Smells Like German Spirit. Again.

Volksgemeinschaft – diesen Gestank kann die AfD nicht verbergen. Er strömt ihr aus allen Poren. Sie kann sich drehen und winden, sie bekommt ihn nicht los. Warum? Weil der Gestank ihr Markenkern, ihre Identität und ihr Fetisch ist.

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Republikanische Automaten. George Grosz. 1920.

Die AfD zu skandalisieren ist heute keine Kunst mehr, sondern gehört als Teil der Kulturindustrie zum alltäglichen Geschäft. Die AfD produziert so viel Hetze, dass es zwar Mühe macht, eine gute Story über ihre Menschenfeindlichkeit zu schreiben – sie im Detail zu finden, ist dagegen nicht schwer, weil die AfD die plurale, freiheitliche und rechtsstaatliche Demokratie jeden Tag beleidigt. Und da bad news kulturindustriell gewendet zu good news werden, ist die AfD ein Themengebiet indem Journalistinnen sich die Finger wund schreiben. Das Problem: die AfD ist mittlerweile so aktiv geworden, man kommt einfach nicht mehr hinterher. Internet, Fernsehen, auf Straßen und in Parlamenten. Überall werden abenteuerlichste menschenfeindliche Phrasen und Praktiken propagiert. Überall menschenverachtender weltanschaulicher Mief, der, schaut man in die Geschichte der Weltgesellschaft, schon immer irgendwie bestialisch gestunken hat, weil er bestialisch ist. Durch die serienmäßige Produktion dieses Gestanks, wird der Geruch zum Alltag und oft genug geht die stinkende Aura der AfD-Propaganda im Alltäglichen unter. Und das ist das größere Problem. Die Normalität.

Einige Fetischismen der AfD

Denn Menschen gewöhnen sich an viel. Eben auch an den Gestank der Vergangenheit, der besonders dank AfD gegenwärtig wieder überall in der Luft liegt. Zu wenige Menschen wollen die Hütte Deutschland ab und zu richtig gut durchlüften. Die denkfaulen AfDler dagegen wollen einfach nicht das Fenster aufmachen. Macht man sie darauf aufmerksam, dass es bei ihnen grausam nach alten Socken und Hitler stinkt, raunen sie zurück: „Volksverräter, Lügenpresse“, und bestätigen damit eigentlich den Verdacht, dass ihr Geruchsempfinden gestört ist. Denn es stinkt tatsächlich. Doch diese fanatischen Geruchsfetischisten lieben diesen Gestank, wollen ihn festhalten und noch intensivieren, indem die Schotten dicht gemacht werden. Die AfD ist eine Vereinigung solcher Geruchsfetischisten, die Objekte ihrer Olfaktophilie sind nicht getragene Slips, Knoblauch oder Fußschweiß, sondern die wirklich ekligen Geruchsquellen Nation, Staat, Volk und Warenwirtschaft. Davon kann die AfD die Nase gar nicht voll genug bekommen, egal ob andere sich davon belästigt, bedroht oder genervt fühlen. Die Fixierung auf Nation, Staat, Volk und Warenwirtschaft unterscheidet sie zwar nicht von anderen Parteien. Aber ihr Fetischismus ist besonders irritationsfest, radikal und herrisch – und so sind auch ihre subjektiven Träger, die Funktionseliten der AfD bis zum pöbelnden und AfD-Fahnen schwenkenden Anti-Merkel-Mob, ein irritationsresistenter und herrischer Haufen.

Gaulands Gespür für germanischen Gestank

Die AfD verbreitet überall und permanent den Dunst der Vergangenheit. Ich persönlich verliere den Überblick, wo und wer in der AfD schon wieder welchen Scheiß verzapft. Als ich die kruden Ausführungen zwecks Feindaufklärung von Alexander Gauland auf Youtube anhörte, fiel mir nicht mal mehr auf, dass er damit den nächsten medialen Skandal provozierte. Beim Kyffhäuser-Bund-Treffen äußerte Gauland seinen Willen, „unsere Vergangenheit zurückzuholen“ und setzte zur Tat an. Er sniffte sich die ganz große konstruierte Kausalität durchs Nasenloch: Was Gauland erschnuppert, hätte einen geschichtlichen Vorlauf mindestens bis Friedrich II (1194) und ging über Luther und Lessing (Hä?) zu Goethe und wurde mit Bismarcks Werk vollendet.

Bundesarchiv, B 145 Bild-P046302 / Weinrother, Carl / CC-BY-SA 3.0.

Klingt nach Guido Knopp. Gauland: „Ohne Goethe-Zeit wäre die Bismarck-Zeit unmöglich gewesen.“ Aber was zur Hölle reifte, ja modderte da im Keller der Weltgeschichte vor sich hin, fing mit Bismarck so richtig an zu stinken und zieht germanische Geruchsfetischisten seit Generationen in seinem Bann? Gauland wird bedächtig: „Es war die Dominanz deutscher Kultur und deutscher Sprache in Europa.“ Es wird geklatscht und tief eingeatmet, so etwas hört und riecht man nicht alle Tage. Die Fürze der Ahnen wabern durch den Raum. Verzückung. Doch dann kommt Unmut auf.

Verfassungsfeindlich bis ins Nasenbein

Gauland kommt auf die Bundesintegrationsminiserin Aydan Özgur zu sprechen, dem Schreckgespenst für alle deutschtümmelnden Nationalisten. Sie will „Deutsch“ ausmisten, bisschen durchlüften. Frische Luft, ein bisschen Parfum. Gute Idee. Aber nein! Die Stimmung verfinstert sich beim Kyffhäuser-Bund-Treffen. Ein monotoner Chor, mehr Marschmusik denn Mantra, skandiert: „Abschieben! Abschieben! Abschieben!“ Schon vor dem Kyffhäuser-Bund-Treffen meinte Gauland: „Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“ Özgur ist 1967 in Hamburg geboren und Bundesministerin. Die Forderung nach Abschiebung bedeutet Ausbürgerung, Ausbürgerung ist verfassungswidrig. Wer das fordert, ist per Definition verfassungsfeindlich. Die Forderung erinnert an einen späten 30iger, Château Nürnberg, übel riechend. Der Mief der Geschichte, das „Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit“ liegt in der Luft. Zufällig genau dann, als Gauland den Mund aufmachte. Seltsam. Gedeon Botsch, Geschichtswissenschaftler an der Universität Potsdam meint zum Gauland-Geruch: „Dies ist genau der Tonfall und Humor, dessen sich die SA bedient hat.“ Und die Anwesenden brüllen vielleicht deswegen so begeistert „Abschiebung“, weil genau dieser Tonfall und dieser Humor sie im Innersten lustvoll berührt. Ähnlich wie ein Geruchsfetischist, der Gefallen an toten Ratten findet, und den Geruch verwesender Nagetiere in der Nase hat. Und während die AfD möglicherweise drittstärkste Kraft im bundesrepublikanischen Parlament wird, hört man auf den Straßen von ihren Anhängern: “Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen.“

Stützen der Gesellschaft. George Grosz. 1926.

Wehrmacht – Identität und Stolz ihrer Nation

Aber Alexander der Große Gauland war ja auf dem Kyffhäuser-Bund-Treffen noch gar nicht fertig, die Vergangenheit zurück zu holen. Wenn Briten auf Churchill stolz sein könnten, schießt es aus ihm heraus, so „haben wir das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Der Stolz von Stalingrad und der Normandie – Wehrmachtsoldaten? Wie bitte? Was für andere Winston Churchill, Andrei Jerjomenko oder General Eisenhower ist, ist für Gauland Erwin Rommel. „Zu unserer historischen Tradition gehören Stauffenberg und Rommel“, meint Gauland. Das passt zur AfD. Beide Nationalisten, Antidemokraten, die eine parlamentarische Republik ablehnten. Darüber hinaus hatten sie ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum Nationalsozialismus. Stauffenberg schrieb nach dem Überfall auf Polen seiner Frau: „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. In Deutschland sind sie sicher gut zu gebrauchen, arbeitsam, willig und genügsam.“

The German  ‚Authority‘ in Poland. Arthur Szyk. 1939. CC BY-SA 4.0.

Erwin Rommel schrieb 1944 ebenfalls seiner Frau, denn ihn hatte „das Attentat auf den Führer besonders stark erschüttert. Man kann Gott danken, dass es so gut abgegangen ist.“ Leute, auf die man stolz sein kann? Zur Tradition gehören? Gauland meint weiter, der „Sozialdemokrat in Wehrmachtsuniform gehört zu uns.“ Gemeint ist Helmut Schmidt und die Betonung liegt auf Wehrmachtsuniform. Er sei doch ein „patriotischer Deutscher gewesen.“ Die Betonung liegt auf gewesen. Und wer sein Bild aus einer Kaserne entfernen will, bekommt es mit Gauland zu tun. „Wer Geschichte säubert, zerstört unsere Identität.“ Säubern und das stinkende Zimmer mal kräftig durchlüften und entrümpeln? Das macht Gauland wütend. Man wird doch wohl noch stolz sein dürfen auf die Wehrmacht und sich am Geruch des Landser-Heftchen aufgeilen können, oder? Gauland meint: „Wir lassen uns unsere Identität nicht zerstören.“ Er so wie seine Fans wollen sich den schlechten Geschmack und die schlechten Gerüche einfach nicht nehmen lassen, denn das ist ihre Identität. Endgültig lag der deutsche Mief in der Luft. Die AfD-Kyffhäuser-Clique war begeistert. Der Skandal war wieder einmal sicher.

Identitäre Angstfürze und ihre Rezeption

Die Skandalisierung dieser Rede fokussierte auf einen Punkt: Gauland sagte unumwunden dass man auf Wehrmachtssoldaten stolz sein könne. Das wurde zurecht groß aufgemacht. Die Details der Rede, die offenen und versteckten Angriffe auf Demokratie und liberale Freiheiten, die gefährliche Deutschtümelei – alles Details, die in dieser Form der Skandalisierung aber untergingen. In weniger als 20 Minuten Redezeit bewies Gauland seine Verfassungsfeindlichkeit. Skandalisiert wurde aber nur eine Minute. Der Journalismus ging ans Werk. Die Skandalproduktion der AfD lief wie am Fließband. Die Wehrmacht marschierte in die deutschen Medien ein. Das ist nicht nur polit-strategisch von den PR-Beratern der Partei lanciert, sondern fußt auch inhaltlich auf einem skandalösen Parteiprogramm. Dort wird die „Deutsche Leitkultur“ mit den Traditionen Gaulands hochgehalten. Alle anderen „Kulturen“ werden verteufelt, denn sie gefährden die heilige Identität.

Gleich und Gleich gesellt sich gern: Banner der Identitären Bewegung auf einer Demonstration der Alternative für Deutschland (AfD) in Geretsried (2016). Hier gefunden, CC BY-SA 2.0

Gegen Apostasie innerhalb der Gemeinde des germanischen Gestanks soll gekämpft, der Abfall vom großen Fetisch „Deutschland“ verhindert werden. „Multi-Kultur“ ist Nicht-Kultur“, mufft es auf der AfD-Homepage, „Sie löst die Gemeinschaft auf.“ Das will der Parteisoldat Bernd Höcke, von Gauland immer wieder gelobt und als „Nationalromantiker“ bezeichnet während dieser eine „geschichtspolitische Wende um 180 Grad“ forderte, verhindern. Angst davor haben auch die immer wieder durch die mediale Manege getriebenen Funktionäre Weidel, Bystron, Meuthen, Renner, Storch. Alle haben Angst vor dem, was Höcke als „kulturelle Kernschmelze“ bezeichnete.

(Höcke hat dieses Sprachbild schon mal benutzt. So wie auch Autoren in dem NPD-Blatt „Eichsfelder Stimme“: Interessant!)

Deutsche Ideologie: Fetischisierung der Zwangsgemeinschaft

Ständig und überall rattert die Propaganda des stinkenden, „gärigen Haufens“, wie Gauland die AfD bezeichnete. Man verliert den Überblick. Die Skandalproduktion wird normal, Alltag. Und das ist der eigentliche Skandal: Der Alltag wird skandalös. Das wurde mir klar, als ich auf Albrecht Glaser Hompage war. Ich schaute dort auf ein Wandbild, auf eine alt-römische oder alt-griechische Stadt. An einem Berghain gelegen. Super mediterran. Es roch nach Sklaverei. Nach Oliven. Wein. Et Cetera. Diese Szenerie auf der Internetseite des AfD-Spitzenfunktionär Glaser dient sicher dazu, einen guten, sanftmütigen, Eindruck zu machen. Blauer Himmel. Berge. Bäume. Ein Fluss. Dran gelegen: eine Gemeinschaft. Eine schützende Stadtmauer. Kultstätten. Ein wuchtiger Tempel. Vielleicht ein Thinghaus? Dann wechselte das Bild und man sieht Albrecht Glaser auf einer AfD-Veranstaltung. Wütend. Herrisch. Irritationsfest. Seine Hand durch´s wilde Gestikulieren verwischt. Scheint, er haue immer wieder auf sein Rednerpult. Ich habe den gleichen Mief in der Nase wie bei Höcke und Gauland. Neben Glasers Bild ein Zitat: „Ein europäischer Mega-Staat mit 500 Millionen Einwohnern ist die Phantasmagorie von Größenwahnsinnigen!“ Da stöhnt die deutsche Kleinbürgerseele und stößt Wolken an Stressfürzen aus. Dann wechselt das Bild wieder zurück zum antiken Wolkenkuckucksheim. Idylle. Gemeinschaft. Überschaubarkeit. Dann wieder: „Mega-Staat, 500 Millionen, größenwahnsinnig.“ Dann wieder Idylle. Dann wieder der irritationsfeste Blick von Glaser. Diese beiden Eindrücke oszillieren. Ein Hin und ein Her, Gut und Böse, Gemeinschaft und Gesellschaft. Das Changieren zwischen beiden Bildern passt perfekt zur Dualität, die Bernd Höcke vor Kurzem am Erfurter Bahnhof an die Wand malte. Dort verteidigte er die Lehre des „Aufklärers Sarrazin, dem wir viel zu verdanken haben“ und verfluchte die Idee einer Weltgesellschaft mitsamt ihren „knallharten One-World-Ideologen und Multikulturalisten.“ Das alles macht ihm riech- und hörbar Angst. Es gäbe, so paraphrasiert Höcke seinen Heiland Sarrazin, eine Agenda für die „Auflösung des Nationalstaates“ und genau dies sei, so Höcke, wohl auch die politische Zielsetzung von der „Ex-SED bis zur vermerkelten Union.“ Der Angstschweiß der AfDler verströmt wieder den Gestank der Vergangenheit. Wie beim Kyffhäusertreffen. Höcke warnt vor einem ominösen „Sie“, den „2%“: eine „geschloßene, kleine, politische, transatlantische Elite“, zu der auch, natürlich, Merkel und Schulz gehörten. Sie betrieben Politik für die „Globalisierungsgewinnler“, hätten keinen Sinn für die „deutschen Arbeiter, die deutschen Arbeitnehmer, die deutschen Mittelständler.“ Die Gemeinschaft der Deutschen in Gefahr durch eine nationalstaatsauflösende und die warentauschenden Bürgerinnen betrügende, kleine und verschworene Clique? Kommt einem bekannt vor, oder? Auch hier erscheint das gleiche Motiv, das bei Glasers Wallpaper beschriebene Oszillieren: Gemeinschaft gegen Weltgesellschaft, „Wir“ und „Sie“ – die Dorfgemeinschaft als idyllischer Hort der angstvollen Ahnenfürze und hinterm Berg der frische Wind der Freiheit. Deutsche Ideologie versus Weltgesellschaft. Bernd und Albrecht, Brüder im AfD-Geiste. Doch gehen wir tiefer ins Detail, um die skandalöse und stinkende Alltäglichkeit der AfD auszuloten.

L’esprit du germanisme

Am idyllischen Wallpaper Albrecht Glasers fällt nach einer Weile auf, dass vor dem beschriebenen greco-germanischen Wandbild drei gestapelte Bücher, zwei Hefte und eine Brille auf einem Birkenstamm liegen. Dies soll wahrscheinlich die Gelehrsamkeit und Kulturaffinität von Glaser unterstreichen. Dieses Arrangement von Objekten, oberflächlich betrachtet, unterstreicht den Esprit des atavistischen Urgestein Glasers mit der AfD-Mitgliedsnummer 30. Jemand, der für die AfD als Bundespräsident antrat muss doch Esprit haben. Aber welchen Esprit? Ich schaue mir die Bücher genauer an, eigentlich nur drei weitere, alltägliche Details. Als ich bemerkte, um welche Bücher es sich handelte, roch ich, welche Art von Esprit Glaser verströmte. Ich roch den altbekannten Mief: L’esprit du germanisme.

Verschwörungsideologie als politische Standortbestimmung

Les Gracques. Jean-Baptiste Claude Eugène Guillaume. 1853. Die Gracchische Reform war der Versuch im Rom des 2. Jahrhundert v.u.Z. Land- und Sozialreformen durchzuführen.

Das oberste Buch heißt „Im Schatten des Gracchus“ und wurde von S. Coell geschrieben und heißt mit bürgerlichen Namen Nobert Nemeth, ist FPÖ-Mitglied und Direktor des Freiheitlichen Parlamentsklubs im österreichischen Parlament. Im Buch geht es um – na klar – eine Verschwörung. Obwohl als „historischer Roman“ angelegt, scheint für viele, die sich im FPÖ-Dunstkreisen bewegen, das Buch eine geschichtswissenschaftliche Darstellung zu sein und soll scheinar eine gemeinschaftsschädliche, generationenübergreifende Verschwörung aufdecken. Eine Rezension nahm das Buch beängstigend ernst – suggeriert, es gäbe tatsächlich eine umfassende Weltverschwörung:

Die verzehrende Flamme der sozialistischen Weltverschwörung mit dem Auftrag der Gleichen wird weitergetragen. Als beispielhafte Protagonisten dieses Feldzugs gegen die vernünftige Ordnung führt [Nobert Nemeth] Karl Marx, Wladimir Iljitsch Lenin und Herbert Marcuse an. Er spannt dabei den historischen Bogen von der Mitte des 19 Jahrhunderts bis zur Frankfurter Schule. Die spannende Geschichte bleibt historisch „ergebnisoffen“. Und sie provoziert im Leser gleichzeitig ein Nachdenken, wer heute weiter an dieser Weltverschwörung arbeiten könnte. Nicht wenige werden sie politisch-geographisch in Washington, Berlin oder Brüssel ausmachen, wo Institutionen und Politiker an einer widernatürlichen Einebnung aller Unterschiede im Sinne des Ordens der Gleichen weiterbauen.„

Angemerkt sei, dass dies nicht irgendeine im Internet gefundene Rezension ist. Sie ist auf unzensiert.at veröffentlicht worden, eine Seite die der FPÖ massiv Schützenhilfe gibt. Ausserdem sitzt bei unzensiert.at wohl auch der ARES Verlag und der Verein „Unzenziert – Verein zur Förderung der Medienvielfalt“ mit im Boot und wird von der Medienvielfalt Verlags GmbH betrieben. Wo man hinschaut: Mief, Mief, Mief. Das Buch gilt der FPÖ, vielleicht auch für Glaser, alseine politische Standortbestimmungund bewirbt diese literarische Verschwörungstheorie gar mit: „Was die Geschichtsschreibung verschweigt: Eine Verschwörung hinter der Französischen Revolution. Eine Verschwörung, die bis heute nachwirkt…“ Von der hatte Bernd Höcke doch auch gesprochen, oder? Aber zurück zur Albrecht Glaser, der uns dieses Buch sicher als Ausweis seines Esprit präsentieren wollte. Schon der Verlag des Buches riecht fischig und müsste misstrauisch machen. Mit welchem Genuss aber wird wohl Albrecht Glaser daran riechen?

Rechtsextremer Geschichtsrevisionismus

Das Zweite Buch heißt im Original „A Century of War: Lincoln, Wilson and Roosevelt“ und wurde von John V. Denson geschrieben. Was aber auf Glasers Website auf dem Birkenstamm, liegt ist dessen deutsche Übersetzung in Herausgeberschaft vom Generalmajor a.D. Gerd Schultze-Rhonhof und hat einen, für Geruchsfetischisten vielversprechenden Titel „Sie sagten Frieden und meinten Krieg“. Ja, es stinkt. Nach schlecht verdauter deutscher Vergangenheit. Der Gestank zieht neben Glaser seltsame Leute an. So wie den echt muffigen Verein Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft e.V. Dieser Verein gab eine Rezension heraus, die zum Buch resümierte: „Wer das Weltgeschehen beurteilen möchte und wer nach Argumenten gegen die Alleinschuld Deutschlands am Ersten und Zweiten Weltkrieg sucht, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.“ Warum hat Albrecht Glaser daran ein Interesse? Nun, der General a.D. ist weithin und seit langem bekannt für seine laienwisschenschaftlichen

Neonaziaufmarsch gegen die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944 in München, 2002. Von Andreas Bohnenstengel, CC BY-SA 3.0.

und politisch motivierten Geschichtsverdrehungen. Schon mit seinem 2003 erschienenen Buch „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“ hatte er bewiesen, was von ihm zu halten ist. Wie alle gaaanz großen Deutschen muss auch Schulze-Rhondorf die gaaanz große Kausalität konstruieren und stellt in „1939“ „die Ergebnisse der seriösen Forschung auf den Kopf. Als die eigentlich Schuldigen am Zweiten Weltkrieg erscheinen hier Frankreich und Großbritannien.“ Darum riecht es wieder so komisch! Schultze-Rhondorf posaunte seine geschichtsverfälschenden Flatulenzen schon gerne im Rahmen von COMPACT– und AZK-Veranstaltungen in die verzückten Gesichter der Anwesenden, warum also nicht auch ins Gesicht von Glaser? Nach dem baden-württembergischen Landesamt für Verfassungsschutz zählt der Schrott, den Schultze-Rhondorf fabriziert „zu den klassischen Konstanten in der verzerrten Realitätswahrnehmung rechtsextremistischer Geschichtsrevisionisten.“ In „Sie sagten Frieden und meinten Krieg“, dem Buch, das Glasers Intellektualität betonen soll, sagte Schultz-Rhondorf: „Adolf Hitler [begann] am 1. September 1939 nach elf Monaten vergeblicher Verhandlungen einen zunächst lokalen Krieg […] um die Wahrung der Menschenrechte für die deutsche Minderheit in Polen“ zu gewährleisten. Ich kotze! Und auch dieser Verlag, in dem dieses Buch erschien, müsste jede empfindliche Nase zutiefst beleidigen: Druffel & Vowinckel. Der gehört zur Verlagsgesellschaft Berg. Die Verlagsgesellschaft Berg gilt als einer der größten Produzenten deutschsprachiger rechtsextremer Schriften. Geschäftsführer ist der wegen Volksverhetzung vorbestrafte Gert Sudholt. Geschnallt? Sowas liegt vor einem Wandgemälde einer antiken Sklavenhaltegesellschaft und wird auf der Internetseite des AfD-Gründungsmitgliedes Albrecht Glasers stolz präsentiert. Ich meine, offensichtlicher geht’s doch nicht. Das Buch ist eine weitere Nuance des speziellen Muffs Albrecht Glasers. L’esprit du germanisme. Stinkt aber für Glaser wohl noch nicht grässlich genug. Ein Buch liegt noch auf der abgehackten Birke, heißt „Welt im Umbruch: Nationalitätenfrage, Ordnungspläne und Rudolf Steiners Haltung im Ersten Weltkrieg“ und verspricht eine weitere Facette des germanischen Geruchs Glasers offenzulegen. Also Nase zu und durch.

 Niebelungensaga. Arthur Szyk. 1942. CC BY-SA 4.0.

Niebelungensaga. Arthur Szyk. 1942. CC BY-SA 4.0.

Antisemitismus, Rassentheorien und braune Esoterik

Vorweg: Der Titel suggeriert, Autor Markus Osterrieder setze sich mit Rudolf Steiners Haltung zum Ersten Weltkrieg auseinander. Aber im Gegenteil schreibt er ganz im Geiste Steiners und deutet den ersten Weltkrieg anthroposophisch. Was von Steiner zu halten ist, muss jede_r für sich selbst entscheiden. Ich halte sein Werk für braun-esoterischen, gefährlichen Plunder. Ich kann mich im Detail irren, denn bei über 300 Bänden findet selbst ein völlig unfähiger Hahn ein Korn. Im Ganzen gesehen bleibt Steiners Werk aber antisemitischer und rassistischer Mist.

Aus: Rudolf Steiner, "Menschheits-Entwickelung und Christus-Erkenntnis", Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz, 1981, (GA 100), Seite 245. Dazu ein Zitat Steiners: "Schwarz sind die Überreste der lemurischen Rasse, gelb sind die Überreste der atlantischen Rasse, und weiß sind die Repräsentanten der 5. Wurzelrasse, der nachatlantischen oder arischen."
Aus: Rudolf Steiner, „Menschheits-Entwickelung und Christus-Erkenntnis“, Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz, 1981, (GA 100), Seite 245. Dazu ein Zitat Steiners: „Schwarz sind die Überreste der lemurischen Rasse, gelb sind die Überreste der atlantischen Rasse, und weiß sind die Repräsentanten der 5. Wurzelrasse, der nachatlantischen oder arischen.“

Es ist eine müßige Diskussion. Einige Anthroposophieanhänger_innen affirmieren Steiners Antisemitismus und seine Rassentheorien, andere weisen darauf hin und relativieren sie und wieder andere kritisieren sie. Ausserhalb der Anthroposophie gilt Steiner als ungefährlicher Spinner oder als einer der subkutanen Wegbereiter der großen Scheiße. Das Buch „Welt im Umbruch“, auf Glasers Hompage zu finden, bietet mit seinen 1722 Seiten einen großen Raum, stinkende Scheiße neu zu verpacken. Der Autor Markus Osterrieder ist seit 2012 Gastdozent für Waldorfpädagogik an der Freien Hochschule Stuttgart und beim „Institut für Fachdidaktik in Kassel“, ein „An-Institut“ der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn und dort für die Ausbildung von Waldorfpädagog_innen verantwortlich. Diese privat-anthroposophische Hochschule kämpfte immer wieder wegen mangelhafter Standards um die wissenschaftliche Akkreditierung ihrer Fachbereiche, da sie als unwissenschaftlicher Hokuspokusproduzent gilt. Trotzdem könnte Osterrieder natürlich ein 1722-seitiges Meisterwerk geschrieben haben. (Spoiler: Hat er nicht.) Schon der Ankündigungstext des Buches auf dem Anthroposophenverlag Freies Geistesleben lässt vermuten, das es wieder nur der alte Mief ist. Dort wird das Buch, klar, als geschichtswissenschaftliches Meisterwerk angepriesen und wir erfahren schon im Ankündigungstext von „Welt im Umbruch“, was Steiner himself als die „tieferen Ursachen“ des Ersten Weltkrieges ansah, was er als „umfassendes Ursachengeflecht„ ausmachte. „Spirituellen Imperialismus […] bis hin zur grassierenden Neurasthenie, Bewusstseinstrübung führender Persönlichkeiten und geistige Schicksalsfragen.“ Aha. Naja. Durch Osterrieders Darstellung jedenfalls sollen sich „ganz neue Zusammenhänge und Erkenntnisse zur Politik der beteiligten Kriegsmächte ergeben“, ihre „geheimen Ziele“ sollen offenbart werden. So so. Außerhalb der Anthroposophiegemeinde wurde das Buch verständlicherweise nicht zur Kenntnis genommen, da es stinkender Müll ist. Innerhalb dieser Kreise wurde es aber rege diskutiert – und meist positiv aufgenommen. Aber die kritische Würdigung des Buches gibt in gewisser Weise wieder, welcher Gestank dieses Buch verbreiten muss, wenn selbst Anthroposophiebewegte den Muff riechen. So roch auch Georg Kemper, Klavierpädagoge, Pianist und Eurythmiebegleiter den Dunst des Deutschtums:

„Osterrieder führt – vermutlich unter dem Einfluss der Theorien Anthony Suttons und anderer amerikanischer Verschwörungstheoretiker – den Sieg und die Konsolidierung der Oktoberrevolution unter der Kapitelüberschrift „Let’s make these Bolsheviks our Bolsheviks“ auf die Machenschaften amerikanischer Geheimzirkel zurück. Eine treibende Kraft lag demnach bei der Federal Reserve Bank unter ihrem Direktor William B.Thompson – eine Verwandtschaft mit den Verschwörungstheorien im Umkreis von Jürgen Elsässer ist unübersehbar.“

Harter, stinkender Tobak. Kommunisten und Kapitalisten stecken unter einer Decke, gelenkt von einer Zentralbank? Natürlich will Osterrieder von einer „zentral gelenkten Weltverschwörung‘“ nicht sprechen. Aber ohne zu zögern und jeder geschichtswissenschaftlichen Erkenntnis einen Furz in die Nase drückend, meint er trotzdem, dass „nach heutigem Forschungsstand unbestreitbar [ist], daß viele wichtige politische Entwicklungen des 18. und 19. Jahrhunderts von freimaurerischen oder paramasonischen Gruppierungen angeregt und gefördert wurden.“ Der Kritiker Kemper meint dazu, dass Osterrieder eine antiquierte geschichtswissenschaftliche Methodik durch eine andere, noch antiquiertere und stinkendere Methodik ersetzt. Sein Ansatz wolle vermitteln, dass „okkulte Zirkel“ irgendwie die Geschicke der Weltgeschichte lenken würden, die „antiquierte Vorstellung „große Männer machen Geschichte“ werde schlicht ersetzt durch die Vorstellung “Okkultisten machen die Geschichte“, so Kemper. Riecht Albrecht Glaser gerne an diesem Buch? Glaser – angehender Großinquisitor? Auch Ansgar Martins, mittlerweile Ex-Anthroposoph, meint, Osterrieders Buch vermittle „das Bild, wonach ein universell-humanistisches ‚Mitteleuropa’ von Herder bis zur Anthroposophie durch eine von okkulten Gruppen aus der englischsprachigen Welt geplante neue Weltordnung ersetzt wurde“ und dass Osterrieder „damit einen Urmythos deutscher Verschwörungstheorien“ aufwärme. Gauland. Höcke. Gedon. Glasers Bücher, daneben, eine Brille die aussieht wie Glasers. Geschnallt? Und wer jetzt noch meint zu sagen, „ja aber…“, der riecht oder will den Gestank der AfD einfach nicht riechen. Oder findet den Gestank selber angenehm, gehört damit aber selbst zum Kreis der Geruchsfetischisten. Das, was Glaser – Mitglied des AfD-Bundesvorstand, AfD Gründungsmitglied, AfD Kandidat für die Bundespräsidentenwahl, zur Bundestagswahl auf Listenplatz 5 in Hessen – schon 2015 herauswürgte, sprach für sich.

Sagen, was ist: Es stinkt!

Aber was spricht da aus der Vergangenheit zu uns? Was stinkt da vor sich hin wie ein vergammelter Kartoffelkeller, den man vergessen hat zu lüften? Die moderne, weidelhafte Aufmachung der AfD verdeckt offensichtlich für viele Beobachter den neonazistischen Charakter der selbsternannten Bewegung.

Schnitt durch eine von der Knollenfäule befallene Kartoffel.
Schnitt durch eine von der Knollenfäule befallene Kartoffel.

Dieser neonazistische Geist wird aber von der AfD im Ganzen, zeitgemäß und „faktenorientiert“ beschworen. Beobachter wie Sigmund Gottlieb, 20 Jahre Chefredakteur des Bayrischen Rundfunks und nun im geistigen Ruhestand, meint, innerhalb der AfD gäbe es „braune Inseln“. Und Werner Patzelt, Soziologe an der TU Dresden, verteidigt, rechtfertigt und redet den Gestank schön – und nutzt dafür ein Zitat von Goebbels. Viele Beobachter schauen bewusst weg oder mangels Auffassungsgabe erst gar nicht richtig hin. Sie wollen oder können den Gestank nicht riechen. Vielleicht mögen sie ihn heimlich ja auch. Die wöchentlich aufflammenden Skandale sind nur die Spitze des Hundehaufens AfD. Die Partei verströmt im Ganzen einen völkischen, nationalistischen, staatsfetischistischen und warenfetischistischen Mief – es ist der Mief der Volksgemeinschaft. Dieser Mief wird nicht nur als strategisch geplanter Furz in die mediale und populare Welt geblasen, sondern gibt die inhaltliche Ausrichtung der Partei wider. Diese inhaltliche Ausrichtung fand schnell Verbündete. Sie reproduzierte sie auch als antiparlamentarische-ausserparlamentarische Opposition. Rechtsextremistische Verlage wie Antaios, Regin, Bublies oder wie die oben erwähnten füttern die Anhänger der herbeigesehnten Volksgemeinschaft mit den Objekten ihres Geruchsfetischismus. Der Geruch im Ganzen ist dabei immer der gleiche. Er riecht nach einer germanischen Sklavenhaltegemeinschaft. Selbst wenn die Ideen, Parolen und Praktiken modern und jugendlich daher kommen wie die Identitäre Bewegung – es geht immer um eine stinkende, gewaltbereite und menschenverachtende Ideologie und Praxis. Das Weltbild entspricht dem Wandbild. Und den Büchern. Beides zu finden auf der Website von Albrecht Glaser. Wundert es da, dass er als Chefideologe bezeichnet wurde? Es ist das Bild einer verblödeten Dorfgemeinschaft die sich von der Weltgesellschaft abschotten will. Mit Mauern. Waffen. Fahnen. Und deshalb produziert dieses regressive Bewusstsein auch immer wieder „Kulturgüter“ die zurück in die Vergangenheit wollen.

Alte Scheiße, neu verpackt? Stinkt trotzdem

Vielleicht ist dem frühen Marx zuzustimmen als er meinte, dass sich manche geschichtlichen Ereignisse sozusagen zweimal ereignen: „das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. [Denn die] Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen.“ Zu hoffen bleibt, dass diese zweite Aufführung der alten Scheiße durch moderne Medien und Menschen einer modernen, vernichtenden Kritik ausgesetzt wird. Das neonazistische Spektakel muss schnellstens und diesmal endgültig aufhören.

Ein Gedanke zu „Smells Like German Spirit. Again.“

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