Wider die Eskalation

Charlotte Theile zeigt, dass es in der Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten weder ideologischer Aufrüstung noch Apokalyptik bedarf – sondern zuvorderst der Grundtugenden des Qualitätsjournalismus.

Die kritische Auseinandersetzung mit Populisten verführt dazu, es ihnen gleichzutun und auf Eskalation zu setzen. Gezielt gestreuten Provokationen folgt zuverlässig die Empörung, auf verbale Entgleisungen der moralische Aufschrei. Wenn Ethnopluralisten Kleinstaaterei und Kulturchauvinismus frönen, wird von ihren Gegnern unweigerlich das Pathos der universellen Menschenrechte bemüht. Zitieren sich Rechtskonservative schneidig durch die Œuvres von Ernst Jünger oder Oswald Spengler, parieren Linksprogressive umso leidenschaftlicher mit Michel Foucault oder Chantal Mouffe. Angesichts irritierender Vermischungen im rechten wie im linken Lager – neoliberale oder dieselfahrende Grüne, sozialdemokratische Putinversteher, Hipster-Identitäre, rhetorisch versierte Neonazis, etc. –, wirken die überkommenen, komfortablen Kampfbegriffe immer öfter hilflos. „Nazi!“ schleudern die einen dem Nationalkonservativen ins Gesicht; „Linksfaschistin!“ brüllen die anderen der Linksliberalen hinterher.

Wenn es Populisten gelingt, ihre Kritiker in eine Arena mit aufgepeitschter Stimmung zu locken, haben sie schon gewonnen. Was dann gesagt, wie dann argumentiert wird, spielt eine untergeordnete Rolle. Das Medium ist die Botschaft und der Ton macht die Musik, in diesem Fall: den Marsch.

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Die technologische Zukunft, um die niemand gebeten hatte

An den Zeitpunkt, als für mich die Zukunft anfing, erinnere ich mich nicht mehr. Ich hatte vorher bereits gelernt, über die DOS-Kommandozeile mein Lieblingsspiel durch die Eingabe des Dateipfades zu starten, aber an den Zeitpunkt, als ich mich zum ersten Mal ins Internet einwählte, erinnere ich mich nicht. Wohl aber an das Fiepen des Modems – wahrscheinlich, weil es so skurril war, dass es aus einer Science-Fiction-Komödie aus den 70er Jahren hätte stammen können. So tollpatschig und beschränkt feierte es sein Debut, dass ich die Erinnerung einfach überschrieb.

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Not Anthropocene, but Americocene: An Interplanetary Travel between Environmental Narratives and the Nation State

A couple of new publications about natural catastrophes and environment in literature and movies (such as the latest books by Ursula Heise and Eva Horn) and a series of events at Haus der Kulturen der Welt in Berlin gave me the idea to see the latest Hollywood Sci-Fi-drama through Anthropocene glasses.
 

In his latest movie Interstellar, Christopher Nolan tells the story of an American farmer family desperately trying to keep its maize harvest safe from the constant dust storms. The dust plague destroys all agricultural fields, turns everyday life into a sandy, coughing, itchy nightmare and thus puts the survival of humanity in danger. Hunger and health problems are the long term consequences anticipated by the population of the unnamed American town. Cooper (Matthew McConaughey) is an educated NASA-pilot and engineer. He is forced by the environmental circumstances to be a farmer and a single father of Murphy, a 10-year-old, and her five years older brother Tom Cooper (Mackenzie Foy, Timotheé Chalamet). His father-in-law (John Lithgow) helps him raising his two children. Climate change or the direct connection between industry or exploitation of natural resources and environmental crises, which dust storms and drought indicate, aren’t referred to directly and thus stay blurry.

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Die Macht der Geschichten. Erzähltheorie reloaded

Wir möchten neben kürzeren Kommentaren und längeren Essays nun auch, in unregelmäßigen Abständen, Rezensionen veröffentlichen. Darin muss es nicht notwendig um gerade Erschienenes gehen; wichtig ist nur, dass es, auf welche Weise auch immer, unsere Zeit betrifft. Den Anfang macht Dariyas Rezension des neuesten Buches von Albrecht Koschorke, die (und das) uns eines in Erinnerung ruft: Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch Erzählungen. –Sören

Albrecht Koschorke: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie, Frankfurt a. M. 2012

„Am Anfang war Napoleon.“
„Am Anfang war keine Revolution.“
„Im Anfang war das Reich.“
Mit diesen Setzungen beginnen drei prominente Historiker – Thomas Nipperdey, Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler – ihre großen Narrative zur deutschen Geschichte der Neuzeit. Die Bedeutung dieser Anfänge, dieser ersten Sätze für die darauffolgende Geschichte (story, nicht history), für das Was und das Wie der historischen Darstellung, hat Gordon Craig sich und seinen Lesern durch die kritische Nachfrage „Ist es ein Fehler, bei Bismarck anzufangen?“, mit der er seine Deutsche Geschichte 1866–1945 beginnt, vor Augen geführt. Der Anfang jeder Geschichte ist, wie die Beispiele zeigen, immer bewusst gewählt und nie notwendig – genauso wie ihr Ende. Er bestimmt einerseits, ob man eine Geschichte der großen Männer, eine Sozial- oder eine Ideengeschichte erzählt. Andererseits entscheiden Anfang und Ende z. B. bei Konflikterzählungen Fragen nach Verantwortung und Schuld der Beteiligten verleihen so jeder Erzählung eine signifikante Erklärungsmacht.
Die Frage nach Anfang und Ende eines Narrativs, die durch eine bewusste, normative Entscheidung gesetzt werden, ist auch für den Konstanzer Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke in seiner im Frühjahr 2013 erschienenen Monographie entscheidend. Oder sie hätte es sein sollen. Wie der Leser im letzten Kapitel erfährt, hätte das Buch ein Anderes werden sollen. Es sollte die Anfangsprobleme von Groß- und Ursprungserzählungen thematisieren, die laut Koschorke eine spezifische Binnenperspektive herstellen: Mit der Setzung eines Anfangs werden Phänomene und Konzepte, die in Bezug darauf älter sind, also in einer Vorzeitigkeit stehen, für inexistent erklärt. Das seien z. B. „die Welt vor Erschaffung der Welt, das Denken vor dem Einsetzen des Denkens, die Gesellschaft, die den Gesellschaftsvertrag abschließt“. Bevor der Autor dem Erzählen jedoch diese transzendentale Qualität zuspricht, über Zeit und Raum zu stehen und zu walten, will er seine ontologische Rolle in allen Wissensordnungen nachzeichnen. Deswegen also die vorliegende Studie, die Koschorke als eine „elementare Verständigung“ bezeichnet.

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