Mut in Zeiten des Terrors

Wir Europäer seien „selber schuld“ an den Anschlägen, schallt es aus den Kommentaren – wegen einer imperialistischen Politik, sagen die einen. Wegen einer fehlgeleiteten Immigrationspolitik, sagen die anderen. „Zu schwach“ seien wir, „um unsere Werte zu verteidigen“.

Es ist ein vertrautes Gefühl nach der Katastrophe. Nach dem Schock, dass so etwas mitten unter uns passieren konnte und der Trauer über dieses Mädchen, dass da in Sneakers auf dem Boden liegt, die Arme friedlich überkreuzt und jetzt tot ist. So tot wie 130 weitere Menschen, die vorletzten Freitag ausgehen wollten. Es hätte auch meine Schwester sein können. Es hätte jeder sein können.
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Vom richtigen Leben im Falschen

In der deutschen Medienlandschaft stößt man in letzter Zeit immer wieder auf WissenschaftlerInnen und Intellektuelle, die unter dem Label „Kulturkritik“ Analysen vorlegen, nach denen man erstmal eine Folge South Park braucht, um wieder entspannt lachen zu können. Die bekanntesten Namen unter diesen Pessimisten sind wohl Hartmut Rosa und Byung-Chul Han, die in verschiedensten Formaten ihre Thesen von einer schlechten Gesellschaft zum Besten geben, die uns Individuen den Weg zum Lebensglück versperrt. Die individuelle Überzeugung und Unzufriedenheit Rosas, Hans und vieler anderer Menschen kann ich kaum kritisieren, ich will hier aber darlegen, warum ich glaube, dass man auch anders an das Problem individueller Unzufriedenheit herangehen kann. Und ich bin der Meinung, dass man damit näher an die Ursache und zumindest mein individuelles Erleben herankommt.

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Ist Freiheit nur ein Euphemismus für eine neoliberale Schreckensherrschaft?

Nie wieder Konsens!

Sicher bin ich nicht der einzige Mensch auf dieser Welt, der miterlebt hat, wie sich eine sachliche Diskussion zu einem handfesten Streit entwickelt hat. Und ich werde auch nicht der Einzige gewesen sein, der sich nach so einem Abend dann fragt, warum man selbst – aber auch die andere Partei – so wenig Verständnis für die Position des Gegenübers erübrigen konnte; vor allem, wenn es eigentlich um etwas ging, das weder einen selbst noch das Gegenüber persönlich tangiert hat.
Betrachtet man die jüngsten (Pseudo-)Koalitionsverhandlungen zwischen den Grünen und der Union und ruft sich dabei die Pädophilie-Debatte im Wahlkampf in Erinnerung, dann glaube ich, dass man so manches politische Phänomen mit der eben genannten Entwicklung einer ursprünglich sachlichen Diskussion vergleichen kann. Auch hier wurden sachliche Argumente an den Rand gedrängt, indem versucht wurde, die Positionen der Grünen aufgrund persönlicher Vorbehalte von vornherein zu diskreditieren. Doch wie kommt man so schnell von einer sachlichen Diskussion zu einem handfesten Streit? Was passiert also in dem Moment, wenn sachliche Argumente ihre Gültigkeit verlieren und warum passiert es?

Das verpasste Ende einer anregenden Diskussion

Jede Diskussion hat einen Zeitpunkt für ein sinnvolles Ende. Jede Erörterung hat ein Ende und jeder Zeitungsartikel und Blogeintrag hat ein Ende. Nämlich dann, wenn es nichts mehr zu sagen gibt. Wenn alle Argumente in Stellung gebracht wurden und ein Weitermachen nur zu der längst schon erlangten Erkenntnis führt, dass man dieses Thema so oder so betrachten kann und dass es keine „bessere“ Meinung gibt. Man könnte also sagen: du siehst das so, ich sehe das so – eigentlich witzig, dass man ohne Letztgültigkeit behaupten zu können trotzdem eine derart gefestigte Meinung ausbildet.
Doch so friedlich war die Welt noch nie. Es ist nicht lange her, da stand auch in Europa am Ende eines sachlichen Streits das Duell, die Inquisition oder ein Verhörraum – es musste entschieden werden, wessen Meinung stehen bleibt. Die Tatsache anzuerkennen, dass es keine letztgültige Wahrheit gibt; dass jeder und jede eigentlich die Freiheit besitzt, einfach „Nein“ zu sagen und sich anders zu verhalten, war undenkbar. Und diese Logik sitzt auch noch in unseren Hinterköpfen fest: als goldene Regel oder kategorischer Imperativ. Als Grundlage seines Handelns soll man eine Maxime suchen, die auch ein allgemeines Gesetz darstellen könnte. Die Hintergrundannahme dieser Idee ist die, dass jeder Mensch vernunftbegabt ist. Er ist damit befähigt zu erkennen, wie die Gesetze aussehen müssten, die allen Menschen gerecht werden. Es wird ihm also unterstellt, dass er – nach längerem Nachdenken – zwischen der schlechteren und der besseren Meinung unterscheiden kann. Und diese Unterstellung schmeichelt jedem Menschen, denn sie erlaubt es ihm, die Eingeschränktheit seiner Perspektive auszublenden, indem sie dem Selbst unterstellt, selbstlos handeln zu können.
Überträgt man das auf unsere noch sachliche Diskussion, dann versteht man, warum wir häufig nicht aufhören können, auf der Letztgültigkeit unserer Meinung zu beharren. Mit anderen Worten: Wir nehmen die Challenge des kategorischen Imperativs an. Wenn unser Gegenüber eine Meinung vertritt, die unserer „vernünftigen“ und selbstlosen Meinung widerspricht, dann muss es sich bei ihm um einen selbstsüchtigen Menschen handeln. Um einen Menschen also, der seine Vernunftbegabung nicht einsetzt und dessen Meinung daher nicht weiter geachtet werden muss.
Das, was in diesem Moment geschieht, kann man also Moralisierung des Konflikts bezeichnen. Man wendet sich von der sachlichen Dimension der Argumente bei der Erörterung einer Situation ab und bewertet sie als gut oder schlecht. Und da man davon ausgeht, dass jeder Mensch zum Erkennen des Guten und des Schlechten in der Lage ist, kann man seinem Gegenüber seine argumentative Unfähigkeit nicht verzeihen, ohne die Selbstsicherheit eines vernunftbegabten Menschen aufzugeben. Man besteht also darauf, dass das Gegenüber die eigene Meinung annimmt, weil man sich nicht eingestehen will, dass man selbst und der Mensch an sich nicht so vernünftig ist, wie es gemeinhin unterstellt wird. Aus der sachlichen Differenz wird so ein persönlicher Zwist. Die Freiheit der Meinungsäußerung des Gegenübers wurde zum Angriff auf die eigene Person umgedeutet und kann als solcher nicht geduldet werden. In der Logik der Moral darf es keinen Widerspruch geben.

Der zerbrochene Konsens

Wir streiten uns also, weil wir glauben, dass es Gut und Schlecht gibt und dass wir selbst beides unterscheiden können. Wir glauben daran, dass eine Art Konsens über diese beiden Kategorien besteht, der uns zugänglich ist, den wir nur zu erkennen brauchen. Und das Erkennen der Absolutheit von gut und schlecht macht uns und alle, die sich sonst noch die Mühe machen, zu dem, was wir sein wollen: bessere Menschen.
Doch anscheinend hält sich kaum jemand an diesen Konsens: Bankerinnen spekulieren auf Lebensmittel, Bischöfe bauen sich dekadente Häuser und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überschreiten auch noch die letzten ethischen Grenzen. Jede Tageszeitung erinnert uns daran, dass dieses Verhalten höchst amoralisch ist, sich also nicht am vernünftigen Konsens orientiert. Es sind also die Medien, die mit dem „wir“ ihrer Leitartikel ständig einen Konsens bei der Bewertung bestimmter Sachverhalte unterstellen, ohne zu reflektieren, dass die Perspektive gar keinen Konsens mehr abbildet. Spätestens, wenn man den Blick weitet und über den westlich-europäischen Tellerrand guckt, wird deutlich, dass es in dieser globalen Gesellschaft keinen Konsens gibt: weder zwischen verschiedenen regionalen Kulturen noch im Hinblick auf verschiedene Sachverhalte.
Die moderne Gesellschaft hat sich darauf spezialisiert, Konsens aufzubrechen, falls er überhaupt aufkommt. Konnte früher ein König seine Gesetze erlassen, ohne dass er laute Kritik ertragen musste, sieht sich heute jede Regierung mit einer Opposition konfrontiert, die Alternativen aufzeigt. Konnte die katholische Kirche Galilei noch unschädlich machen, besteht der wissenschaftliche Diskurs heute genau im ständigen Widerlegen ausgerufener Wahrheiten durch neue Wahrheiten. Noch deutlicher wird dies, wenn man sieht, dass sich sowohl die Regierungsparteien als auch die Oppositionsparteien auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen, um ihre Politik zu machen. Die Moral jedoch verläuft quer zu all diesen unterschiedlichen Sachbereichen und behauptet ihre Unterscheidung von gut und schlecht noch gegen das sachlichste Argument. Es ist jedoch zu bezweifeln, ob eine Welt, in der die moralische Unterscheidung von gut und schlecht wieder Einzug in die Teilbereiche der Gesellschaft findet, wirklich wünschenswert ist. Denn wo man die Meinung der Opposition unabhängig von ihrem politischen Gehalt als schlecht bewertet und missachtet, da ist die Demokratie am Ende. Die Errungenschaft der modernen Gesellschaft liegt – so schwer man sich damit tut – in der Amoralität ihrer Teilbereiche.

Diese Amoralität ist es, die sowohl die unglaubliche Effizienz und Anpassungsfähigkeit als auch die Unmöglichkeit einer gesamtgesellschaftlichen Steuerung begründet. Wer wollte bestreiten, dass die Leistungsfähigkeit der modernen Wissenschaft auch daraus resultiert, dass sie sich nicht darum kümmert, ob ihre Ergebnisse gut oder schlecht sind, solange sie wahr sind. Und auch im Hinblick auf das Medizinsystem ist uns im Fall des von katholischen Kliniken zurückgewiesenen Vergewaltigungsopfers klar geworden, dass die Notaufnahme eines modernen Krankenhauses jenseits dieser beiden Kategorien arbeiten sollte. Die Religion stellt in dieser Hinsicht ein besonders aufschlussreiches Phänomen dar: Denn das anachronistische Festhalten der Kirchen am moralischen Konsens stellt diese heutzutage in Abseits; nicht nur weil klar wird, dass sie sich selbst in ihrem Anspruch nicht gerecht werden können, sondern weil diese Perspektive vielen Gläubigen zunehmend als unvereinbar mit der sie umgebenden Realität erscheint. Und so schwirrt die Unterscheidung in Wirtschaft, Medien, Kirchen und Politik immer dann herum, wenn die Beteiligten vermuten, dass sich die Leserschaft steigt, wenn man BankerInnen diffamiert oder eine moralisch diffamierte Partei dem eigenen Lager Stimmen bringt und verhindert bei den so aufgeladenen Themen, dass sich irgendjemand mit der Sache selbst beschäftigt.

Kommt man also auf den Streit zurück, dann wird klar, dass es ganz normal ist, unterschiedliche Meinungen zu haben. Denn keine Perspektive ist absolut. Es kommt zum Streit, da das gesellschaftliche Bild des Menschen aus einer Zeit stammt, in der ihm eine souveräne Perspektive unterstellt wurde, während sich der moderne Mensch gleichzeitig mit der unglaublichen Pluralität der modernen Gesellschaft konfrontiert sieht. Das Moralisieren von Meinungen und die darauf basierende Beachtung oder Missachtung von Personen ist also im Kern konservativ – sie stammt aus einer Zeit vor unserer Zeit.

Freiheit jenseits von richtig und falsch

Die Konsequenz dieser Erkenntnis ist, alle Meinungen als ablehnbar zu betrachten und gleichzeitig zu verstehen, dass sie nur die kognitiven Auswüchse eines aufrecht gehenden Primaten darstellen. Man muss sich also vom Thron des vernunftbegabten Menschen herablassen und sich eingestehen, dass die Eindeutigkeit der Welt prekärer ist, als man es sich bei der letzten Diskussion noch eingestehen wollte. Wie wünschenswert eine solche intellektuelle Notbremse im Hinblick auf die eigene Meinung manchmal wäre, sieht man, wenn man sich die moralische Elite à la Grass anschaut: ihr Selbstbewusstsein auf der Tatsächlichkeit eines durch den vernünftigen Menschen erkennbaren Konsenses gründend, muss Grass gegen das Internet zu Felde ziehen. Denn wollte er die Pluralität und Globalität des Internets anerkennen, könnte er die mittelalterlich anmutende Antiquiertheit seines moralischen Zepters nicht mehr länger leugnen und es steht zu bezweifeln, dass er selbstironisch genug ist, um das zu ertragen.
Doch den Blick nach vorn. Wie schon erwähnt war es die Freiheit, die die Moral in ihrem absoluten Anspruch nicht dulden konnte. Sie konnte nicht dulden, dass jemand die Unterscheidung zwischen gut und schlecht ablehnt und sich allein auf sich selbst beruft, wenn er sein sachliches Urteil fällt. Das ist jedoch der Modus, der der modernen Gesellschaft angemessen scheint. Damit verbindet sich ein hehrer Anspruch, denn der Verlust der Vorstellung eines Absoluten bedeutet den Verlust eines Fixpunktes und damit die absolute Relativierung. Freiheit ist gewissermaßen ein Besinnen auf sich selbst und die eigene Beschränktheit – und dabei auch ein Stück weit Fatalismus: Ich bin weder verantwortlich für die Verhältnisse noch bin ich ihnen bedingungslos unterworfen. Die letzten Bezugspunkte, auf die ich mich berufen kann, bleiben ich, meine Auslegung der Welt und die Möglichkeit, nein zu sagen, wenn mir etwas nicht passt – ohne dass ich an Letzteres den Anspruch einer Revolution der Verhältnisse knüpfen kann. Keine Entscheidung kann in dieser Perspektive Absolutheit beanspruchen.
In ihrer Radikalität verängstigt die Freiheit des Individuums. Denn die eben noch mit exklusivem Anspruch vorgetragene Meinung erscheint in diesem Licht als sehr prekär. Doch mit diesem Anspruch fällt auch eine Last vom Einzelnen: Denn wenn man nicht mehr den Anspruch haben kann, alles richtig zu machen, kann man auch nichts mehr falsch machen. Entscheidungen und Meinungen können sich immer nur auf die subjektive Perspektive gründen und man kann den Anspruch getrost ablehnen, auch Entwicklungen im hintersten Winkel des Globus beurteilen zu können.
Man könnte daher überlegen, ob die moralische Aufladung eines Wahlkampfs überhaupt politisch wünschenswert ist, oder ob sie die Wahlbeteiligung noch weiter senkt, wenn moralische Argumente den Vorrang vor politischen haben. Leider beobachtet man häufig das Gegenteil: Der Gang zur Wahlurne wird zur moralischen Tugend und die Verweigerung wird zur Schmach.
Legt man die moralische Brille ab, ist es einem vielleicht möglich, beim nächsten Mal das Thema zu wechseln, bevor eine sachliche Diskussion zu einem Streit wird. Und über den Umweg der Amoralität des einzelnen Menschen ist es auch denkbar, dass auch die Politik sich vom wenig sachdienlichen Anspruch der moralischen Überlegenheit freimacht. Denn wo niemand an einen moralischen Konsens glaubt, lohnt es sich für Politikerinnen auch nicht, diesen zu bemühen. Alle könnten sich in dieser Hinsicht etwas von der Gelassenheit eines Danger Dans abgucken.