Im Schatten der Sicherheit

Es gibt mutige Menschen in der Politik, dem Kulturbetrieb, der Bildung und Forschung, die unsere Unterstützung benötigen. Im Schatten der deutschen Sicherheit, da versauern die Talebs an der Universität in Mannheim, da welken die Kissingers in Münchener Schulen und stagnieren die Stanfords an einer Fachhochschule in Karlsruhe.

Die Hände von Bundeskanzlerin Angela Merkel geformt zur typischen 'Raute'
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Henry Kissinger ist eine prominente Figur in den Vereinigten Staaten von Amerika. Bekanntlich war er einer der umstrittensten, aber auch aktivsten amerikanischen Außenminister. Wer jedoch Interviews mit Henry Kissinger hört, der stutzt: Seine Aussprache ist unverkennbar Deutsch. Und tatsächlich ist Henry Kissinger in Deutschland geboren. Genauer gesagt in Fürth in Bayern, dessen Fußballverein SpVgg Greuther Fürth er treu geblieben ist. Warum kann also einer wie Kissinger in Amerika so hoch aufsteigen? Und – eine Frage, die sich unweigerlich aufdrängt – was wäre er wohl in Deutschland geworden?

Angela Merkel ist nicht minder prominent und nicht weniger gefordert. Ihre Amtszeit wird durchzogen von Krisen – Finanzkrise, Griechenlandkrise, Flüchtlingskrise. In Erinnerung bleiben wird jedoch die Stabilität, die die Bundeskanzlerin paradoxerweise vermittelte. Wie konnte Angela Merkel das schaffen? Und – die Frage drängt sich auch hier auf – was wäre aus Deutschland geworden, wenn wir sie nicht gehabt hätten, unsere Mutti?
 Risikoavers: Bundeskanzlerin Angela Merkel, im Juli 2010, setzt auf Sicherheit und gewinnt damit viel Sympathie. (Armin Linnartz, CC BY-SA 3.0 auf Wikimedia Commons)

Risikoavers: Bundeskanzlerin Angela Merkel, im Juli 2010, setzt auf Sicherheit und gewinnt damit viel Sympathie. (Armin Linnartz, CC BY-SA 3.0 auf Wikimedia Commons)

Wie wichtig diese Sicherheit ist, manifestiert sich nicht erst in der deutschen Volksseele in Form ihrer Bundeskanzlerin. Ganze Forscherkarrieren beschäftigten sich mit der subjektiven Bewertung von Risiko und dem damit einhergehenden Wert von Sicherheit. ‚Behavioral Finance‘ nennt sich das Feld, das sich ausschließlich mit den Auswirkungen der menschlichen Psyche auf Finanzentscheidungen beschäftigt. Sie kommt zu einem klaren Schluss – Verluste schmerzen uns doppelt so sehr, wie Gewinne uns erfreuen.

Dem heutigen NYU-Professor und früheren Börsenhändler Nassim Taleb war diese Erkenntnis nicht genug. Er gründete den Fonds ‘Empirica Capital’ und verlor jeden Tag kleine Beträge mit Wetten auf sehr unwahrscheinliche Ereignisse. Wie viel Disziplin und Frustrationstoleranz seine Strategie erforderte, beschreibt er in seinem Buch Der schwarze Schwan. Letztlich war Taleb aber erfolgreich. Denn als 2001 der Markt zusammenbrach, hatte Taleb die passenden Versicherungen parat und wurde reich.

Risikoaffin: Statistiker, Finanzmathematiker und Wissenschaftler Nassim Nicholas Taleb, hier im Januar 2011, wettet auf unberechenbare Risiken und wird damit reich. (Bloomberg, CC BY-SA 3.0 auf Fooledbyrandomness.com)
Risikoaffin: Statistiker, Finanzmathematiker und Wissenschaftler Nassim Nicholas Taleb, hier im Januar 2011, wettet auf unberechenbare Risiken und wird damit reich. (Bloomberg, CC BY-SA 3.0 auf Fooledbyrandomness.com)

Kommen wir also wieder zurück zu Henry Kissinger. Der Mann kann auf eine erfolgreiche Karriere in den Vereinigten Staaten zurückschauen. Es kursiert tatsächlich der Witz, was passiert wäre, wenn er in Deutschland geblieben wäre – bis zum Studienrat in München hätte er es wohl geschafft, mutmaßt ein fiktiver Helmut Kohl.

Studienrat in München klingt auch nicht schlecht. Der Unterschied zum realen Henry Kissinger, dem prominenten Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika, ist trotzdem schwer zu übersehen. Wäre er damals geblieben und hätte man ihm seine vertane Chance aufgezeigt – er hätte wohl trotzdem mit den Schultern gezuckt. Warum auch, er hätte ja häufiger zu den Fußballspielen seiner Fürther gehen können.

Was wäre er wohl in Deutschland geworden? Der jüdische Deutschamerikaner Henry A. Kissinger, damals noch als U.S. Secretary of State (CC BY-SA 3.0 U.S. Department of State auf Flickr.com)
Was wäre er wohl in Deutschland geworden? Der jüdische Deutschamerikaner Henry A. Kissinger, damals noch als U.S. Secretary of State (CC BY-SA 3.0 U.S. Department of State auf Flickr.com)

Anders sieht es aus, wenn Privilegien verschwinden oder sich Situationen verschlechtern. Die eklatante Verschlechterung der Lebensverhältnisse in Griechenland trieb manchen Hellenen mit Recht die Zornesröte ins Gesicht. Die Griechen hätten sicherlich auch gerne eine Bundeskanzlerin gehabt, die eine Verschlechterung der Verhältnisse abgewandt hätte. Vielleicht sind die Deutschen der Kanzlerin deshalb so dankbar – weil Verluste eben zweimal soviel schmerzen wie Gewinne.
Ein geregeltes Ausbildungssystem als Vorbereitung für eine systematische Karriere im Unternehmen ist der Garant für eine stabile Wirtschaft und damit Wohlstand für viele. Der dröge Behördenapparat beschert uns die stabile öffentliche Ordnung und das funktionierende Staatswesen, wegen der und wegen dem jetzt so viele Menschen zu uns strömen. Es sind die kodifizierten und damit sicheren Gegebenheiten eines Tauschgeschäfts – klare Anstrengung für inkrementellen Zuwachs an Wohlstand und Stabilität. Inkrementelle Veränderung ist in Kombination mit Zeit ein gutes Team. Das ist die Voraussetzung, um konkrete Verluste zu verhindern.

Dabei haben wir durchaus hohe Verluste zu verzeichnen – in Form von verpassten Chancen. Das ist natürlich nur eine unqualifizierte Behauptung, denn meine Glaskugel wollte mir weder die Anzahl noch den genauen Euro-Gegenwert dieser verpassten Chancen nennen. Die Überlegung lohnt sich aber trotzdem: Was wäre, wenn ein junger russischer Physikprofessor aus Russland nicht in die USA ausgewandert wäre, sondern nach Europa? Hätten wir vielleicht ein europäisches Google, das uns nicht überwacht, sondern ein Ökosystem an Hightech-Jobs hier in Europa schafft? Könnten wir eine Universität mit einem ähnlichen Renomée haben wie die Stanford-Universität, wenn wir riskieren oder investieren?

Was sich in den USA über Jahrzehnte aufgebaut hat, ist eine Kultur des Scheiterns und der gesellschaftlichen Akzeptanz dafür. Andersartigkeit ist hier die Voraussetzung, um unentdeckte Ressourcen einer Gesellschaft zu entdecken. Scheitern ist der persönliche Tribut, den ein Unternehmer, ein Politiker, ein Künstler für seinen Wagemut zahlt. Erkenntnis ist der kollektivierte Nutzen, den die Gesellschaft aus dem Scheitern zieht – denn sie weiß: Dort ist nichts zu holen. Nassim Taleb würde wahrscheinlich trotzdem darauf wetten. Denn im Wagnis liegen auch die höchst unwahrscheinlichen Ereignisse, die asymmetrischen Gewinne – die Unicorns.

Was Nassim Taleb für den Aktienmarkt entdeckt hat, wird im Valley für die Unternehmensgründungen angewandt – scheitern ist nicht schlimm, wenn es dafür ein Unternehmen von zehn richtig schafft: Für ein echtes Einhorn müssen neun Startup-Ponys sterben. Dass sich ein solches Vorgehen gesellschaftlich auszahlt, zeigt der phänomenale Aufstieg der Technologieunternehmen aus Kalifornien. Alleine Apple hat so viel Profit angestaut, dass es die deutschen Automobiltitanen Daimler, BMW und Audi kaufen könnte – in bar.

Es sind aber nicht nur Unternehmer. Ihr Erfolg ist nur am einfachsten messbar. Es gibt mutige Menschen in der Politik, dem Kulturbetrieb, der Bildung und Forschung, die unsere Unterstützung benötigen. Im Schatten der deutschen Sicherheit, da versauern die Talebs an der Universität in Mannheim, da welken die Kissingers in Münchener Schulen und stagnieren die Stanfords an einer Fachhochschule in Karlsruhe.

Ein Gedanke zu „Im Schatten der Sicherheit“

  1. Hallo Julian,

    ich teile deine Analyse, dass die deutsche Politik sich durch ihr hohes Maß an Erwartbarkeit/Langeweile auszeichnet und dass diese Diagnose im Image Angela Merkels kristallisiert, die – mit ihrem persönlichen und und möglichst wenig politisierenden Regierungsstil – wenig Risiko eingeht. Und ich bin auch nicht in der Position, deine Ausführungen zur Psychologie von Verlusten und Gewinnen anzuzweifeln. Der Inhalt deines Plädoyers für mehr Risiko und eine Kultur des Akzeptierten des Scheiterns ist mir aber in dem Maße unklar, indem deren Implikationen nicht bewertet werden.

    Erst zur Risikobereitschaft: Sicherlich ist eine dynamische Gründerszene eine wichtige Basis für wirtschaftliche Prosperität. Doch man darf nicht vergessen, das Scheitern Geld kostet. Irgendjemand hat ja Geld in das scheiternde Unternehmen gesteckt und keine Apple-Aktien gekauft – und wird folglich eine Abschreibung und keine Dividende verbuchen müssen. Die Frage, die sich mir stellt, ist daher: weswegen genau sind Investoren in Deutschland deiner Meinung nach weniger risikobereit als in den USA – die Begründung durch ein Sicherheitsbedürfnis der deutschen Volksseele ist mir etwas zu vage.

    Außerdem zur Kultur des akzeptierten Scheiterns: Moralisch denke ich, dass du sicherlich einen wichtigen Punkt triffst – es kann nicht sein, dass einem eine Fehlentscheidung ewig nachgetragen wird. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund eines digitalen öffentlichen Gedächtnis, das weniger schnell vergisst, und der großen Zahl an Optionen, die man in Bezug auf seinen Lebensweg heute hat – die eben auch mehr potenzielle Fehlentscheidungen beinhalten. Es ist mir aber auch wichtig herauszustellen, dass eine solche Kultur nicht als euphemistische Semantik einer zurückgehenden Chancengleichheit fungieren darf. Denn in den so risikobereiten USA wird auch über das Scheitern des American Dreams diskutiert – weil scheitern nicht bedeutet, dass es beim nächsten Versuch klappt.

    Bin gespannt auf deine Meinung.
    Adrian

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