in der analytischen Topologie, in der Mathematik und auch in der Formelsammlung: a²+b²=c². Dies ist wahr. Journalistische Wahrheit ist dagegen und kann immer nur subjektive Wahrheit sein und gerade deswegen gibt es ja diese angenehme Meinungsvielfalt: War der kriegerische Akt der Krimannexion nun berechtigt oder unberechtigt, nicht von Interesse, ein Alarmsignal oder ein „à l’arme“-Signal? Darüber kann gestritten werden.  Novaya Gazeta und Russia Today beobachten dies wahrscheinlich anders als der WDR oder ukrainische Medien. Wer aber davon ausgeht, es gäbe nur eine Wahrheit als notwendig wahre Sichtweise auf bestimmte Phänomene, der irrt in jedem Fall und kann den eigenen Irrtum nur nicht beobachten. Ein selbstreferenzieller Dogmatismus als entfaltete Tautologie ohne die Möglichkeit, sich selbst zu irritieren oder sich irritieren zu lassen.

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Sierpinski-Dreieck

Apropos tautologischer Dogmatismus. Für Ken Jebsen waren die Anschläge in Paris inszeniert – sowohl die im Januar als auch die im November. Wie überhaupt alle terroristischen Angriffe durch radikalisierte Klerikalfaschisten in New York über Paris bis Mumbai. Alles inszeniert. Der selbsternannte Islamische Staat? Ein Mittel der U.S.- amerikanischen Außenpolitik. Wer was anderes als seine Wahrheit behauptet, der gehört nach Jebsen schon zur Lügenpresse. Die Angriffe der Hamas auf Israel dagegen sind nicht inszeniert – sondern berechtigt. Für mich sind diese läppischen jebschen „Wahrheiten“ ausgemachter Blödsinn.

So gehen selbsternannten Reporter, Infokrieger und andere Erleuchtete konsequent ihrer Wahrheit nach: „Medien sollen die Wahrheit berichten!“ So brüllen es Ken Jebsen, Andreas Popp, Jürgen Elsässer, aber auch Götz Kubitschek und Björn Höcke. So brüllen es dann die Pegida, die Montagsmahnwachen und die AfD nach. Was aber ist ihre Wahrheit? Jürgen Elsässers antisemitisches und rassistisches Verschwörungsblättchen Compact liefert diesen Knalltüten eine passende Wahrheit; also eine Wahrheit, die ihrem Weltbild entspricht. Nicht umsonst ist „Mut zur Wahrheit“ das Label, unter denen diese geistigen Brandstifter ihre Nicht-mal-Halb-Wahrheiten verkaufen. Zum Beispiel in Artikeln mit Titeln wie: „Genetische Kriegsführung: Rassenvernichtungswaffen“, „Wir schaffen das – Die mandschurische Kanzlerin“ oder „Die Asylparty ist vorbei: Die offene Fleischwunde, wegen der man erschrickt. Solche Wahrheiten sind kollektive/redaktionelle Wahnsysteme.

Trotz aller individuellen und kollektiven Paranoia: Die Presse ist frei und es gibt keine staatliche Zensur. Hört man aber Verschwörungstheoretikern wie Elsässer und Jebsen zu, sind die Massenmedien schon längst gleichgeschaltet und verhindern die Publizität ihrer „Wahrheiten“. Dabei vergessen sie wohl, dass sie selbst Teil der Massenmedien sind. Jebsen halluziniert von einer organisierten Lügen-Mechanik der Massenmedien, von Nato-Journalisten und systematischer Gehirnwäsche, die die Zuschauer auf Kriegskurs bringen soll. Natürlich kann ich ihm seinen ganz persönlichen Wahn nicht nehmen – ich bin kein Psychologe. Er hat seine eigene paranoide Wirklichkeitskonstruktion – seine Wahrheit. Die kann er nur selber modifizieren. Aber auch wenn Wahrheit in vielerlei Weise relativ ist: Es gibt keine massenmediale „Gleichschaltung“ in der bundesdeutschen Medienlandschaft durch „die Anderen“ – schon aus rein logistischen und organisatorischen Gründen. Im Deutschland der Jahre 1933–45 gab es ein politisches System, das die Medienlandschaft massiv beeinflusste, ja steuerte. Auch damit wurde der grausame, nationalsozialistische deutsche „Bildungsauftrag“ verbreitet. Der Film Jud Süß wurde vom NS-Staat finanziert. Paranoia, Lügen und Menschenverachtung waren die Themenblöcke der NS-Wochenschau. Und die Deutschen vor den Volksempfängern? Die meisten, wie man sehen konnte, machten die Wahrheit der NSDAP zu ihrer Wahrheit. Oder hörten einen sogenannten „Feindsender“, was mit dem Tod bestraft wurde: Rundfunkgebührenquittung__S_2

Wer sagt, das heutige (bundesdeutsche/europäische/globale) massenmediale System sei gleichgeschaltet, verkennt die realisierte Komplexität moderner sozialer Systeme und hat eine naive Vorstellung davon, wie die heutigen massenmedialen Organisationen Wirklichkeit(en) und Weltkonstruktionen produzieren. Wer glaubt, „die [bitte einfügen]“ kontrollieren die Medien, ist schlicht naiv. In keinster Weise kann die strukturierte Mannigfaltigkeit der organisierten massenmedialen Meinungsproduktion als koordiniert oder gar gesteuert beschrieben werden. Schon das Wort Mainstream grenzt an extreme Simplifizierung. Und nicht zuletzt: wer sagt, die Medien sind gleichgeschaltet, verkennt in ungeheurem Ausmaß die Menschenvernichtungsmaschinerie der Deutschen im Zweiten Weltkrieg und die perfide Systematik ihrer gleichgeschalteten Medien, die dazu beitrugen, die nationalsozialistische „Politik“ zu realisieren. Die staatlich organisierte mediale Gleichschaltung, die für dieses Verbrechen mitverantwortlich ist, ist in dieser Funktionalität, das heißt mit einem inhärenten Todeskalkül, nirgends anders auszumachen. Wer im Umkehrschluss meint, die Medienlandschaft sei heute schlimmer als im NS, vergleicht zwei historische Zeiträume, die unvergleichbar sind; auf jeden Fall geht der Vergleich schief, da das historisch-kontextualisierte massenmediale Sozialstem des NS völlig anders als das des heutigen massenmedialen (Welt-)Sozialsytems funktioniert: Sie folgen verschiedenen Prämissen und operationalisieren völlig verschiedene Systemlogiken. Außerdem: Solche Gleichschaltung ist im digitalen Zeitalter, schlicht und einfach, nicht mehr zu realisieren. (Hoffentlich.)erdogan-meme-diy

Deswegen mutet es seltsam an, wenn Menschen massenmedial verkünden, dass die Massenmedien lügen. Das erinnert mich an altgriechische Sprachspiele. Sokrates sagt, alle Griechen lügen immer: Dann lügt Sokrates, weil er ja ein Grieche ist. Aber wenn er lügt, ist seine Aussage falsch. Dann sagt Sokrates also die Unwahrheit. Wahr ist dann: Alle Griechen sagen immer die Wahrheit – aber wenn alle Griechen immer die Wahrheit sagen, muss Sokrates auch die Wahrheit sagen: Also lügt Sokrates. Aber wenn er lügt, dann… endet alles in einem infiniten Regress, weil die Paradoxie nicht aufgelöst werden kann. Ein sehr paradoxes philosophisches Tauziehen, das sich die „Lügenpresse!“-Brüllenden der Pegida, der Mahnwachen oder anderer Gruselphänomene gar nicht erst stellen. „Die Medien berichten nie über uns“ – sagt ein Anhänger der Pegida in die Fernsehkamera. „Die berichten immer nur negativ über uns“ – gibt es denn was Positives zu berichten? Angstinduzierende Organisationen wie Pegida haben und produzieren nicht nur panische Angst vor einer multikulturellen Gesellschaft, sondern auch vor einer multipolaren Presselandschaft. Das korreliert meiner Meinung nach mit dem Vorhandensein einer ausgeprägten Putinaffinität. Im gelobten Land der Pegidioten – Russland – gibt es scheinbar immer noch das, was diese so sehnlichst vermissen: ein „Volk“, eine „Nation“, eine Meinung. Als „Volksschädlinge“ werden Medienvertreter_innen, Politiker_innen oder Antifaschist_innen bezeichnet. Als Zersetzer. Als Nestbeschmutzer.

Und Heiko Maas, der bundesdeutsche Justizminister? Nach Meinung der Pegida ein „Volksschädling“. Ihre Begründung: Maas äußerte sich als Privatperson im massenmedialen Diskurs und zeigte seinen verständlichen Unmut gegenüber der rassistischen Bewegung Pegida. Das ist für Bachmann – den Vorzeigefutzi der Pegida – Grund genug, ihn als schlimmsten Hetzer seit Goebbels zu betiteln. Zum Mitschreiben: Der faschistoide Führer der Pegidioten, mit Vorliebe zur Hitlerimitation, bezeichnet einen sozialdemokratischen Justizminister als Nazi, weil dieser die rechtsextremistische und verfassungsfeindliche Haltung der Pegida verurteilt. Seltsame Wirklichkeiten, die manch einer als wahr annimmt. Wie hier, ab Minute 2:10, in ähnlicher Weise Björn Höcke (AfD) ab  Minute 2:10.

Man könnte sehen – auch wenn Pegida, AfD und andere Verschwörungsphantasten immer wieder von angeblicher Zensur oder gar Gleichschaltung halluzinieren – immer geht es ihnen um eine günstige(re) Berichterstattung. Pegida zum Beispiel kann nicht akzeptieren oder einsehen, was sie nicht sehen kann oder einsehen will, nämlich, dass sie explitzit eine rassistische, rechtsextremistische beziehungsweise rechtspopulistische Politik verfolgt. Wirft man ihr vor, sie sei eine rassistische Bewegung – dies wird mehrheitlich vom wissenschaftlichen, politischen und massenmedialen Diskurs gestützt – dann ist das natürlich eine Lügenkampagne, eine Verschwörung. Man stelle sich vor, die Pegida würde an die Macht kommen. Die Pressefreiheit wäre im Nu passé, weil es nur noch ihre Wahrheit oder von ihrer Weltsicht abgeleitete Meinungen geben dürfte. Denn alles andere wären Lügen. Das wäre dann allerdings genau die Gleichschaltung, gegen die diese Menschen angeblich rebellieren – indem sie Pranger und Galgen hochhalten, während sie „Lügenpresse!“ brüllen. Im Selbstverständnis der Pegida muss man den Massenmedien misstrauen, weil diese „gesteuert“ sind. Von wem oder was, nach welchem Muster oder welcher Struktur? Darüber ließe sich streiten. Politiker, Eliten, Banken, Juden, Illuminaten, Geheimbünde, Geheimdienste, geheime Organisationen, Geheim-[bitte Inhalt hier eingeben], NATO, EU, BRD-GmbH… der Papst, Präsident Obama oder mein verstorbener Wellensittich?

Pegida-Lügenpresse
Welche Vielfalt wird hier gefordert, wenn gleichzeitig Journalisten und Journalistinnen angegriffen werden und „Lügenpresse  halt die Fresse“ skandiert wird?

Wer die Medien kontrolliert, darüber kann man streiten. Dass sie kontrolliert werden, darüber besteht eiserner Konsens. Auf jeden Fall, so steht für die Pegida fest, auf jeden Fall werden „die Medien“ gegen „das Volk“ benutzt. Dabei kommt die „wutbürgerliche“ Angst vor anderen Weltverständnissen aus einem antipluralistischen Bauchgefühl: „Die“ berichten anders, als „wir“ beobachten, also müssen „sie“ lügen. Pegida kann nicht ertragen, dass man auch anders als sie beobachten kann. Menschen wie Pegida-Teilnehmer_innen leben oft in der Vorstellung, es gäbe noch eine zentralisierte Meinungsproduktion, obwohl dieser  „Informationsfeudalismus“ schon längst obsolet ist. Dies fiel auch Hagen Rether auf, als er in einem anderen Kontext darauf aufmerksam machte, dass der politische Stammtisch oft noch im Feudalismus zu leben scheint (ab 24:23) und massenmedial induzierte Meinungsproduktion mehr denn je individualisiert ist (ab 26:30).

Der feudale Stammtisch aber kann die Welt nur eindimensional und personalisiert beobachten. Innerhalb dieses Weltverständnisses kann es nur eine Meinung geben. Einen Konsens, eine Sichtweise, ein Sinnhorizont. Sonst wird es dem Deutschen, besonders der Pegida, unheimlich. Häresie! Die Medien berichten nicht die „Wahrheit über die Ukraine“: also nicht das, was russische Staatsmedien verlautbaren. „Sie“ berichten nicht so, wie „wir“ denken. Häresie! Häresie! Lügenpresse! Zum Glück ist dieses Weltbild größtenteils nun schon seit längerem nicht mehr gesamtgesellschaftlich plausibel. Die Zeiten der Simplifizierungen sind „rum“ (Hagen Rether) – sollten es zumindest sein.

Mir scheint, dass diese Angsthaber und Wahnmacher einfach noch nicht die Vorteile einer differenzierten, multiperspektivischen und pluralistischen Medienlandschaft verstanden haben oder dieses Faktum erst gar nicht zu würdigen wissen oder verstehen wollen – oder sie haben das verfestigte Bild im Kopf, die Presse sei per se „Lügenpresse“. Hermetisch abgeriegelt. Monolithische Struktur. CIA. Mossad. Illuminaten und Reptiloiden. Angst und Panik sind Alltag bei der Pegida. Und ständig ist das „Abendland“ bedroht, was auch immer dieses Konstrukt bezeichnen soll. Pegida will sich gerne in den Medien so beobachtet wissen, wie sie sich auch selbst beobachtet – als einzig wahre Volksvertretung, also als „das Volk“. Deswegen der Slogan „Wir sind das Volk“. Bei Pegida ist dieser Slogan noch stärker mit völkischen Gedanken verwoben als 1989 in der DDR. Dieser Slogan „meint nun nicht mehr bloß, dass sich die Regierenden gefälligst um die Sorgen der Regierten zu kümmern haben. Sondern es steckt etwas darin, das 1989 keinem in den Sinn gekommen wäre: Wir sind das Volk – und die anderen sind es nicht. Die nämlich, die eine andere Hautfarbe haben; die eine andere Sprache sprechen; die an einen anderen Gott glauben. Sie gehören nicht zu diesem Volkskörper, sie sind diesem Körper fremd. Das Wort „Volk“ ist auf einmal völkisch geworden. Die Wörter sind dieselben, aber die Sprache ist eine ganz andere. Natürlich kann die (Selbst-)Beobachtung der Pegida durch Pegida nicht die Beobachtung der Beobachtungen der Pegida durch andere sein oder diesen entsprechen. Dies kann und will die Mehrheit der Druck-, Funk- und Fernsehpresse auch gar nicht leisten. Zum Glück. Und überhaupt: punktgenaue Beobachtungsidentität ist eine Fata Morgana. Selbstverständlich beobachten massenmediale Organisationen auf ihre eigenen, selbstreferentiellen Weisen und mit Hilfe ihrer eigenen, selbstproduzierten Operationsmodi. Wir können in den Massenmedien beobachten, wie Pegida die Beobachtung der Beobachtung ihrer eigenen beobachteten Beobachtungen durch Beobachtungen der Massenmedien beobachtet; und wie dabei Beobachtungen über die Beobachtungen durch die Beobachtungen der massenmedialen Beobachtungen beobachtet werden… ähm… und andersherum… und so weiter. Fast schon klassisch gewordener Konstruktivismus. Es gibt verschiedene Sichtweisen. Punkt. Polyeder

Die vernünftige Einsicht, dass – welch Wunder – auch andere Meinungen existieren können, müsste auf der Hand liegen. Aber leider scheint dies noch nicht bei allen Menschen in Deutschland angekommen zu sein. Dabei wäre dies für eine Demokratie eine hilfreiche Sinnstütze: andere Meinungen, solange sie kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind wie faschistoide Totalitarismen, zu akzeptieren, sollte Teil eines demokratischen common sense sein. Daran scheitern schon die „Wutbürgerbewegung Pegida“ und erst recht eingefleischte Verschwörungsphantasten. Dabei sollte sich die Pegida durchaus mal beim Wort nehmen: Nicht nur die Medien, sondern auch die Wissenschaft bescheinigt Pegidaanhänger_innen regelmäßig ein rassitisches, antisemitisches, homophobes, nationalistisches und faschistoides Weltbild. Eine Weltkonstruktion, die für mich überhaupt nicht plausibel ist, aber für die Pegida ein Schema zu sein scheint, mit dem sie ihre eigene Wahrheit (re-)produzieren kann. Geflüchtete sind Kulturzersetzer. Homosexuelle sind krank. Der Islam ist eine Gefahr. Volk? Geil! Putin? Richtig geil. Volksentscheide auf Bundesebene und „Abschaffung der Zinsknechtschaft“? Oberaffengeil. Gabriel und Merkel? Die gehören nach Meinung der Pegidioten wahlweise gehängt oder geköpft.

Pegida-Antiamerikanismus,Antisemitismus,Völkischer Nationalimsus

Die meisten massenmedialen Organisationen geben sich selbst einen moralischen/ethischen Index: Faschismus ist keine Meinung, die wir unterstützen, sondern ein Verbrechen, das sich nicht wiederholen sollte. Pegida hat auch einen Index: Faschismus ist semantisch, also sprachlich keine öffentlich beziehbare politische Position – Volksgemeinschaft findet man aber eigentlich ganz gut. Man sei kein Nationalist, sondern nur Patriot; kein Rassist, sondern identitär. Man respektiert das Grundgesetz, aber will den Islam verbieten. Man sei demokratisch, aber könne sich auch vorstellen, die Parteien abzuschaffen.

Die „bürgerlichen Wutbürger“, die rassistischen Hetzer und antisemitischen Wahnmacher und Montagswichtel, die hässliche Querfront von Pegida über Elsässer zu Ken Jebsen, Andreas Popp und AfD sind isoliert betrachtet schon ein ekliger Haufen. Wir verlachen und warnen zu Recht vor diesen ganzen Spinnern, tun aber gleichzeitig so, als wären sie ein randständiges Phänomen. Ich glaube, damit wird man ihnen nicht gerecht. Auch in Hinblick auf Anschlussmöglichkeiten für dummdreiste Pseudoantikapitalisten. Ganz im Gegenteil zu der Bezeichnung Randphänomen kommt es mir so vor als wird diese nationalbolschewistisch-faschistische Querfront langsam zu einem Diskurs-Kessel, aus dem man ausbrechen sollte, um ihn von außen zu betrachten. Dann könnte man sehen, dass dieser Kessel leider weit mehr Strahlkraft hat, als wir ihm zutrauen. Vielleicht greift diese Querfront nicht nach der „bürgerlichen Mitte“, sondern kommt direkt aus dieser, war und ist sinnhaft mit dieser gekoppelt. Und dann müsste man sich fragen, wo das Problem liegt; warum die Mitte zum Beispiel rassistische oder antisemitische Ideologeme aufsaugt wie ein Schwamm das Schmutzwasser – und dabei Verschwörungsphantasien en masse produziert. Klingt man unglaubwürdig, wenn man meint, dass paranoide Elsässerianer und Jebsens in der „bürgerlichen Mitte“ genau so anzutreffen sind wie Gsellianer, Antisemiten oder Esoteriker? Ich denke nicht.  Eine entsprechende Studie zeigt dies. 

Um auf das Ausgangsthema zurückzukommen: „Realität ist […] nicht […] konsenspflichtig“ (Luhmann, Die Realität der Massenmedien). Das ist auch gut so. Massenmedien sind universelle Wirklichkeiten- und Wahrheitenproduzierende – diese können individuell konsumiert, selektiert und anschlussfähig sein. Oder eben nicht. Konsumieren wir massenmediale Produkte, dann können wir die Aussagen wahrnehmen und auch als wahr annehmen, als wahr beobachten. Wir können die Fokussierung auf bestimmte Wissensregionen nachvollziehen. Oder eben nicht. Eine Wahrheit gibt es im massenmedialen System nicht. Diese dient, wenn sie überhaupt operationalisiert wird, nur als Label, um Aufmerksamkeit zu generieren und massenmediale Produkte besser auf dem Markt für Öffentlichkeiten zu positionieren. Es fällt auf, dass gerade Verschwörungsphantasten und autoritäre Regime sich die Wahrheit auf die Fahne geschrieben haben, obwohl diese, meiner Meinung nach, die unplausibelsten Wahrheiten anbieten und diese am wirksamsten durch den Kakao ziehen. Man sollte die Meinungsvielfalt gerade gegen Pegida, Wahnwichtel und anderen Schwachmaten in Stellung bringen und damit – Angriff ist die beste Verteidigung – die Meinungsvielfalt verteidigen, anstatt zu denken, ihre eindimensionale Meinung müsste vor der Meinungsvielfalt geschützt werden. Aber auch wenn Realität nicht konsenspflichtig und Wahrheit nur beobachterabhängig ist – auf kritische, selbstreflexive Vernunft sollte nicht verzichtet werden. Das scheint leider nicht selbstverständlich zu sein (besonders 1:55).


Bilder: 9/11-„Truther“: Damon D’Amato via Wikimedia Commons (CC-BY-2.0); Sierpinski-Dreieck: Georg-Johann Lay via Wikimedia Commons (gemeinfrei); Rundfunkverbrecher via Wikimedia Commons (gemeinfrei); Erdogan: Polnischer Senat via Wikimedia Commons (CC-BY-SA-3.0-PL); Polyeder: Peter Steinberg via Wikimedia Commons  (CC-BY-SA-3.0);  Pegida: Metropolico.org via Flickr (CC-BY-SA-2.0)

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