Japanische Verhältnisse – eine Polemik

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Die Ampeln sind laut in Japan. Schaltet eine auf grün, ertönt eine Melodie. Wie das Intro eines Gameboyspiels dröhnt aus den Ampeln zum Gehen Musik und gewöhnt die Passanten besser an die Ampelphasen als Pavlov seine Hunde ans Essen. Alles in Japan scheint zu blinken und laute Geräusche von sich zu geben.
Die Bahnen sind größer und voller, während ihre Insassen fast still sind. Mit erschreckender Effizienz reihen sich die Pendler selbst in überfüllten Bahnhöfen in Reih und Glied, nur um wie ein engmaschiges Kettenhemd die Fahrt in völliger Stille zu durchstehen.

Menschen in der Metro in Tokio
Tokio Metro (CC BY-SA 2.0 eigenes Werk)

Stehvermögen ist auch auf der Arbeit gefragt. Die Arbeitstage beginnen früh und enden spät. Die wenigen Urlaubstage werden erwartungsgemäß nur spärlich beansprucht. Die Autorität wird nicht nach Können, sondern nach Alter bestimmt. Die Beförderung erfordert ständig dabei zu sein, auf der Arbeit und auch danach, beim Saufen mit dem Chef. Und während die Jungen den Alkohol servieren, stellen die Alten die These auf, dass er viel zu schlaff ist, zu unsicher, der junge Jahrgang. Beschämt geht nicht nur der Alkohol, sondern auch der Blick runter. Denn es stimmt: Viel länger wohnen sie noch zuhause, viel später finden sie einen Beruf, der den Unterhalt und das Selbstbewusstsein trägt. Sie sind die Ausgebremsten einer fehlgeschlagenen doppelten Wachstumsstrategie.

Als die Alten mal jung waren, dachten sie, dass sie immer so viele sein werden. Vielleicht nicht mächtig, aber dafür viele und damit laut. Die Jungen sind aber nicht viele, sie sind immer noch nicht mächtig und sie haben nichts zu sagen. Leider müssen sie auch noch mehr arbeiten, um die vielen Alten zu versorgen.
Außerdem dachten die Alten, dass der Wohlstand immer mehr wird. Mehr Wohlstand heißt mehr Güter und bessere Dienstleistungen und dafür benötigt es mehr Geld. Als es vorbei war mit dem ewigen Wirtschaftswachstum der 80er Jahre, floss das Geld weiter. Seitdem ist der Staat erstarrt zwischen Überschuldung und dem Gift der günstigen Zinsen. Diese Geschenke an die Jungen sind toxischer als das Grundwasser um Fukushima.
Der Chef fragt sich unterdessen, warum die Jungen so schüchtern sind und vor allem noch alleine. Tatsächlich heiraten sie viel später, sind meist Single und nicht wenige fragen sich öffentlich, warum eine Beziehung Sinn machen sollte. Es ist einfach keine Zeit für eine Beziehung. Und fraglich bleibt nur, ob das zweite Leben durch Computerspiele Ursache oder Symptom ist. Vielleicht ist es auch ein effizientes Substitut für ein Leben mit Anerkennung, Legitimation und Macht. Ein Methadon für das richtige Leben, gefixt in der Pause eines hochkompetitiven Bildungssystems, im Kinderzimmer eines Dreißigjährigen im elterlichen Haus.
Aber auch analog pflastern die Spielhöllen die Straßen. Dort gibt es direkt am Eingang die Chips in kleinen Wäschkörben zu kaufen. Der Einwurf dieser metallenen Spielkugeln sorgt für den Akustikcharme einer industriellen Anlage in Vollbetrieb, während die Musik schon vor dem Gebäude bei geöffneter Tür unerträglich laut ist.

 

Pachinko-Halle in Akihabara in Tokio
Pachinko-Halle in Akihabara in Tokio (CC BY-SA 3.0 von Tischbeinahe)
So wird das natürlich nichts mit der Beziehung, dem Heiraten und allem, was dazu beitragen könnte, dass es mal wieder mehr Jungen als Alte gibt.
Wer gerne dazu beitragen würde, sind die armen, geknechteten Massen von jungen potentiellen Migranten. Sie würden wortwörtlich die Segel setzen und alles zurücklassen, um eine neue Heimat zu finden. Man braucht keine Freiheitsstatue, um zu erkennen, dass diese Menschen neuen Wind in eine alternde Gesellschaft tragen würden. Man braucht aber eine isolationistische Tradition, einen nationalen Glauben an kulturelle Überlegenheit und viel Wasser zwischen den Grenzen, um auch diese Gelegenheit verstreichen zu lassen. Japan erfüllt diese Kriterien zuverlässig.
Dabei wäre die Sorge vor der Integration berechtigt: Wenn nach Jahren im Land selbst die Expats mit japanischen Ehepartnern klagen, sie seien nicht Teil der Kultur, wie soll dann eine massenhafte Integration gelingen? Manche Kulturen sind wie Kokosnüsse – hart zu knacken, aber dann einfach zu genießen. Manche sind wie Avocados – zuerst leicht zu genießen, aber im Kern hart zu durchdringen. Japan ist ein Avocadokern ohne Fruchtfleisch.
Der Chef fragt sich unterdessen, wie sich die Verhältnisse so wandeln konnten. Dabei ist das Land doch bei allen wichtigen Indikatoren ganz weit vorne: Die japanische Wirtschaft ist die viertgrößte weltweit und mit genau derselben Exportstärke. Nur die Riesen China, Indien und die USA sind potenter. Japan ist sehr effizient. Dank des straffen Bildungssystems löst die Pisa-Studie ein leichtes Schwellen in der Brust aus. Vergessen ist die verlorene Dekade der Neunziger und die Rezession der frühen Jahre des neuen Jahrtausends. Japan hat sich erholt. Aber Japan ist auch stehen geblieben.

 

Park in Tokio
Park in Tokio (CC BY-SA 2.0 eigenes Werk)
„Wir haben zwar Probleme“, denkt sich der Chef, „aber zumindest liegt das hinter uns, was Europa noch bevorsteht.“

 

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