Moderne Insulaner – Warum die Flüchtlingskatastrophe ein Umdenken erfordert

Wenn man in der letzten Zeit Zeitung liest oder sich anderweitig informiert, dann fällt einem die bedeutungsschwangere historische Rhetorik auf, mit der die Probleme beschrieben werden. Diese Rhetorik findet sich sowohl in Form der „größten Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg“ als auch bei der „größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit gut 80 Jahren“ und der Tatsache, dass viele Beobachter und Politiker sich das neue imperialistische Vorgehen Russlands im 21. Jahrhundert nicht mehr vorstellen konnten.

Not Anthropocene, but Americocene: An Interplanetary Travel between Environmental Narratives and the Nation State

A couple of new publications about natural catastrophes and environment in literature and movies (such as the latest books by Ursula Heise and Eva Horn) and a series of events at Haus der Kulturen der Welt in Berlin gave me the idea to see the latest Hollywood Sci-Fi-drama through Anthropocene glasses.
 

In his latest movie Interstellar, Christopher Nolan tells the story of an American farmer family desperately trying to keep its maize harvest safe from the constant dust storms. The dust plague destroys all agricultural fields, turns everyday life into a sandy, coughing, itchy nightmare and thus puts the survival of humanity in danger. Hunger and health problems are the long term consequences anticipated by the population of the unnamed American town. Cooper (Matthew McConaughey) is an educated NASA-pilot and engineer. He is forced by the environmental circumstances to be a farmer and a single father of Murphy, a 10-year-old, and her five years older brother Tom Cooper (Mackenzie Foy, Timotheé Chalamet). His father-in-law (John Lithgow) helps him raising his two children. Climate change or the direct connection between industry or exploitation of natural resources and environmental crises, which dust storms and drought indicate, aren’t referred to directly and thus stay blurry.

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Tsipras gegen Merkel? Wie man über Europa schreiben sollte – und wie nicht

Nur selten ringe ich mich dazu durch, mir einen Spiegel zu kaufen. Mein Problem: Da ich mich für fast alles interessiere, komme ich kaum umhin, fast das gesamte Heft zu lesen (das einzige, was mich wirklich gar nicht interessiert: welcher Fuzzi nun welches Unternehmen leitet), und das kostet mich üblicherweise mindestens einen ganzen Tag. Ab und an tue ich es aber doch, nehme mir einen Tag Zeit und fühle mich am Ende gut über die meisten aktuellen Themen informiert – besser jedenfalls, als wenn ich, womöglich stündlich, die Sensationsmeldungen im Internet verfolge, die meistens ohne jede Einordnung und Analyse nur ein paar Informationsfetzen präsentieren.

Am Sonntag habe ich mir also wieder einmal einen Spiegel gekauft, aus dem einfachen Grund, dass ich wissen wollte, was nun schon wieder mit den Griechen los ist, und was das für Europa bedeuten kann. Der Titelbericht mit dem dümmlichen Titel Der Wutgrieche (hier eine frei zugängliche englische Version, die teilweise noch schlimmer ist) ist aber in eigentlich jeder Hinsicht eine Enttäuschung: Nicht nur enthält er quasi keine selbst recherchierten Hintergründe aus Griechenland, etwa: Welche Parteien standen überhaupt zur Wahl? Wie funktioniert das griechische Parteiensystem? Woher kommt Syriza? Wer sind die Minister im neuen Kabinett? Er weigert sich auch, darüber nachzudenken, ob die derzeitige europäische Krisenpolitik, die komplett daran gescheitert ist, Griechenland vor einer ausgewachsenen Great Depression zu bewahren, wirklich Sinn macht, oder ob es nicht doch Alternativen gibt (und wenn ja: welche? wie kann man sich ihre praktische Umsetzung vorstellen?). „Tsipras gegen Merkel? Wie man über Europa schreiben sollte – und wie nicht“ weiterlesen

Faschismus im 21. Jahrhundert. Ein Kommentar zu Orbán und Putin

Der Faschismus des 20. Jahrhunderts hatte zwei Feinde: Liberalismus und Sozialismus. Der des 21. Jahrhunderts richtet sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus folgerichtig vor allem gegen das liberale demokratische Modell – ein weiterer Grund, dieses „westliche“ Modell unmissverständlich zu verteidigen. Nehmen wir Victor Orbán, den ungarischen Premier, der noch immer Parteigenosse von Jean-Claude Juncker und Angela Merkel ist:

Orbán hatte in seiner Rede in Baile Tusnad Ende Juli davon gesprochen, dass das westliche Modell der liberalen Demokratie ausgedient habe. Stattdessen nannte Ungarns Regierungschef Staaten wie Russland, China, Singapur und die Türkei als Vorbilder – „Staaten, die nicht westlich, nicht liberal und vielleicht nicht einmal demokratisch, aber dennoch erfolgreiche Nationen sind“. Für Ungarn verkündete Orbán in seiner Rede das Ende der liberalen Demokratie und stellte den „Aufbau eines illiberalen Staates“ in Aussicht, in dem die Nation und die Gemeinschaft der Ungarn im Mittelpunkt stünden. „Wir müssen mit liberalen Grundsätzen und Methoden, mit dem liberalen Gesellschaftsverständnis überhaupt, brechen“, so Orbán.

 

Nicht umsonst bezieht sich Orbán auf Putin, der ein ganz ähnliches Modell verfolgt: Kontrolle der Medien, Einschränkung der Meinungsfreiheit, homophobe Gesetzgebung, Propaganda der nationalen Stärke und, nicht zuletzt, völkischer Nationalismus. Denn es ist bezeichnend, dass Orbán seine Rede gegen den Liberalismus im rumänischen Băile Tușnad hielt, im Rahmen einer Sommeruniversität der ungarischen Minderheit in Rumänien. Es geht hier also um einen Nationalismus, der an Staatsgrenzen keinesfalls haltmacht.

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Der Feind, liebe Linke, steht rechts

Gut, ich gebe es zu: Ich habe die Linken auf dem Kieker. Das liegt allerdings nur daran, dass ich selbst ein Linker bin. Ich will, dass alle Menschen frei und gleich werden. Ich will, dass die Welt besser und gerechter wird. Ich will, dass Rassismus, Sexismus und Nationalismus aus der Welt verschwinden, lieber gestern als morgen. Ich will, dass alle Menschen in Wohlstand leben können. Ich trage also auch das gute alte linke Bedürfnis mit mir herum, die Welt zu verändern. („Wir alle sind Atlanten und tragen die Welt auf den Schultern“, wie Erik gerade dichtete. Nunja, Ayn Rand nicht.) Wie viele meiner Freunde bestätigen können, bin ich auch mindestens so selbstgerecht wie die meisten Linken und habe außerdem einen ebenfalls typisch linken, nervtötenden Spaß daran, andere mit meinen politischen Ansichten zu belästigen. Eigentlich bin ich wahrlich ein Vollblutlinker.
Nun habe ich aber einige Probleme mit meinem Linkssein: Erstens werde ich nur selten als Linker wahrgenommen und anerkannt. Damit kann ich noch leben – ich behaupte einfach wacker weiter, dass ich dazugehöre. Zweitens aber finde ich zunehmend Ansichten und Aussagen von Linken, denen ich nicht nur nicht zustimmen kann, sondern denen ich ganz vehement widersprechen muss – und zwar gerade, weil ich links bin. Eine Einladung an junge Südeuropäer, in Deutschland eine Lehrstelle zu suchen, sei eine „Ohrfeige“ für die deutschen Jugendlichen, die, selbstverständlich, zuerst gefördert werden müssten, meint etwa Sahra Wagenknecht. Der Schweizer Sozialdemokrat Rudolf Strahm glaubt, Personenfreizügigkeit über nationale Grenzen hinweg sei ein „neoliberales und menschenverachtendes Konzept“. Oder nehmen wir die Forderung nach einer erneuerten nationalen „Grenzziehung gegenüber der sogenannten ‚Globalisierung’“, die der Soziologe Wolfgang Streeck erhebt. Und Paul Murphy von der Sozialistischen Partei Irlands, bis zur letzten Wahl Abgeordneter im Europäischen Parlament, befindet: „Gäbe es mehr europafeindliche Abgeordnete, ob von links oder rechts, würde das Parlament weniger Schaden anrichten.“

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Stolz auf ein Land? Nein – auf eine Gesellschaft!

Es erscheint zunächst müßig, noch einen Beitrag zur WM 2014, zum Triumph der deutschen Elf zu lesen. Dennoch brennt es mir unter den Fingern. Nicht wegen der zunächst rein sportlichen Leistungen von „Jogis Jungs“, sondern wegen einer Debatte, die sich alle zwei Jahre zu Europa- und Weltmeisterschaften wiederholt und doch meist die gleichen Argumente gegenüberstellt. Auf der einen Seite eine patriotische Euphoriewelle, schwarz-rot-goldene Farbenspiele und Schlaaand-Rufe. Auf der anderen Seite die Mahner, die immer wieder betonen, dass „Stolz“ das falsche Empfinden für die Erfolge einer Sportmannschaft sei und vor übertriebenen Nationalismus warnen. Diese Diskussion überdeckt Aspekte, die sehr wohl über den Sport hinausgehen und aus gesellschaftlicher Sicht positiv herauszuheben sind. Mir sind zwei Aspekte besonders wichtig.

Da wären die schon öfters erwähnten und vorbildhaften Tugenden, welche die deutsche Elf im Laufe des Turniers in Brasilien offenbarte. Der Wille zum Erfolg und das Ausreizen der persönlichen Grenzen sind für den deutschen Fußball nicht neu. Doch dass der Weg zum Erfolg auch von Freude, Spaß und Lockerheit begleitet wird, war vor gut 10 Jahren noch nicht denkbar. Die Freude an Arbeit und Leistungsbereitschaft tut jedem gut – sei er Fußballer oder Krankenpfleger, Wissenschaftler oder Arbeiter, Unternehmer oder Angestellter. Mir hat diese Mannschaft gezeigt, dass ohne die Freude am eigenen Schaffen nichts zu schaffen ist. Mehr dieser Leichtigkeit in Kombination mit Fleiß ist unserer bis heute eher pessimistisch geprägten Gesellschaft nur zu wünschen.

Die für mich zentralere Bedeutung – über den historischen Titel hinaus – erkennt man mit Blick auf die Spielerbiographien. So unterhalten sich Sympathieträger und Kultfußballer Lukas Podolski und der nun endgültig zur Legende aufgestiegene Miroslav Klose gerne auf Polnisch. Jerome Boateng, der als beinharter Innenverteidiger die ursprünglichen Fußballtugenden Deutschlands symbolisiert, ist Berliner durch und durch – und schwarz. Sami Khedira, dem tunesischen Schwaben, traute man nach seinem Kreuzbandriss nichts zu – bevor er mit selten dagewesenem Willen und Ehrgeiz punktgenau wieder fit wurde. Mezut Özil spielte zwar nicht die beste WM, war jedoch als einer der besten Spieler der Welt gesetzt – und betete vor jedem Anpfiff zu Allah.
Nun bin ich weit davon entfernt zu sagen, dass diese Spieler eine multikulturelle Ergänzung zu Müller, Schweinsteiger und Lahm sind. Nein, diese Fußballergeneration in ihrer Gesamtheit ist gemeinsam aufgewachsen, sie spielten gemeinsam in Jugendauswahlen, in Dorf- und später Bundesligavereinen, bevor manche von ihnen nach Madrid oder London wechselten. Durch gemeinsame Sozialisation ist etwas Neues entstanden, eine Synergie, eine neue Definition von Fußball. Dies ist mehr als eine bloße Addition verschiedener Kulturen und Tugenden. Getreten wird der Ball jedoch von Menschen. Die Özils, Podolskis, Schürrles und Kramers haben nicht nur gemeinsam gekickt, sondern gehen seit Jahrzehnten gemeinsam in die Schule, zum Musikverein, in die Kantine zur Mittagspause oder in die Kneipe zum Feierabendbier – nur nehmen wir dies häufig immer noch nicht bewusst wahr.
Wenn wir in diesen Tagen leichtfertig sagen „Wir sind Weltmeister“, so meinen wir nicht Menschen mit einem deutschen Reisepass. Wir meinen die Menschen, die in diesem wundervollen und vielseitigen Land zwischen Nordsee und Alpen, zwischen Ruhrgebiet und Frankfurt/Oder gemeinsam leben, arbeiten, genießen, trauern und feiern. Egal woher sie oder ihre Eltern stammen, welche Hautfarbe sie haben, wen sie anbeten, was sie kochen oder wen sie lieben. Diese bunte Mischung ist das wahre Fundament des deutschen WM-Erfolgs. Der WM-Sieg selbst ist jedoch ein Symptom, eine Folge der zunehmenden Weltoffenheit und Toleranz unseres Landes. Dies ist ein gesellschaftlicher Erfolg. Und so weist ausgerechnet ein nationaler Siegesrausch die rückwärts gerichteten Gedanken von Nationalisten in die Schranken.

Ich bin stolz auf diese Mannschaft aufgrund ihres fairen und respektvollen und dabei schönen Spiels. Nicht auf ein Land mit seinen geographischen Grenzen oder seiner Hymne. Aber auf diese Gesellschaft, die sich in weiten Teilen geöffnet hat, womit etwas Neues entstehen konnte. Ich hoffe, dass genügend Menschen dies erkennen. Damit wir gemeinsam die teils immer noch grassierenden Vorurteile und Stereotypen, das Gerede von deutschem Blut und soziale Spannungen überwinden können. Damit denjenigen, die den Erfolg der Fußballnationalmannschaft instrumentalisieren, um ihre rassistischen und menschenverachtenden Tiraden zu legitimieren, Widerspruch von allen Seiten entgegengestellt wird. Die deutsche Nationalmannschaft hat gezeigt, dass ein solcher Weg zu einer offenen Gesellschaft erfolgreich und schön zugleich sein kann.

Daher einen herzlichen Glückwunsch an unsere Weltmeister, herzlichen Glückwunsch, Deutschland.